Paris „Der Horror wiederholt sich“: Lehrer in Frankreich nach Messerangriff geschockt
Ein 20-Jähriger tötete am Freitag im nordfranzösischen Arras bei einem Messerangriff einen Lehrer und verletzte zwei weitere Personen. In Frankreich werden Erinnerungen an den vor drei Jahren ermordeten Lehrer Samuel Paty wach.
Beim schrillen Erklingen der Sirenen dachte er zunächst an eine Feuerschutz-Übung, sagt Fabien Dufay an diesem Freitagmittag in das Mikrofon eines Fernsehteams. Doch schnell habe der Sportlehrer begriffen, dass es sich nicht um einen Test handelte – sondern um einen Anschlag auf dem Schulhof des Gambetta-Gymnasiums in der nordfranzösischen Stadt Arras. Mohammed M., ein 20-jähriger Tschetschene, griff dort mit einem Messer mehrere Menschen an, tötete dabei einen Lehrer und verletzte zwei weitere Männer, einen davon schwer. „Allahu Akbar“, arabisch für „Gott ist groß“, hörten Zeugen M. rufen, der der Polizei wegen Radikalisierung bekannt war.
Ein Handy-Video, das in den sozialen Netzwerken zirkuliert, zeigte ihn, wie er auf dem Schulhof bedrohliche Gesten gegen mehrere Personen machte, die ihn mit einem Stuhl abzuwehren versuchten. Er wurde festgenommen, die Staatsanwaltschaft für Terrorismusbekämpfung nahm Ermittlungen auf.
Den getöteten Kollegen habe er flüchtig gekannt, sagt Fabien Dufay. Wie er sich jetzt fühle? „Man fragt sich, wie man sich auf den Beinen halten soll.“ Er sehe die Angst in den Augen seiner Schüler. Alle, Jugendliche, Eltern wie Lehrer, stünden unter Schock. Einmal wieder.
Vor genau drei Jahren, am 16. Oktober 2020, ermordete ein Islamist in der Pariser Vorstadt Conflans-Sainte-Honorine den Lehrer Samuel Paty auf dem Heimweg von der Schule. Im Vorfeld war Paty Opfer einer Hetzkampagne im Internet geworden, nachdem er in einem Kurs über Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Sein Mörder, ebenfalls ein in Frankreich lebender, radikalisierter Tschetschene, erfuhr über die sozialen Medien davon, reiste aus einer anderen Stadt an, bezahlte Schüler, damit sie ihm Samuel Paty zeigten.
Das Attentat erschütterte die französische Lehrergemeinschaft zutiefst. „Der Horror wiederholt sich“, sagte Didier Georges, Mitglied der Gewerkschaft von Schuldirektoren, am Freitag. Ein großer Schulkomplex wie das Gambetta-Gymnasium, in dem es ein ständiges Kommen und Gehen gebe, sei schwer abzuriegeln.
Die Hintergründe der Tat blieben zunächst unklar. Bekannt wurde, dass es sich bei dem mutmaßlichen Angreifer um einen ehemaligen Schüler der Einrichtung handelt, der dort bereits wegen seinen radikalen Einstellungen aufgefallen war. Erst am Donnerstag soll er laut Ermittlerquellen kontrolliert worden sein. Er wurde vom Inlandsgeheimdienst überwacht und abgehört.
Doch er habe das Profil einer „radikalisierten Einzelperson, deren Gefahrenpotenzial bekannt ist, doch die sich plötzlich zur Tat entscheidet“, zitierte die Zeitung „Le Monde“ eine polizeiliche Quelle. Nach dem Attentat kam auch sein jüngerer Bruder in Untersuchungshaft, der wegen Zugehörigkeit zu einer Terrorvereinigung verurteilt worden war.
Ob die Tat im Zusammenhang mit dem Krieg in Israel steht, müssen Polizei-Quellen zufolge die Ermittlungen erst zeigen. Tatsächlich wird ein Überschwappen des Nahost-Konfliktes befürchtet. In Frankreich lebt die größte jüdische Gemeinschaft Europas, das Land zählt zugleich die meisten Muslime. Medienberichten zufolge herrschte im Innenministerium große Besorgnis angesichts einer „Atmosphäre, die Einzeltaten zuträglich sein könnte“.
Erziehungsminister Gabriel Attal ordnete unmittelbar Maßnahmen zur Verstärkung der Sicherheit aller Schulen an. Auch jüdische Einrichtungen und Synagogen werden seit Wochenbeginn verschärft überwacht. Propalästinensische Demonstrationen sind verboten. Darüber setzten sich am Donnerstag allerdings hunderte Menschen hinweg, in Paris löste die Polizei eine unerlaubte Kundgebung mit Wasserwerfern auf.
Kurz zuvor hatte Präsident Emmanuel Macron in einer Fernsehansprache die Angriffe der Hamas als „Barbarei“ bezeichnet und Israel das Recht auf Verteidigung zugestanden, verknüpft mit der Mahnung, „gerecht“ zu bleiben und Zivilisten zu verschonen. Das Ziel müsse Frieden sein, so Macron, der die Menschen dazu aufrief, „eins zu bleiben“. Am Folgetag kam es zu der Horrortat.