Berlin Sie schämt sich jeden Tag: Miriam hat einen gut bezahlten Job – und 70.000 Euro Schulden
Es begann mit einem Studienkredit, heute ist Miriam überschuldet. Wie ihr geht es fast sechs Millionen Menschen in Deutschland. Viele leiden unter den psychischen Folgen. Über einen Kreislauf aus Konsum, Scham und Schlaflosigkeit, aber auch über den Ausweg.
Wenn Miriam abends zu Bett geht, weiß sie bereits, dass sie keinen ruhigen Schlaf finden wird. Die Nächte sind für sie besonders schlimm. Dann liegt sie wach, grübelt, rechnet, wird von Ängsten gequält. Übermannt Miriam doch die Müdigkeit, plagen sie meist Albträume.
Morgens spült sie mit ihrem Kaffee drei Paracetamol gegen die pochenden Kopfschmerzen herunter, abends dann drei weitere Tabletten mit Rotwein. An manchen Tagen ekelt sie sich regelrecht vor sich selbst und fühlt sich furchtbar allein. Denn niemand in ihrem Umfeld darf von ihrem großen Geheimnis erfahren: Miriam hat fast 70.000 Euro Schulden – und keine Ahnung, wie sie die jemals abbezahlen soll.
So wie Miriam, die eigentlich anders heißt, geht es vielen. Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland sind laut einer Studie der Wirtschaftsauskunftei Boniversum überschuldet, also nicht in der Lage, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Die Gründe für eine Überschuldung sind vielfältig und können jeden treffen, unabhängig von Alter oder sozio-ökonomischen Status.
Klarna, Paypal und andere Zahlungsanbieter, die mit dem „Buy now, pay later“-Prinzip Kunden locken, sind typische Schuldenfallen, in die insbesondere junge Menschen schnell tappen. Wesentlich häufiger sind allerdings Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, eine Trennung oder auch der Tod des Partners Auslöser für eine finanzielle Abwärtsspirale.
„Einschneidende Ereignisse können grundsätzlich jeden treffen“, sagt Dorothée Bünner, die seit 18 Jahren als Schuldnerberaterin für die Caritas im Bezirk Berlin-Pankow tätig ist. Zu ihr kommen viele Menschen, die verzweifelt sind und ihre Schuldenlast bereits seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten mit sich herumschleppen.
„Scham spielt eine ganz große Rolle und ist einer der Hauptgründe, warum Menschen uns oft erst nach Jahren der Verschuldung aufsuchen“, sagt Bünner. Dabei wachsen die Probleme natürlich, je länger man wartet. Und mit ihnen wächst die psychische Belastung.
Bereits 2008 stellte eine Studie des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz fest, dass acht von zehn überschuldeten Personen an einer Krankheit leiden. Insbesondere psychische Erkrankungen sowie Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen plagen die Betroffenen.
2021 führten Ärzte der Charité zudem erstmals eine Erhebung finanzieller Belastungen unter Patienten in (teil-) stationärer psychiatrischer Behandlung durch. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die überschuldeten Teilnehmern auffallend häufig an organischen psychischen Störungen, Persönlichkeitsstörungen und Substanzabhängigkeiten erkrankt waren. Schulden und psychische Gesundheit bedingen sich also gegenseitig.
In Miriams Fall beginnt alles gleich nach dem Schulabschluss: Mit 19 Jahren legt sie ihr Abitur ab, erhält einen Studienplatz an einer renommierten Universität, zieht vom Dorf in die Großstadt. Für die junge Frau ein beachtlicher Erfolg; vor ihr hat noch niemand in der Familie das Abitur geschafft, geschweige denn, eine Uni besucht. Auf finanzielle Unterstützung durch ihre Eltern kann sie aber nicht hoffen.
„Meine Eltern hatten kein echtes Interesse daran, meine akademische Ausbildung zu fördern. Ehrlicherweise hätten sie monetär aber auch nicht viel beisteuern können“, erklärt Miriam. „Ich habe während des Studiums zwar immer gejobbt, aber durfte nicht mehr als 450 Euro im Monat verdienen, um meinen Bafög-Anspruch nicht zu verlieren. Das Bafög wiederum hat nicht mal für die Miete meines WG-Zimmers gereicht.“
Inzwischen ist Miriam 32 Jahre alt und hat einen gutbezahlten Job in einer deutschen Metropole – mehr Details möchte sie über ihre Person nicht in einem Artikel lesen. Zu groß ist die Angst, dass jemand aus ihrem Bekanntenkreis sie wiedererkennen könnte. Denn der Schuldenberg wächst seit Jahren immer weiter.
Mit jedem fälligen Semesterbeitrag, mit jeder kostspieligen Pflicht-Exkursion und mit jedem unbezahlten Praktikum, das sie vom Kellnern abhält, wächst der finanzielle Druck. Also nimmt Miriam im dritten Semester einen Studienkredit bei der Förderbank KfW auf, während des Masters zusätzlich einen Bildungskredit. In wenigen Jahren häuft sie so knapp 40.000 Euro Schulden an. „Ich habe damals nicht darüber nachgedacht, welche langfristige finanzielle Verpflichtung ich mir da eigentlich aufhalse. Ich wollte einfach nur mein Studium schaffen“, sagt sie.
Noch an der Universität lernt Miriam einen Mann kennen, verliebt sich und findet sich in einer toxischen Beziehung wieder, die vor allem aus Manipulation, Lügen und psychischer Gewalt besteht. Nach jedem Streit verschwindet ihr Partner; erst nur stunden-, später nächte- und tagelang. Irgendwann verschwinden mit ihm auch Miriams EC- und Kreditkarten.
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„Ich hätte merken müssen, dass er spielsüchtig war“, sagt sie heute. „Aber ich wollte es nicht wahrhaben.“ Erst als ihr Girokonto eine Überziehung von 5000 Euro aufweist und die Kreditkarte mit weiteren 3000 Euro belastet wird, trennt sie sich. Den Mut, ihren Ex anzuzeigen, findet sie nicht – und kämpft stattdessen allein mit den neuen Schulden.
Für Miriam beginnt ein ständiger Kampf: Zinsen, unbezahlte Rechnungen, Mahngebühren und Inkassoforderungen. Als die Waschmaschine kaputtgeht, wäscht sie ihre Kleidung monatelang mit der Hand in der Badewanne.
Eigentlich sollte es Miriam gut gehen, sie hat den Aufstieg geschafft: 3300 Euro netto bekommt sie inzwischen im Monat, mehr, als ihre Eltern je verdient haben. Trotzdem sieht sie sich nicht in der Lage, die Schulden abzubezahlen. Denn mit dem Einstieg ins Berufsleben geht auch ein neuer Lifestyle einher – und Miriam hat panische Angst, aufzufliegen. Als jemand, der prekär aufgewachsen ist. Jemand, der einen Berg von Schulden hat.
„Ich arbeite in einer sehr auf Ästhetik und Status fokussierten Branche. Wer hier mitmischen möchte, muss auch äußerlich dazu passen“, sagt sie. Das neueste iPhone, Designerkleidung, mehrfach die Woche After-Work-Drinks in der Szene-Bar und Trips mit ihren Kollegen in teure Hotels – aus Miriams Studien- und Notfallschulden sind Konsumschulden geworden. Um vor den Kollegen den Schein aufrechtzuerhalten, kauft sie auf Pump.
Die monatlichen Zahlungsverpflichtungen übersteigen längst ihr Einkommen, an den Anblick des roten Kontostandes hat sie sich ohnehin bereits vor Jahren gewöhnt. Den Gang zum Briefkasten meidet Miriam, Mahnungen und Schreiben von Inkassounternehmen wirft sie meist ungeöffnet in den Müll.
Jeden Tag, wenn sie ihr teures Make-up auflegt, schäme sie sich, sagt sie. Und jeden Tag nimmt sie sich erneut vor, endlich ihre Finanzen in den Griff zu bekommen – erfolglos. Dem Druck, den Miriam seitens ihrer Kollegen und der Gesellschaft im Allgemeinen zu spüren glaubt, kann sie nicht standhalten. Und so beginnt der Kreislauf aus Konsum, Scham, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Tabletten erneut.
Wie zermürbend der Stressfaktor Geld sein kann, weiß auch Samia Little Elk. Die Verhaltenstherapeutin, Somnologin, also Schlafmedizinerin, und Fachärztin für psychosomatische Medizin betreibt in Berlin-Friedenau eine Praxis mit integriertem Schlaflabor. Im Laufe der Behandlung kristallisiere sich häufig heraus, dass finanzielle Sorgen eine Ursache der Schlafstörungen oder psychosomatischen Erkrankungen ihrer Patienten sind, berichtet die Ärztin.
Schulden seien dabei jedoch selten der einzige Belastungsfaktor. „Meist kommen familiäre Probleme wie eine Ehekrise hinzu“, so Little Elk. „Gerade, wenn die Partner in finanziellen Fragen nicht an einem Strang ziehen, vielleicht auch bestimmte Erwartungshaltungen unerfüllt bleiben, kann dies zu einer großen zusätzlichen Belastung werden, die langfristig durchaus in eine Depression führt.“
Die Ärztin betont, dass keine pauschalen Annahmen getroffen werden sollten: „Nicht jeder Mensch, der sich verschuldet hat, ist kaufsüchtig oder nicht in der Lage, sich zu organisieren.“
Die Schlafstörung aufgrund der Geldsorgen seien oft der Beginn eines Teufelskreises, sagt Samia Little Elk. Sie können im Alltag Konzentrationsprobleme auslösen, man hat größere Schwierigkeiten, sich zu strukturieren, reagiert eher gereizt und ist weniger leistungsfähig. Das kann auf Dauer zu einer Arbeitsunfähigkeit führen, was die Schlafstörungen und psychosomatische Gesundheit weiter verschlechtert.
Neben den seelischen Symptomen können sich Schlafstörungen auch auf den Körper auswirken: Sehr typisch sind laut Little Elk Magen-Darm-Probleme, Muskelverspannungen und Hautunreinheiten. Zudem kann die depressive Stimmung dazu führen, dass man eher zum Konsum schädlicher Genussmittel wie Alkohol, Koffein oder Zigaretten neigt.
Die Schuldenlast kann Samia Little Elk ihren Patienten nicht abnehmen, Hilfe finden Betroffene bei ihr dennoch: „Wir können dabei unterstützen, wieder mehr Struktur in das eigene Leben zu bringen, stressresistenter zu werden und den Mut zu finden, die Probleme konstruktiv anzugehen und sich an eine Beratungsstelle zu wenden.“ Insbesondere letzteres empfiehlt die Ärztin allen, die den schweren Weg aus der finanziellen Krise finden möchten.
„In eine Schuldenkrise zu geraten, bedeutet kein menschliches Versagen“, betont Little Elk. „Wir finden uns alle irgendwann im Laufe unseres Lebens auf einem Pfad wieder, der sich als Sackgasse herausstellt. Aber es gibt immer die Möglichkeit, umzukehren. Und es gibt für fast alles im Leben eine Lösung.“
Eine Aussage, die auch Dorothée Bünner von der Caritas-Schuldnerberatung unterstützt. „Es muss niemand Angst haben, uns aufzusuchen. Wirklich jeder kann in eine Schuldenfalle geraten. Und obwohl der Begriff es nahelegt, spielt das Thema ‚Schuld‘ bei Schulden keinerlei Rolle“, so Bünner.
Auch Miriam hat sich nach vielen Jahren schlafloser Nächte und Schuldgefühlen endlich überwunden und eine Beratungsstelle aufgesucht. Dass sich ihre Probleme damit nicht einfach in Luft auflösen werden, ist ihr bewusst, „das tun sie aber auch nicht, wenn ich sie weiter ignoriere“. Nach dem Gespräch mit der Schuldnerberaterin sei sie erstmal in Tränen ausgebrochen, erzählt sie – aus Erleichterung, denn zum ersten Mal seit langer Zeit habe sie wieder so etwas wie Zuversicht empfunden.
Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.