Osnabrück  Die Weltpolizei USA funktioniert nicht mehr – das geht uns alle an

Marion Trimborn
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Von Marion Trimborn
| 16.10.2023 13:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die USA wollen seit 20 Jahren den Nahen Osten befrieden und den Terror besiegen – und sind gescheitert. Die Region steht an vielen Stellen in Flammen, so wie hier in Afghanistan, wo amerikanische Flaggen verbrannt werden. Foto: dpa/AP/Siddiqullah Alizai
Die USA wollen seit 20 Jahren den Nahen Osten befrieden und den Terror besiegen – und sind gescheitert. Die Region steht an vielen Stellen in Flammen, so wie hier in Afghanistan, wo amerikanische Flaggen verbrannt werden. Foto: dpa/AP/Siddiqullah Alizai
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Die USA wollen schon immer Weltgarant in grundsätzlichen Fragen sein. Das gelingt ihnen immer weniger. Seit den Terroranschlägen vom 11. September sind die Vereinigten Staaten auf einem Irrweg, jetzt auch in punkto Israel-Krieg. Und die ganze Welt leidet darunter.

Wenn ich mich erinnere, so haben meine Eltern mir immer ein positives Bild der Weltmacht USA vermittelt. Wie diese uns Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen hat, den Wiederaufbau zu stemmen und als Nation wieder auf die Beine zu kommen, ist unvergessen. Ohne den Marshallplan sähe unser Land, sähe Europa heute anders aus. Die Amerikaner haben damit auch viel für den Weltfrieden getan. Lang ist‘s her.

Inzwischen stelle ich aber fest, dass die selbsternannte ehemalige Weltpolizei nicht mehr funktioniert. In Israel droht nach dem Massaker der Hamas ein Krieg an vielen Fronten, manche halten einen Dritten Weltkrieg für möglich. Wie konnte es so weit kommen?

Einen Teil der Schuld daran tragen die USA, die sich als Schutzmacht Israels verstehen. Zu ihren katastrophalen Fehleinschätzungen zählt die Annahme, dass man die schlechte Lebenssituation der Palästinenser über Jahre ignorieren könnte und die Hamas zu keiner ernsthaften Militäraktion in der Lage sei – das Gegenteil wurde gerade bewiesen. Die USA haben auch die Rolle des Iran unterschätzt, der arabische terroristische Bewegungen wie Hamas und Hisbollah finanziert und ausrüstet. 

Der Iran hat zudem sein Atomwaffenarsenal mittlerweile nahezu fertig entwickelt und ist bereit zum Angriff auf Israel. Es war naiv von den Amerikanern, zu glauben, dass man mit einem Terrorregime, das seine Bürger brutal unterdrückt und tötet, verhandeln kann. Den Iran als Zentrum des Terrors militärisch einzugrenzen, wäre wohl tatsächlich notwendig gewesen – aber gerade hier ist eben nichts passiert.  

Aber auch insgesamt ist die außenpolitische Bilanz der USA im Nahen Osten ein Desaster. Mehr als 20 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 befinden sich die Vereinigten Staaten in einer schlechteren Lage als zuvor – und das auch wegen ihrer Handlungsmaximen im Krieg gegen den Terror. Hier hat fast nichts funktioniert. 

Die Liste der Fehlschläge ist lang, die Region liegt in Trümmern. Der Krieg gegen die „Achse des Bösen” 2003 führte zwar im Irak zum Sturz des Diktators Saddam Hussein, doch das Land ist nicht befriedet, Terror an der Tagesordnung. Chaos in Libyen (wo die Amerikaner mithalfen, Machthaber Muammar al-Gaddafi zu stürzen), der erfolglose US-Einsatz in Syrien, der gescheiterte Kampf gegen die Taliban in Afghanistan, der zudem auch noch mit einem  Rückzug der Schande endete – die USA sind im Nahen Osten erfolglos. 

Es gab aber auch ein positives Beispiel: General David Petraeus, der während der Irak-Mission die Fehler der US-Strategie sah und sie vollständig änderte. Er schickte seine 18 000 Soldaten unters Volk und initiierte in zehn Monaten 4500 Hilfsprojekte an Schulen, Universitäten, bei der Polizei und im Bereich Ernährung. Das war extrem erfolgreich: Gewalt und Terror im Irak gingen daraufhin deutlich zurück. So geht‘s.

Denn man kann nicht ein Monster bekämpfen, indem man selbst zum Monster wird, schrieb gerade der US-Politologe Ian Bremmer, und das scheint mir sehr wahr zu sein. Kann man radikale Ideen (nur) mit militärischer Gewalt Ideen bekämpfen? Nein, natürlich nicht. Denn so entsteht nur ein Mythos der Märtyrer und Helden. Einfach hingehen, militärisch eingreifen und dann wieder rausgehen – das funktioniert nicht. Terror kann man nur besiegen, wenn man ihm die Wurzeln entzieht, also die bestehenden Konflikte ernsthaft angeht und die Lebensbedingungen der Menschen verbessert. 

Weltpolitisch ist der Schaden gigantisch, für alle Nationen. Die Fehlschläge der Amerikaner haben den Russen die ideale Gelegenheit gegeben, weltweit wieder in Erscheinung zu treten, etwa in Afghanistan und Syrien, und dann den Ukraine-Krieg anzuzetteln.

Die Hoffnung auf Frieden in der Welt schwindet gerade immer mehr. Dennoch: In der aktuellen Situation muss sich der Westen – mit den USA an der Spitze – zur Wehr setzen und das westliche Lebensmodell der Demokratie und der Menschenrechte verteidigen. Sonst ist der Fortbestand unserer freiheitlichen Kultur ernsthaft gefährdet.

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