Kolumne „Bi Kaarkens“  Eine „schöne“ Beerdigung?

Ina Jäckel
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Eine Kolumne von Ina Jäckel
| 20.10.2023 08:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Ina Jäckel
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Darf man etwas, das von Trauer bestimmt ist, als „schön“ bezeichnen? Ja, findet unsere Kolumnistin, und berichtet von einer persönlichen Erfahrung auf dem Friedhof.

Neulich waren wieder viele Menschen auf dem Friedhof. Eine Traube hatte sich um das Grab gebildet. Die meisten waren schwarz gekleidet. Nur eine trug einen rosafarbenen Schal. Und der fiel richtig auf inmitten von so viel Schwarz. Die alte Witwe des Verstorbenen hatte sich bewusst für diesen Schal entschieden. „Er liebte ihn so“, hatte sie mir erzählt. „Warum sollte ich ihn dann nicht tragen?“ Mir fiel kein Grund ein. Und ihr auch nicht.

Als der Sarg in die dunkle Erde hinuntergelassen wurde, stand sie da und schaute mich an. Was soll ich jetzt tun?, sagte ihr Blick. Ach, wer weiß denn schon, wie das geht: Sich für immer verabschieden – und was man dann tut? Ich lächelte ihr aufmunternd zu. Aber die Frau blieb reglos stehen. Aus einem plötzlichen Gefühl heraus machte ich einen Schritt auf sie zu und nahm ihre Hand. „Kommen Sie! Wir machen das zusammen.“ Und dann standen wir da Hand in Hand vor diesem großen Loch in der Erde. Sie weinte lautlos. Jemand räusperte sich. Und ansonsten war nur den Wind in den Bäumen zu hören. Ich bückte mich und griff mit der Hand in die Erde zu meinen Füßen. Sie war nass und klebte an meinen Fingern. Die alte Dame drehte sich zu mir und nahm mit Daumen und Zeigefinger Erde aus meiner Hand, so als würde sie etwas besonders Kostbares aus einer Schachtel nehmen. Mit Bedacht zerrieb sie die klebrige Masse zwischen ihren Fingern. „Erde zu Erde“, murmelte sie, und es klang nachdenklich.

Später, auf dem Parkplatz rief sie meinen Namen. „Danke! Das war eine . . . darf man sagen, dass eine Beerdigung ‚schön‘ war?“ – Die Frage höre ich oft. Darf man sagen, dass etwas „schön“ war, was gleichzeitig mit so viel Trauer verbunden ist? Ja, das darf man! Der Anlass ist natürlich traurig: Wir verabschieden uns von einem Menschen. Müssen hergeben und loslassen – aber wie wir das machen, können wir doch als stimmig, würdig, tröstlich und sogar schön wahrnehmen. Vielleicht einfach, weil es Herz und Seele in dem Moment guttut. Weil all das Schwarze ein bisschen rosa wird. Und wenn das gelingt, bin ich einfach dankbar. Weil das etwas ist, von dem ganz lange gezehrt werden kann.

Zur Person

Ina Jäckel (38) arbeitet gemeinsam mit ihrem Mann als Pastorin in der Friedens- und Petruskirchengemeinde in Loga. Das Paar hat vier Kinder. Als @dingens.von.kirchen ist Jäckel auch auf Instagram unterwegs.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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