Osnabrück Träumen wir in Schwarzweiß oder in Farbe? Die Antwort fällt einem im Traum nicht ein
Träumen Sie in Schwarzweiß oder in Farbe? Dieser Frage geht die Forschung bereits seit den 1940er-Jahren nach und jedes Mal ist das Ergebnis ein anderes. Warum die Antwort nicht ganz so einfach ist.
Träumen wir eigentlich in Schwarzweiß oder in Farbe? Wahrscheinlich werden die meisten Jüngeren jetzt sagen: natürlich in Farbe. Im Gegensatz dazu dürften viele Ältere davon überzeugt sein: in Schwarzweiß. Doch, was stimmt denn nun und wieso sollte es einen Unterschied machen, ob man jünger oder älter ist?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort auf die Ausgangsfrage eigentlich ganz einfach zu sein, zumindest dann, wenn man sich die Studie von Prof. Dr. Warren C. Middleton anschaut, der genau das untersucht hat. Der Psychologe der DePauw-Universität in Greencastle, USA, befragte 277 College-Studenten danach, ob sie in ihren Träumen Farben sehen würden. Nahezu 40 Prozent antworteten mit „niemals“ und mehr als 30 Prozent mit „selten“. Lediglich rund 10 Prozent der Befragten gaben an, „oft“ oder sogar „sehr oft“ farbige Träume zu haben.
Doch Middletons Studie ist aus dem Jahr 1942. Würden die Antworten heute noch genauso ausfallen? Das fragte sich der amerikanische Philosoph Prof. Eric Schwitzgebel von der Universität von Kalifornien in Riverside, USA, Anfang der 2000er Jahre, denn er hatte da so einen Verdacht. Also wiederholte er Middletons Studie ganz einfach in der heutigen Zeit. Eine der Fragen, die er seinen Versuchsteilnehmern, übrigens wieder College-Studenten, stellte, war dann auch die selbe, die Middleton schon ein gutes halbes Jahrhundert zuvor gestellt hatte: „Sehen Sie Farben in Ihren Träumen?“
Interessanterweise fiel die Antwort jetzt ganz anders aus. Mehr als drei Viertel aller Befragten gaben nun an, zumindest gelegentlich farbige Träume zu haben. Nahezu 30 Prozent antworteten sogar mit „sehr häufig“, weitere knapp 30 Prozent mit „häufig“ und nicht einmal 5 Prozent der Studienteilnehmer mit „nie“. Wie lässt sich das erklären?
Eine überraschende Antwort auf diese Frage hat Prof. Dr. Michael Schredl, einer der führenden deutschen Schlafforscher und Traumexperten sowie wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Im Interview sagt er:
Der Gedanke, der dahinter steht, ist der folgende: Könnte es sein, dass Menschen, die mit schwarzweißen Medien aufgewachsen sind, angeben, in Schwarzweiß zu träumen und Personen, die mit farbigen Medien aufgewachsen sind, der Ansicht sind, dass sie farbige Träume haben? Das würde auch die unterschiedlichen Antworten der Studienteilnehmer aus den Jahren 1942 und derjenigen von Anfang der 2000er Jahre erklären.
Somit legten Schredl und sein Team das Augenmerk dann auch auf das Alter der Versuchsteilnehmer und teilten diese in drei unterschiedliche Gruppen ein. Da das Farbfernsehen in Deutschland im Jahr 1967 eingeführt wurde, unterteilten die Wissenschaftler ihre 2.701 Studienteilnehmer in folgende drei Gruppen: die Gruppe derjenigen, die nach 1968 geboren waren, diejenigen, die vor 1961 geboren waren, sowie eine Gruppe, die vom Geburtsdatum her dazwischen lag.
Die Ergebnisse der Untersuchung sind interessant. Der Schlafforscher und Traumexperte Schredl fasst sie so zusammen: „Die älteren Teilnehmer, bei denen man davon ausgehen konnte, dass sie hauptsächlich mit Schwarzweißfernsehen aufgewachsen waren, gaben häufiger an, schwarzweiße Träume zu haben als die jüngeren Teilnehmer, die von Geburt an Zugang zu Farbfernsehern hatten.“
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Ist das also die Antwort?: Menschen die hauptsächlich mit Schwarzweißmedien aufgewachsen sind, geben oft an, dass sie schwarzweiße Träume haben und Personen, die mit farbigen Medien aufgewachsen sind, sagen meist, dass sie farbig träumen?
Doch, gibt es da nicht einen Widerspruch? Selbst wenn die Medien früher schwarzweiß waren, Kino- und TV-Filme also und auch die Fotografien, so war die gesamte Alltagswelt um sie herum sehr wohl farbig, denn schließlich haben die Menschen in früheren Zeiten ja nicht in einer schwarzweißen Welt gelebt. Wie passt das zusammen?
Das wollte Prof. Eric Schwitzgebel genauer wissen und stellte zusammen mit Forschern aus China eine weitere interessante Studie an. Die Wissenschaftler untersuchten, welche Antworten chinesische Studienteilnehmer gaben, die teilweise kaum Zugang zu Farbmedien gehabt hatten, und fanden dabei Erstaunliches heraus.
Auf die Frage hin „Sehen Sie Farben in Ihren Träumen?“, antworteten Studenten aus der Millionenstadt Hefei mit problemlosem Zugang zu modernen Farbmedien deutlich häufiger, dass sie auch farbig träumten, wohingegen Studenten aus ländlicheren Gebieten, die zu dieser Zeit kaum Zugang zu Farbmedien hatten, viel öfter angaben, in schwarzweiß zu träumen. Das war durchaus zu erwarten, doch das Augenmerk der Forscher lag ganz woanders.
Professor Changbing Huang vom Institut für Psychologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking erläutert im Interview: „In unserer Studie schauten wir nicht nur danach, welche Erfahrungen mit Farbmedien vorlagen, sondern auch, welchen sozioökonomischen Status die einzelnen Gruppen hatten.“
Bei der genaueren Auswertung der Untersuchung stellten die Wissenschaftler dann auch etwas sehr Interessantes fest, meint Changbing Huang. „Wir gehen davon aus, dass die Antwort auf die Frage, ob in Schwarzweiß oder in Farbe geträumt wird, nicht so sehr davon abhängt, ob der Befragte wirklich schwarzweiße oder farbige Medien konsumiert hat, ganz gleich, ob heute oder in der Vergangenheit“, erläutert der Psychologieprofessor, „sondern vielmehr davon abhängt, wie die jeweilige Gruppe, der man angehört, das sieht.“
„Mit anderen Worten bedeutet das aber auch“, ergänzt Eric Schwitzgebel, „dass ein Landbewohner vielleicht sagt, er träume in Schwarzweiß, obwohl er eigentlich vor allem Farbmedien konsumiert.“
Da fragt sich natürlich: Wie wichtig ist es denn überhaupt für den Träumenden, ob er in Farbe oder in Schwarzweiß träumt? Michael Schredl meint: „Für viele Träume spielen Farben nur eine untergeordnete Rolle und werden deshalb nach dem Aufwachen nicht erinnert.“