Osnabrück Das andere Wort für wählen: Kiesen wird heute kaum noch erkoren
Er hat sich eine Frau erkoren. Wer sagt das noch? Das Verb kiesen ist weitgehend aus dem Gebrauch geraten. Dabei lohnt es sich, noch einmal genau auf dieses alte Wort zu schauen.
Wer liest noch Gedichte von August Graf von Platen? Außer einigen Germanisten wohl niemand mehr. „Zur Braut mir zu kiesen die holdeste Magd“. Wer einst einen solchen Vers geschrieben hat, der gilt heute zu Recht als veraltet. Was reizt mich dennoch an dem altbackenen Stückchen Literatur?
Es ist das Verb. Kiesen: Wer weiß noch, was das bedeutet? Der Vers von Platens mag seltsam klingen, aber das Wort kiesen gibt mir das Gefühl, in allerlei Sprachgeröll einen kleinen blitzenden Edelstein zu finden.
Dabei haben schon die Brüder Grimm in ihrem Wörterbuch dieses Verb als veraltet eingestuft. Unglaublich, ganz nebenbei gesagt, wie es ihnen gelungen ist, für ihre Worteinträge so viele Belege aus der Literatur zu versammeln. Und das ohne die Möglichkeiten einer digitalen Datenverarbeitung.
Kiesen bedeutet auswählen – und zugleich ein entscheidendes Mehr als nur das. Etwas zu kiesen bedeutet, sich für eine Besonderheit zu entscheiden, etwas sehr Wertvolles aus dem Überangebot des Mittelmäßigen herauszufiltern. Auf diese Weise zu wählen bedeutet auch, genau hinzusehen, kritisch zu prüfen.
Das Verb hat Vorformen im Alt- und Mittelhochdeutschen. Interessant übrigens, dass sich das französische Verb choisir für wählen auch von diesen Ursprüngen herleitet. Das spricht für eine zunächst mächtige Wirkung dieser alten Vokabel.
Ich kiese, du kiest und so weiter. Das sagt heute niemand mehr. Wir koren, ihr kort: Die Vergangenheitsformen dieses Verbs klingen erst recht fremd in unseren Ohren. Nur wenn jemand etwas erkoren hat, kommen wir mit unserem Sprachverständnis noch mit.
Dabei bewahre ich mir für das Verb kiesen eine kleine, ganz persönliche Schwäche. Es erinnert daran, dass es ein Wählen ohne Auswählen nicht gibt, daran, dass jede Wahl mit einer bewussten Unterscheidung zu tun haben sollte. Heute suchen wir aus, favorisieren, entscheiden uns für etwas. Das ist es aber auch.
Kiesen: Das Wort hat einen viel präziseren Sinn. Schade, dass es so altertümlich klingt. So wird es von heutigen Sprachverwendern kaum noch einmal erkoren.