Gefahr für Deiche  Dürfen Nutrias nun doch wieder das ganze Jahr bejagt werden?

| | 09.10.2023 11:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vermehren sich ganzjährig und entsprechend rasant: Nutrias in Niedersachsen. Foto: Stratenschulte/DPA/Archiv
Vermehren sich ganzjährig und entsprechend rasant: Nutrias in Niedersachsen. Foto: Stratenschulte/DPA/Archiv
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Vor gut zwei Wochen sind Ostfrieslands Jäger und Deichschützer massiv gegen das Landwirtschaftsministerium vorgegangen. Grund: Die Jagd auf Nutrias sollte eingeschränkt werden. Nun gibt es Hoffnung.

Hannover/Ostfriesland - Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium hat verärgerten Jägern und besorgten Deichschützern Hoffnung gemacht. Es geht um den Abschuss der invasiven Nutrias – Biberratten, die keine natürlichen Feinde haben, sich das ganze Jahr über vermehren und an Wasserläufen massive Schäden hinterlassen. Und ausgerechnet diese Tiere, die sich bevorzugt in Ostfriesland ausbreiten, sollen ab 2024 für jeweils ein Vierteljahr nicht abgeschossen werden dürfen. So sieht es eine Gesetzesnovelle aus dem Ministerium vor.

Doch so leichtes Spiel wollen die Jäger und Deichschützer in Ostfriesland der grünen Ministerin Miriam Staudte nicht machen. Bis zum 22. September dieses Jahres war die Gesetzesänderung in der sogenannten Verbandsabstimmung. Fachleute können in dieser Zeit ihre begründete Sacheinschätzung zu einem neuen Gesetz abgeben. Manchmal hören Politiker auf diese Fachleute, manchmal nicht. Auf Nachfrage unserer Redaktion hat das Ministerium jetzt zumindest ein Entgegenkommen signalisiert.

Wie geht die Ministerin mit Kritik um?

Derzeit sei die Anpassung mehrerer jagdlicher Verordnungen in Arbeit, heißt es jetzt aus Hannover. Der erste Artikelentwurf habe eine Einschränkung der bisher ganzjährigen Jagdzeit auf Nutrias vorgesehen. Der Entwurf der Artikelverordnung habe gerade die Verbandsbeteiligung durchlaufen. Die Verbandsbeteiligung diene genau dazu, Kritik und Anregungen im Vorfeld aufzunehmen, bevor es zu einem Beschluss komme, so das Landwirtschaftsministerium: „Im Rahmen der Beteiligung gab es deutliche Kritik an der Formulierung zur Nutria-Bejagung. Diese Kritikpunkte werden sehr ernst genommen. Eine Überarbeitung ist beabsichtigt.“

Zur Begründung schreibt das Staudte-Ministerium, die Jagd auf Nutrias sei unter anderem aus Gründen des Küsten- und Hochwasserschutzes weiterhin erforderlich. Letztlich müssten die entgegenstehenden Interessen sorgfältig miteinander abgewogen werden. Diese seien der Küsten- und Hochwasserschutz auf der einen sowie der Tierschutz auf der anderen Seite. An dem bereits definierten Zeitplan zur Änderung des Gesetzes will Staudte aber trotz der vielfältigen Kritik festhalten. „Wir gehen derzeit weiterhin davon aus, dass die dann überarbeitete Verordnungs-Novelle, die noch eine Vielzahl an anderen Themen beinhaltet, spätestens im kommenden Jahr in Kraft treten kann“, heißt es aus Hannover.

Wie sieht die Interessenlage aus?

Das dürfte angesichts der diametralen Interessen nicht so ganz einfach werden. Vom 1. April bis 15. Juli jedes Jahres soll laut bisheriger Gesetzesnovelle die sogenannte Brut-, Setz- und Aufzuchtzeit (§ 33 NWaldLG) gelten. In diesem Zeitraum soll die Jagd auf die Nutrias eingeschränkt werden, damit Beifänge heimischer Arten vermieden werden, so das Ministerium gegenüber unserer Redaktion. So weit der grüne Tierschutz.

„Wenn das so kommt, wie die sich das in Hannover ausgedacht haben, dann haben wir hier ganz schnell Schäden, die in dreistellige Millionenhöhen gehen“, sagte Jan van Dyk vor einigen Wochen im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Verbandsingenieur des Entwässerungsverbandes Emden sieht durch eine unkalkulierbar hohe Zahl an Nutrias nicht nur landwirtschaftliche Flächen, sondern auch Gewerbegebiete und Ferienhaus-Siedlungen gefährdet. Die könnten nämlich überflutet werden, wenn die Nutrias sich stark vermehrten und noch mehr Höhlen an Kanälen und anderen Wasserläufen graben würden.

Wie werden Nutrias bejagt?

Die Jäger sind ebenfalls sauer auf die Ministerin. „Der Elternschutz ist doch erst vor einem Jahr aufgehoben worden“, sagte Gernold Lengert im Gespräch mit unserer Redaktion. „Nutria ist eine invasive Art. Die Tiere haben keine Fressfeinde und vermehren sich deutlich schneller als Kaninchen“, sagte der Vorsitzende der Jägerschaft Aurich. Die Weibchen könnten schon während der Säugung wieder trächtig werden – und seien das ganze Jahr paarungsbereit. Lengert: „Wenn wir diese Tiere mehr als ein Vierteljahr nicht bejagen dürfen, können wir Jäger für die Zustände hier keine Verantwortung mehr übernehmen.“

In der Praxis werden Nutrias mit sogenannten Lebendfallen gejagt. Das sind laut Jäger Lengert etwa 1,20 Meter lange Fallen, in denen meist süße Äpfel liegen. Tappt eine Nutria in eine solche Falle, erhält der Jäger über eine App auf dem Handy eine Meldung. Das Tier wird dann laut Lengert mit einem Kleinkaliber-Gewehr durch einen Fangschuss in den Kopf getötet. Radikalen Tierschützern dürfte das nicht gefallen.

Wie groß ist das Problem tatsächlich?

Allerdings gelten Nutrias auch als aggressiv. „Wenn die sich in die Enge getrieben fühlen, dann gehen die mit ihren scharfen Zähnen bei Hunden auch auf die Kehle“, sagte van Dyk vom Entwässerungsverband unserer Redaktion. Wer einer Nutria begegne, solle dies umgehend der Jägerschaft melden – und die Tiere auf gar keinen Fall füttern. „Ostfriesland ist ein bevorzugtes Revier für Nutrias, weil wir hier viele Gewässerläufe haben“, sagte van Dyk. Die Nager würden dort relativ große Höhlensysteme im Wasserböschungsbereich graben. Böschungen rutschten nach und unterhöhlten auch Straßen. Könne außerdem das Wasser aus den Gewässerläufen nicht richtig abfließen, würde es in die Niederungen gelangen und dort unter Umständen Millionenschäden an der Infrastruktur anrichten.

Dass die Gefahren eines Jagdstopps nicht von der Hand zu weisen sind, zeigen die Zahlen. Nach Auskunft von Johanne van Scharrel-Bruns von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg sind 2015/2016 landesweit genau 10.070 Nutrias zur Strecke gebracht worden; 2021/2022 waren es schon 40.980. Und ein Blick beispielsweise in den Landkreis Leer zeigt: 2016/2017 genau 251 getötete Nutrias, 2021/2022 dann schon 1408.

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