Köln  Christoph Maria Herbst: „Wenn es einfach nur noch bemüht woke wirkt, leidet darunter oft die Geschichte“

Dominik Bögel
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Von Dominik Bögel
| 13.10.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 13 Minuten
Schauspieler Christoph Maria Herbst ist vor allem für komödiantische Rollen bekannt. Doch auch für ihn hat Humor eine Grenze. Foto: dpa/Annette Riedl
Schauspieler Christoph Maria Herbst ist vor allem für komödiantische Rollen bekannt. Doch auch für ihn hat Humor eine Grenze. Foto: dpa/Annette Riedl
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Christoph Maria Herbst findet es gut, dass in Filmen immer öfter auch Menschen mit Migrationshintergrund vertreten sind. Von „erzwungener“ Diversität hält er jedoch wenig, wie der Schauspieler im Interview erzählt. Statt durch Besetzungsquoten, müsse man anderweitig nachhelfen.

In seinem neuen Film „Ein Fest fürs Leben“ spielt Christoph Maria Herbst einen Hochzeitsplaner, der während einer pompösen Feier gegen das Chaos ankämpft. Im Interview erzählt er, welcher Filmdreh chaotisch war, wo für ihn die Grenzen von Humor ist und was er von einem schwarzen Räuber Hotzenplotz hält.

Frage: Herr Herbst, in Ihrem neuen Film „Ein Fest fürs Leben“ versinkt eine minutiös geplante Hochzeit im totalen Chaos. Haben Sie etwas Ähnliches schon einmal auf einem Filmset erlebt?

Antwort: In der Form wie im Film nicht, nein. Ist ja auch eine überspitzte Komödie. Was dem vielleicht etwas nahekommt, war ein Erlebnis am Set des „Stromberg“-Films: Die Handlung spielt im Frühjahr, gedreht haben wir aber im Februar. Eines Nachts fielen dann bestimmt über zwanzig Zentimeter Schnee. Die Produktion musste deshalb kurzerhand Flammenwerfer organisieren, um den Schnee zu schmelzen. Das schrappte ein wenig am Chaos vorbei.

Frage: Da hat man ja schnell noch eine Lösung gefunden. Sind Sie bei der Arbeit denn leicht aus der Ruhe zu bringen?

Antwort: Nein, ich bin eigentlich recht gechillt. Das kommt wahrscheinlich auch von der langjährigen Berufserfahrung. Irgendwann hat man sich dran gewöhnt, dass nicht alles immer perfekt läuft. Mal regnet es, weshalb ein Drehtag draußen ausfällt, oder jemand fehlt krankheitsbedingt – da bleibe ich inzwischen ganz cool oder weiß zu improvisieren.

Frage: Ihre Filmfigur Dieter aus „Ein Fest fürs Leben“ bleibt ebenfalls den meisten Teil des Films über professionell und ruhig, aber irgendwann ist auch seine Geduld hinsichtlich des ganzen Chaos am Ende. Gibt es etwas, was Sie auf die Palme bringen kann?

Antwort: Puh, auf die Palme bringen so jetzt nicht. Was mich aber etwas stört, ist, wenn jemand unvorbereitet zur Arbeit erscheint. Das ist einfach mies gegenüber dem restlichen Team, denn einem Kollegen ist dann unter Umständen zu verdanken, dass alle Überstunden machen müssen, nur weil er seine fünf Zeilen nicht auswendig weiß.

Frage: Man hört heraus, Sie nehmen Ihre Arbeit sehr ernst. Reicht das bei Ihnen schon an Perfektionismus heran?

Antwort: Diese –ismus-Endungen mag ich nicht. Auch das Wort Perfektionismus schreckt mich ab. Es klingt so ultimativ. Ich mache einfach meine Hausaufgaben: komme gut vorbereitet ans Set, habe eine klare Vision der Szene und versuche, diese mit der Vision der Regie zusammenzubringen. Diese drei Faktoren sind für mich das Minimum bei der Arbeit. Auch im Genre Komödie muss man – man glaubt es kaum – die Arbeit sehr ernst nehmen. Es gibt nichts Peinlicheres als eine Komödie, die unglaubwürdig gespielt ist.

Sehen Sie hier den Trailer zu Christoph Maria Herbst neuem Film „Ein Fest fürs Leben“:

Frage: Nach zwei Takes bereits zu sagen „Das reicht, wir haben die Szene im Kasten“ ist also wahrscheinlich nicht Ihr Ding? Eher so nach zehn Takes?

Antwort: Weder noch. Ich freue mich über jeden Regisseur, der sich nicht auf ein stumpfes Muster festlegt. Mal ist eine Szene erst nach zwölf Takes perfekt, mal bereits nach zwei. Aber hier spielt auch wieder die Berufserfahrung mit: Ich merke schon, wenn ich eine Szene hätte besser spielen können und frage den Regisseur dann auch, ob ich sie noch einmal anders interpretieren kann.

Frage: Hätten Sie denn zu Anfang Ihrer Karriere am Theater vor mehr als 30 Jahren gedacht, dass Sie einmal primär im Komödienfach landen werden?

Antwort: Nein. Als ich in Wuppertal zum ersten Mal auf der Bühne stand, schien diese Welt noch weit entfernt. Wir waren damals nicht so viele Mitglieder im Schauspielensemble und deshalb musste jeder mal jede Rolle übernehmen – zum Glück! Bereits anfangs nur auf einen Typus verengt zu werden, hätte ich als sehr langweilig empfunden. So konnte ich mich in fast jeder Sparte ausprobieren. Mit der Zeit ging es dann immer mehr in Richtung Komik. Aus dem simplen Grund, dass mir diese Art des Spiels am meisten Spaß gemacht hat.

Frage: Gibt es denn eine Rolle, die sei einmal gerne spielen würden, die auf den ersten Blick nicht ihrem Typus entspricht?

Antwort: Ich würde gerne mal in einem Psychothriller mitspielen, das Genre fehlt mir noch. Da hätte ich schon Bock drauf. Dann aber lieber als Bösewicht, denn einen Kommissar habe ich in „Kreutzer kommt“ ja schon einmal gespielt. So einen richtig durchtriebenen Schurken. Aber ich habe auch noch Zeit, ich bin ja erst 57.

Frage: Wo wir schon bei „fieses Ekel“ sind: Wir kommen nicht drumherum, über Ihre Paraderolle Bernd Stromberg zu sprechen. Glauben Sie, die Serie um den unangenehmen und politisch inkorrekten Chef könnte angesichts der Debatten um Wokeness und politische Korrektheit heute noch in ihrer Form produziert werden?

Antwort: Nun ja, die Serie läuft auf den Streamingdiensten weiterhin hoch und runter. Die Beliebtheit ist also ungebrochen und es scheint sie noch keiner „canceln“ zu wollen. Ob sich ein Studio aber heute noch trauen würde, Stromberg in der genau gleichen Machart zu produzieren, kann ich schwer einschätzen. Man müsste sich zumindest sensibler herantasten und bei manchen Formulierungen aufpassen.

Frage: Inwiefern aufpassen?

Antwort: Also was der Stromberg da so von sich gibt, war und ist natürlich bewusst grenzwertig. Angesichts manch eines Spruchs kann man schnell zu dem Gedanken kommen: Der würde heute bestimmt AfD wählen. Dazu kommt, dass Aussagen im Zeitalter von Social Media oft kontextfrei gepostet werden. Da könnte schnell Jubel von Seiten kommen, auf die man eigentlich gar nicht abzielt. Dann kommt der Shitstorm der Gegenseite, daraufhin mischt sich diese Gruppe und dann jene ein und keiner weiß mehr, worum es anfangs eigentlich ging. Dennoch muss es natürlich Formate geben, die den Leuten auf den Schlips treten und unbequem sind. Und das wäre bei Stromberg auf jeden Fall so.

Frage: Darf Comedy denn wehtun oder hat sie Grenzen?

Antwort: Hinsichtlich unserer deutschen Geschichte gibt es gewisse Witze, die ich nicht machen würde. Bei Humor muss aber jeder seine eigene Grenze festlegen. Im Großen und Ganzen halte ich es mit Kurt Tucholsky. Was darf Satire? „Alles.“

Frage: Also auch gerne über andere lachen?

Antwort: Auf jeden Fall! Schadenfreude ist ein essenzieller Teil von Komik. Wir freuen uns, dass wir gerade nicht in der Situation der Figur sind, die auf der Leinwand die ein oder andere Peinlichkeit stellvertretend erlebt. Wir können uns im Kinosessel zurücklehnen und lauthals darüber lachen. Das hat auch etwas Reinigendes für die Seele.

Frage: Auch in „Ein Fest fürs Leben“ darf viel über die Missgeschicke und Malheurs anderer gelacht werden, am Ende steht jedoch das Happy End mit der Botschaft: So schlimm es auch scheint, alles wird gut. Ist ein solcher Film zu den jetzigen krisengebeutelten Zeiten umso wichtiger, damit die Menschen der harschen Realität ein paar Stunden entfliehen können?

Antwort: Das finde ich extrem wichtig. Wir kapseln uns mit dem Film ja auch nicht komplett von der Realität ab, Themen wie Corona und die Energiekrise spielen eine Rolle. Ich halte es aber für eine Art emotionale Hygiene, einfach mal den Krisen dieser Welt zu entfliehen. Die Menschen trotz aller negativen Umstände zum Lachen zu bringen, hat mich schon immer unglaublich motiviert.

Frage: Es gab bestimmt auch einige Comedians, die Sie sehr geprägt haben?

Antwort: Sehr viele! Einer der ersten war Didi Hallervorden. Die Sketche aus seiner Sendung „Nonstop Nonsens“ habe ich damals auf dem Schulhof unter dem Gelächter meiner Klassenkameraden nachgespielt. Dann hatte ich aber zeitweise auch mal eine Otto-Waalkes- oder Jerry-Lewis-Phase – all die Großmeister. Über allem thront aber Vicco von Bülow alias Loriot. Aus meiner Sicht hat dieser einen zeitlosen Humor geschaffen. Auch die junge Generation würde an dieser eigenwilligen Art von Humor weiterhin ihren Gefallen finden. Da bin ich mir sicher. Dieser scharfe Blick auf das menschliche Miteinander, das Sezieren von Beziehungen, das Setzen von Pausen vor der Pointe – herrlich. Da habe ich mich schon in meiner Kindheit halb totgelacht und später eine Menge abgeguckt.

Frage: Lehnen Sie Ihr Schauspiel denn auch an diese Komiker an?

Antwort: Nicht explizit an diesen oder jenen. Viel eher ist in homöopathischen Dosen von jedem Stil etwas dabei.

Frage: „Ein Fest fürs Leben“ ist ein Remake einer französischen Komödie. Lässt sich der französische Humor einfach so auf den deutschen übertragen oder unterscheidet sich der Humor beider Länder stark?

Antwort: Einige wesentliche Veränderungen gehen bei der Neuinterpretation von ausländischen Komödien immer einher. Bei dem Film „Der Vorname“, was ja auch die Adaption einer französischen Komödie war, haben wir im Deutschen den Fokus stärker auf die Kontroverse um den Namen Adolf gelegt als im Original – aus nachvollziehbaren Gründen. Manche Witze werden also schon mehr ausgereizt, lokalisiert oder teilweise auch ganz weggelassen, je nach landestypischem Humor.

Frage: Ist Humor aus Ihrer Sicht also länderspezifisch oder gibt es universelle Komik, über die überall in der Welt gelacht wird?

Antwort: Zu einem gewissen Grad ist Humor länderspezifisch. Eine Komödie, die hier funktioniert, muss noch lange nicht im Ausland gut ankommen - und umgekehrt. Persönlich konnte ich das bei einem Kinobesuch in Myanmar erleben. Da lief eine total überdrehte myanmarische Komödie, die schon ins infantile abdriftete. Erwachsene haben sich durchweg wie Kinder benommen und auch so geredet. Mein Fall war es jetzt nicht – auch abgesehen davon, dass ich die Sprache nicht verstand – aber die Menschen um mich herum lagen vor Lachen am Boden. Ob der Film in Deutschland Erfolg hätte, wage ich zu bezweifeln. Dennoch gibt es natürlich aber auch universellen Humor. Die gut platzierte Torte im Gesicht oder die gute alte Bananenschale regen die Menschen in Südafrika oder Grönland genauso zum Schmunzeln an wie hierzulande, schätze ich.

Frage: Ihre Filmfigur Dieter sieht sein Team als seine Familie an. Wie ist es bei Ihnen? Ziehen Sie am Filmset eine familiäre Atmosphäre vor oder lieber ein klar abgetrenntes Arbeitsverhältnis zum Privaten?

Antwort: Nun, die Umstände am Filmset sind im Laufe der Jahre härter geworden. Früher hatte man oft mehr Budget und Drehzeit für einen Film und konnte abseits des Sets noch einiges unternehmen. Das ist heute nicht mehr so. Da bleibt nach dem Drehtag meist wenig Zeit, um mit den Kollegen noch ein Bierchen trinken zu gehen. Vor allem, wenn das Gesicht am Folgetag um 6 Uhr möglichst frisch aussehen muss.

Frage: Also sind Sie am Set eher der Professionelle statt der Spaßmacher?

Antwort: Ach, nein. Ich versuche am Set immer eine gute Stimmung zu verbreiten. Als Hauptdarsteller hat man da einen gewissen Einfluss, der Fisch stinkt nun mal vom Kopf. Wenn man selbst anfängt rumzustänkern, wirkt sich das auch auf das gesamte Ensemble aus – und das ist Gift für die Kreativität. Schlechte Laune brauche ich nicht am Set, genau wie Machtmissbrauchsfälle aller Art.

Frage: Mit derartigen Themen wird inzwischen ja auch in der Filmbranche sensibler umgegangen. Die Fälle um Harvey Weinstein, Dieter Wedel und vielen anderen haben scheinbar Spuren hinterlassen.

Antwort: Gott sei Dank! Das war längst überfällig. Es ist schlimm, dass Menschen, die Missbrauch erlitten haben, sich früher nicht trauten, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Jetzt gilt es zu hinterfragen, warum das so lange der Fall war. Wir sind jedoch auf einem guten Weg, diese alten Machtstrukturen aufzubrechen und den Verantwortlichen das Handwerk zu legen - obwohl der ganze Sumpf noch nicht trockengelegt ist.

Frage: Was beim Gucken von „Ein Fest fürs Leben“ auffällt, ist, dass das Team von Dieter sehr divers aufgestellt ist. Unter seiner Belegschaft finden sich Flüchtlinge und viele Menschen verschiedener Hautfarben. Dem steht die Hochzeitsgesellschaft gegenüber, die sehr gut betucht erscheint und sich vor allem aus weißen Menschen zusammensetzt. Ein Zufall oder wollte man so die sich verändernde Gesellschaft abbilden?

Antwort: Gute Beobachtung, da ist etwas dran. Dass wir gesellschaftliche Veränderungen aufgreifen, ist auch ein Unterschied zum französischen Original. Hochzeitsplaner Dieter wäre ohne sein buntes Team aufgeschmissen, was eine schöne Allegorie auf unser Land ist. Denn viele verneinen ja immer noch, dass wir ein Einwanderungsland sind. Aber ohne Einwanderung läuft es nicht, wie man derzeit ja in vielen Branchen sieht.

Frage: Ist es denn wichtig, dass Filme gesellschaftliche Veränderungen und die zunehmende Diversität widerspiegeln?

Antwort: Nein, nicht zwingend. In „Ein Fest fürs Leben“ passt es vom Grundtenor des Films. Dass das Ensemble so divers aufgestellt ist, ist ja auch kein Zufall, da achten Medienmacher inzwischen mehr drauf. Und das finde ich auch gut. Aber man darf es nicht erzwingen, wenn es unpassend wirkt.

Frage: Was wäre für Sie denn erzwungen?

Antwort: Räuber Hotzenplotz muss nicht zwingend von einem Zulu gespielt werden, nur um mit dem Zeitgeist zu gehen. Wenn es einfach nur noch bemüht woke wirkt, leidet darunter oft die Geschichte und die Zuschauer fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Ich bin eher ein Freund davon, derartige Elemente einfließen zu lassen, ohne sie groß zum Aushängeschild zu machen. Eine syrische Schauspielerin kann auch eine deutsche Hausfrau oder die Chefin eines mittelständischen Unternehmens spielen, doch muss man das dem Zuschauer nicht auf plumpste Art aufs Auge drücken. Da wollen wir ja hin, dass es irgendwann einfach ganz normal, weil es einfach normal ist.

Frage: Dann sind Sie wohl auch nicht der größte Freund von Besetzungsquoten?

Antwort: Da schlagen in meiner Brust zwei Herzen. Auf der einen Seite finde ich es super, dass Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung lange nur ein mediales Nischendasein geführt haben, endlich ihren gebührenden Platz in Produktionen bekommen. Auf der anderen Seite darf es jedoch nicht sein, dass man ein künstlerisches Werk nur aufgrund irgendwelcher Quoten für diese und jene Bevölkerungsgruppe beschneidet.

Frage: Beschneidet?

Antwort: Mal angenommen, der Cast eines Films soll wegen Quoten zu zehn Prozent mit Schauspielern mit asiatischen Migrationshintergrund besetzt werden. Nun gibt es jedoch natürlich nicht nur gute asiatische Schauspieler. Dann wäre es ärgerlich, wenn man wegen einer Quote die schlechten Schauspieler den guten vorziehen müsse, nur weil diese nicht den Vorgaben der Quote entsprechen. Das betrifft umgekehrt aber natürlich auch uns „Biodeutsche“. Rollen sollten immer an die verliehen werden, die sie am besten spielen. Viel sinnvoller finde ich es, Schauspieler aus marginalisierten Gruppen dahingehend zu fördern, dass sie verstärkt Zugang zu Castings finden. Ab dort müssen sie sich dann aber selbst beweisen.

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