Entscheidung gefallen  Leeraner Bavinkstraße bekommt ein Hinweisschild

Jonas Bothe und Nikola Nording
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Von Jonas Bothe und Nikola Nording
| 07.10.2023 16:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Auf einem Hinweisschild soll auf das Handeln und Wirken Bernhard Bavinks hingewiesen werden. Foto: Ortgies
Auf einem Hinweisschild soll auf das Handeln und Wirken Bernhard Bavinks hingewiesen werden. Foto: Ortgies
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Das Handeln und Wirken Bernhard Bavinks ist umstritten. Deswegen wird in Leer nun ein Hinweisschild an der Bavinkstraße angebracht. Vorausgegangen waren lange Diskussionen.

Leer - Die Bavinkstraße in der Leeraner Oststadt war zuletzt Anlass für viele Diskussionen. Dabei ging es nicht um die Beschaffenheit der Fahrbahn oder um Bauprojekte. Vielmehr stand und steht der Namensgeber im Fokus. Das Handeln und Wirken des 1879 in Leer geborenen Bernhard Bavinks ist nämlich umstritten. Er war zwar ein namhafter und erfolgreicher Wissenschaftler, Bavink war aber auch ein Anhänger der Nationalsozialisten und hatte mit anderen die theoretischen Grundlagen für das Dritte Reich gelegt. Das hatten Recherchen des ehemaligen Leeraner Bürgermeisters Wolfgang Kellner ergeben. Nun hat der nicht-öffentliche Verwaltungsausschuss (VA) der Stadt Leer, das zweithöchste Gremium nach dem Rat, mit großer Mehrheit entschieden, dass die Straßenschilder um eine Hinweistafel ergänzt werden sollen. Das teilt Stadtsprecher Edgar Behrendt mit.

Was und warum

Darum geht es: An der Bavinkstraße wird künftig ein Schild auf das Handeln des Namensgebers hinweisen.

Vor allem interessant für: Leeraner sowie alle Geschichtsinteressierten

Deshalb berichten wir: Der Verwaltungsausschuss der Stadt Leer hat einen entsprechenden Beschluss gefasst.

Den Autor erreichen Sie unter: j.bothe@zgo.de

Die Mitarbeiter des Stadtarchivs hatten sich zuvor mit Bavink auseinandergesetzt und einen Textvorschlag gemacht. Dieser lautet: „Bavink, Bernhard, 30. Juni 1879 Leer (Ostfriesland) – 27. Juni 1947 Bielefeld, deutscher Naturwissenschaftler, Naturphilosoph und Eugeniker. Nach heutigen Erkenntnissen lassen Teile seiner Veröffentlichungen auf eine rassistische und fremdenfeindliche Weltanschauung schließen, die mit der nationalsozialistischen Ideologie übereinstimmte. Diese menschenverachtende Gesinnung ist zu verurteilen und sollte für jeden von uns stets dringende Mahnung sein, für Menschlichkeit, Toleranz und Weltoffenheit einzutreten.“ Weitere Informationen zu Bavink und sein Handeln sollten über einen QR-Code, der ebenfalls am Straßenschild angebracht werden soll, für Interessierte abzurufen sein.

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Im Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur hatte es zuletzt noch Streit um diese Formulierung gegeben. Mechthild Tammena, beratendes Mitglied für die Grünen im Ausschuss, hatte den Vorschlag des Stadtarchivs Stück für Stück auseinandergenommen. Die Schilder suggerierten das Bild eines Wissenschaftlers. Das zweifelte sie an. „Bavink hat zwar Naturwissenschaften studiert und war in diesen Fächern als Lehrer beschäftigt. Er hat aber universitär weder geforscht noch gelehrt“, sagte Tammena. Auch könne keine Rede davon sein, dass Bavink Naturphilosoph war. „Die Eugenik oder Rassenhygiene war eine Pseudowissenschaft. Es gibt keine Menschenrassen“, so Tammena. Was dagegen fehle, sei der Hinweis, dass Bavink Antisemit und überzeugter Nationalsozialist gewesen sei. Das hätten die Recherchen von Wolfgang Kellner – Tammena ist mit Kellner verheiratet – ergeben.

Keine Mehrheit für Änderungsvorschläge

Besonders unhaltbar sei der Hinweis „Aus heutiger Sicht“. „Schon zu Zeiten der Weimarer Republik wurde die von Bavink geforderte Zwangssterilisation von Kindern und die ,Vernichtung lebensunwerten Lebens‘ strafrechtlich verfolgt. Schon damals – und nicht erst aus heutiger Sicht – war Bavinks extreme Position bekannt“, machte Tammena deutlich. Im Ausschuss gab es für ihre Kritik allerdings keine Mehrheit. Mechthild Tammena zeigte sich enttäuscht von der Entscheidung des Verwaltungsausschusses: „Für die Stadt Leer ist die Entscheidung blamabel“, sagte sie auf Nachfrage. Die Stadt hätte die Möglichkeit gehabt, die Entscheidung von einst, Bavink mit einem Straßenschild zu ehren, zu korrigieren. „Statt die Bavinkstraße umzubenennen, soll nun ein Text auf einem Hinweisschild angebracht werden, der Bavinks Mitwirkung an der nationalsozialistischen Rassenpolitik relativiert“, so Tammena. „Ich vermisse gerade in der heutigen Zeit Klartext in Bezug auf völkische, rassistische und antisemitische Akteure.“