Berlin  „Sinnloses Draufhauen“: Jürgen Vogel über rechte Kritik an ARD und ZDF

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 06.10.2023 06:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Jürgen Vogel wünscht sich einen „Tatort“-Kommissar, der zugleich ein Mörder ist. Foto: Marcus Brandt/dpa
Jürgen Vogel wünscht sich einen „Tatort“-Kommissar, der zugleich ein Mörder ist. Foto: Marcus Brandt/dpa
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Fast 40 Jahre lang dreht Jürgen Vogel (55) nun schon Krimis. Warum hat er immer noch keinen eigenen „Tatort“? Ein Interview über gute, schlechte und hoffentlich bald realisierte TV-Krimis.

Mitte Oktober läuft die neue Staffel „Jenseits der Spree“ mit Jürgen Vogel als Ermittler. Vor dem Start haben wir mit dem 55-Jährigen über die Krimis seines Lebens gesprochen.

Frage: Herr Vogel, was sind die schrecklichsten Ermittler-Dialoge, die man als TV-Kommissar trotzdem sprechen muss?

Antwort: „Wo waren Sie zwischen acht und neun?“ Das ist ein Dialogsatz, gegen den man sich sträubt.

Frage: TV-Ermittler machen immer dasselbe: Ankunft bei der Leiche. Überbringen der Todesnachricht. Anpirschen mit vorgehaltener Waffe. Wie spielt man Standardszenen interessant?

Antwort: Ich versuche vor allem, das alles so natürlich wie möglich zu machen. Beim Überbringen der Todesnachricht gerät man leicht in den Krimi-Modus, behandelt die Angehörigen als Verdächtige und macht gleich richtig Druck. Das finde ich unrealistisch. Allerdings kann man auch nicht alles neu erfinden.

Frage: Man sagt gern, die spannendsten Krimi-Rollen sind die Täter. Stimmt das? Oder sind Opfer auch mal gut?

Antwort: Auf Opfer, Täter oder Ermittler kommt es nicht an. Es geht darum, wie die Rollen geschrieben sind. Wie sehr der Film sich für die Figuren interessiert. Da ist in Deutschland noch viel Luft nach oben. Wir müssen den Autoren klarmachen, dass es nicht nur um den Fall geht, sondern um Persönlichkeiten. Dazu gehört handwerkliches Können; und da müssen wir dazulernen.

Frage: Was sind Sie in Ihrem Leben selbst schon gewesen? Opfer? Täter? Beides?

Antwort: Mir sind schon viele Dinge geklaut worden, Fahrräder, auch ein Motorrad. Einmal habe ich im Internet ein Kinderfahrrad gekauft. Die Firma gab’s aber gar nicht, und das Geld war weg. Als Jugendlicher habe ich sicher auch mal Scheiße gebaut. Da will ich mal nicht ins Detail gehen. Sagen wir’s so: Ich bin kein Krimineller. Ich lebe sehr ordentlich, sehr strukturiert. Schon, weil ich Familienvater bin und glaube, dass man nicht erziehen kann, sondern nur vorleben. Ich möchte für meine Kinder ein Vorbild sein; deshalb fallen für mich viele krumme Möglichkeiten weg.

Frage: Klauen Sie Einfälle von Kollegen? Spielen Sie eine Szene mal so wie Pacino das gemacht hätte? Oder Horst Tappert?

Antwort: Lernen – so nenne ich das mal - kann man von allen, auch von ganz jungen Kollegen. Da gibt es auch kein Richtig oder Falsch. Spielen ist so, als würden wir Free Jazz machen. Oder als wären wir eine Tanzgruppe. Stellen Sie sich vor, unsere Szene ist der Rhythmus. Dann fangen vier oder fünf Kollegen zu tanzen an, nehmen Dinge auf und geben sie weiter. So ist Schauspielerei - und das ist total schön.

Frage: Welche TV-Kommissare haben Sie als Kind geprägt?

Antwort: Ich bin Baujahr 68 – und mit Derrick und dem etwas biederen deutschen Krimi groß geworden. Das habe ich mit dem Gefühl gesehen: Man müsste das alles anders machen. Dann habe ich selbst zwei Folgen „Der Fahnder“ gedreht, mit Klaus Wennemann als Ermittler und Dominik Graf als Regisseur. Meine erste Folge habe ich mit 17 Jahren gedreht, zusammen mit Peter Lohmeyer. Die Folge „Der kleine Bruder“ war meine erste Episoden-Hauptrolle, da war ich 17 Jahre alt. Klaus Wennemann war ein ganz toller Schauspieler und auch ein toller neuer Ermittlertyp. Dann kam Götz George. Und wie der einen Polizisten gespielt hat, war völlig neu. Diese beiden haben uns die Freiheiten erkämpft, die wir heute haben. Ich weiß nicht, wo wir ohne die wären. Dann müsste ich das jetzt alles machen.

Frage: Wie haben Ihre Krimi-Rollen sich in den fast 40 Jahren verändert, die sich schon Schauspieler sind?

Antwort: Am Anfang habe ich Junkies gespielt, jugendliche Kriminelle, junge Männer mit Impulsstörung, immer auf der schiefen Bahn, immer am Rand der Gesellschaft. Als die Kommissare interessanter wurden, konnte ich die Seiten wechseln. Eine ganz tolle Rolle war für mich vor acht Jahren Blochin - der war ein Polizeibeamter, aber auch echt gestört und sehr düster. Im Fernsehen mag ich Polizisten, die nicht davor zurückschrecken, Leute hart anzupacken. Und die das irgendwie mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Das fand ich bei “Blochin” revolutionär und jetzt schließe ich gar nichts mehr aus. Je älter ich werde, desto größer sind meine Neugier und meine Offenheit.

Frage: Seit einigen Jahren stehen ARD und ZDF intensiv unter Beschuss. Ein Argument, das immer kommt: Die Öffentlich-Rechtlichen drehen viel zu viele Krimis. Stimmt das?

Antwort: Ich arbeite seit 40 Jahren mit den Öffentlich-Rechtlichen. Und ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Da arbeiten Redakteure, mit denen man reden kann. Leute, die was von Dramaturgie verstehen. Zum ersten Mal habe ich das gemerkt, als das Privatfernsehen aufkam. Plötzlich hatte man mit Leuten zu tun, die gar nicht wussten, was sie da machen. Es ging nur darum, Werbung zu verkaufen. Das hat das Entertainment verändert – und nicht zum Guten. Alles, was schwierig war, konnte man da nicht mehr machen – wegen der Werbekunden. Für mich sind die Öffentlich-Rechtlichen immer noch die einzigen, die interessante Fernsehspiele und Serien machen. Selbst wenn da auch mal Sachen dabei sind, die man einfach so wegguckt.

Frage: Inzwischen müssen ARD und ZDF sich nicht mehr am Privatfernsehen messen lassen, sondern an den Streamern.

Antwort: Die Streamer verabschieden sich langsam aus dem deutschen und dem europäischen Markt. Die reduzieren ihre Eigenproduktionen, was wirklich sehr schade ist. Aber es ist so. Und dann bleiben nur ARD und ZDF übrig, die anspruchsvolle Sachen drehen. Das Gemecker über die Öffentlich-Rechtlichen höre ich erst seit dem Rechtsruck. Was kritisiert man da eigentlich? Wir haben immer noch ein freies Fernsehen. Wenn ich mir vorstelle, wie wir ohne die Öffentlich-Rechtlichen dastehen – na, danke! Wir wissen doch aus anderen Ländern, was das bedeutet. Dann gibt es keine vernünftigen Nachrichten mehr. „Monitor“, „Report“ – das sind doch wahnsinnig wichtige Sendungen. Natürlich kann man alles kritisieren und immer was besser machen – aber die Kritik an ARD und ZDF ist nichts als ein sinnloses Draufhauen.

Frage: Ein berechtigter Kritikpunkt an der ARD ist, dass Sie immer noch kein „Tatort“-Kommissar sind. Warum eigentlich nicht?

Antwort: Mir wurde nie ein „Tatort“-Kommissar angeboten. Wahrscheinlich, weil ich immer gesagt habe: Wenn ich einen „Tatort“-Kommissar mache, dann einen, wie es ihn noch nie gegeben hat. Natürlich hat die ARD einen Programmauftrag. Und natürlich sitzen da auch Kirchenleute in den Gremien. Aber trotzdem will ich im Krimi keine Schönfärberei sehen. In amerikanischen Serien wie „The Shield“ erschießt der Ermittler gleich in der ersten Folge jemanden, der auf ihn angesetzt ist. Solche Geschichten rufen in Deutschland Bedenkenträger auf den Plan. Die sagen: Das darf man doch nicht! Aber mit Verbot und erhobenem Zeigefinger funktionieren Geschichten nicht. Ich halte nichts von Selbstzensur und wünsche mir im „Tatort“ einen Mörder, der fürs Gesetz arbeitet.

„Jenseits der Spree“. Sechs neue Folgen, immer freitags um 20.15 Uhr im ZDF. In der ZDF-Mediathek ist „Jenseits der Spree“ immer schon eine Woche vor der Ausstrahlung verfügbar.

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