Paris Frankreich fürchtet Import des Nahost-Konfliktes: Höchste Warnstufe erklärt
Am vergangenen Freitag wurde im nordfranzösischen Arras der 57-Jährige Lehrer Dominique Bernard ermordet. Verbindungen zum aktuellen Geschehen im Nahen Osten sind wahrscheinlich. Frankreich fürchtet sich nun vor einem Import des Konfliktes.
Dominique Bernard war „ein Mann aus Gold“, so beschreibt es Camille, eine frühere Schülerin. „Der Beweis: Er hat sich für uns geopfert.“ Der 57-Jährige, ein Literatur-Liebhaber, beliebter Lehrer und Vater dreier Töchter, wurde am vergangenen Freitag auf einem Schulhof von Arras von einem 20-jährigen Islamisten erstochen. Zwei weitere Mitarbeiter des Gambetta-Gymnasiums in der nordfranzösischen Stadt überlebten die Messerattacke schwer verletzt. Indem er sich dem Angreifer, einem ehemaligen Schüler des Gymnasiums mit russischem Pass, entgegenstellte, habe Bernard „ohne Zweifel viele Leben gerettet“, sagte Präsident Emmanuel Macron.
Die Schweigeminute am gestrigen Montag fand gleichzeitig für Bernard und für den Lehrer Samuel Paty statt, der vor genau drei Jahre brutal ermordet wurde. Paty war zum Verhängnis geworden, dass er im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Nach einer Hetzkampagne in den sozialen Medien gegen ihn enthauptete ihn ein in Frankreich lebender Tschetschene auf der Straße. Auch diese Tat erschütterte das Land zutiefst.
Ob sich der mutmaßliche Mörder von Dominique Bernard diese zum Vorbild nahm oder ob er auf den Krieg in Israel reagierte und dem Aufruf der Hamas zu einem „Tag des Zorns“ am vergangenen Freitag folgte, ist weiterhin unklar. Der junge Mann, der der Polizei als radikalisiert bekannt war und den der Geheimdienst überwachte und abhörte, schweigt bislang in der Untersuchungshaft. Zehn Personen aus seinem Umfeld, darunter seine Mutter und seine Geschwister, wurden ebenfalls festgenommen.
Innenminister Gérald Darmanin sagte, es sei „leider von einer Verbindung zwischen den Ereignissen im Nahen Osten und dieser Tat“ auszugehen. Mehrere Versuche, die Familie, die aus Inguschetien, einer autonomen Republik im Nordkaukasus, stammt und für ihre radikalen Auffassungen berüchtigt ist, auszuweisen, waren in der Vergangenheit gescheitert. Macron wies nun die Behörden an, die nationale Gefährderdatei nach auszuweisenden Menschen zu durchkämmen, mit einem besonderen Augenmerk auf „jungen Männer aus dem Kaukasus“.
Am Montagmorgen musste das Gambetta-Gymnasium aufgrund einer Bombenwarnung zeitweise evakuiert werden. Bereits am Wochenende wurden der Louvre in Paris und das Schloss von Versailles „aus Sicherheitsgründen“ geräumt. Nach dem Attentat in Arras am Freitag herrscht in Frankreich die höchste Warnstufe „Notfall Attentat“. Bereits seit den Hamas-Angriffen auf Israel wurde der Schutz für jüdische Einrichtungen, Schulen und Synagogen in dem Land verstärkt. Seit dem gestrigen Montag sind 7000 zusätzliche Soldaten im Einsatz, um Schulen, Touristenattraktionen oder andere sensible Orte abzusichern.
Die Furcht, die Angriffe auf Israel und als Folge eine Bodenoffensive in Gaza könne ein gewalttätiges Echo in Frankreich auslösen, ist spürbar. Regierungssprecher Olivier Véran warnte davor, „den Konflikt nach Europa zu importieren“. In einer Umfrage äußerten 85 Prozent der Franzosen diese Sorge.
In dem Land lebt mit schätzungsweise mehr als einer halben Million Menschen die größte jüdische Gemeinschaft in Europa. Zugleich beherbergt es knapp sechs Millionen Muslime, unter ihnen rund 100.000 Palästinenser. Zigtausende gingen bei Solidaritätsmärschen für Israel auf die Straße, darunter allein in Paris rund 20.000 Menschen. Trotz Verboten fanden sich auch viele Unterstützer bei propalästinensischen Kundgebungen ein. Das Leid der Palästinenser trifft auf große Anteilnahme. Die Politik steht vor der schwierigen Aufgabe, eine ausgewogene Haltung einzunehmen.
Mehrmals wurden Juden Opfer von Terror-Anschlägen in Frankreich, zuletzt im Jahr 2012 in Toulouse, wo ein Attentäter drei Kinder und einen Rabbiner in einer jüdischen Schule erschoss sowie 2015 bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris. Seit den Hamas-Attacken gegen Israel gab es 102 Festnahmen in Verbindung mit antisemitischen Handlungen oder Worten. In einem Interview mit der Zeitung „Le Monde“ appellierte die Rabbinerin Delphine Horvilleur an alle, nicht in die Spirale des Hasses einzusteigen und auf eine „absolute Entmenschlichung des anderen Lagers“ zu verzichten.