Berlin  Markus Söder - im Bierzelt ein König

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 05.10.2023 16:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Bayern bleibt Bayern“. Markus Söder dreht im Bierzelt richtig auf - und wird gefeiert wie ein König. Die Umfragen vor der Wahl sprechen eine andere Sprache. Foto: Sven Hoppe
„Bayern bleibt Bayern“. Markus Söder dreht im Bierzelt richtig auf - und wird gefeiert wie ein König. Die Umfragen vor der Wahl sprechen eine andere Sprache. Foto: Sven Hoppe
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Bei der Landtagswahl in Bayern steuert die CSU auf ein mageres Ergebnis zu. Und trotzdem: In den Bierzelten des Landes wird Markus Söder gefeiert wie ein König. Wie macht er das?

Mehr als 700 solcher Auftritte hat Markus Söder in diesem Wahlkampf hingelegt. Die bayerische Landtagswahl wird offensichtlich im Bierzelt entschieden. Wie viele Tausend Kilometer Markus Söder in diesem Wahlkampf zurückgelegt hat, um in möglichst jeder Stadt und jedem Dorf beim Volksfest eine Rede zu halten, wissen sie nicht einmal in der CSU-Zentrale.

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Bayern-Wahl am 8. Oktober. Und es ist kurz vor 19 Uhr. Im weiß-rot geschmückten Festzelt von Schwabmünchen, einem 13.000 Einwohner zählenden Städtchen in der Nähe von Augsburg, ist kein Platz an den langen Biertischen mehr frei. Rund 3000 Leute sind da. Die Blaskapelle vorn spielt zünftige Märsche. Frauen im Dirndl tragen wahlweise mehrere Maß Bier zu den Tischen oder Speisen auf riesigen Holztabletts. Hendl mit Kartoffelsalat, Wurstsalat, Brezeln, Käsespätzle werden serviert. 

Als Markus Söder den Saal betritt, springen sie von den Bänken auf und klatschen. Ein junger Mann in Lederhosen ruft: „Da kommt er, der König, der König!” Söder winkt und lächelt, grauer Janker, weißes Hemd. Er geht nicht einfach nach vorn zum Rednerpult, sondern schüttelt auf dem Weg nach vorne erstmal so viele Hände wie möglich. „Servus, Markus!” rufen sie ihm zu, als würde jeder hier den CSU-Chef ganz persönlich kennen – und er sie.

Es gibt wohl keinen anderen Ministerpräsidenten in Deutschland, der so Wahlkampf macht. Oder machen muss, um erfolgreich zu bleiben? Für Söder läuft dieser Wahlkampf trotz der vielen Kilometer und der vielen Bierzelte nicht rund. Gerade mal 36 Prozent erzielt die CSU in Umfragen. Jetzt zählt jede Stimme.

In Schwabmünchen küsst ein junger Mann jetzt Söders Porträt, das auf den Tischen ausliegt. Der CSU-Chef im Poster-Format. Er selbst ist nun auf der Bühne, die Blasmusik verstummt. 

Und Söder setzt gleich zur Charme-Offensive an. Er werde ja oft gefragt, warum er immer ins Bierzelt gehe und nicht zu anderen Terminen, die er als Ministerpräsident jederzeit haben könnte. Söder sagt, das mache er, weil er „vernünftige Leute” treffen will. Er braucht nur weitere vier Minuten, um zum ersten Mal zu sagen, dass „Bayern das schönste Land der Welt“ ist. „Das ist der Markus, jetzt hat er sich wieder“, sagt ein Mann ganz hinten im Bierzelt und prostet seinen Kumpels zu. Aber es dauert, bis Söder das Zelt für sich einnimmt.

Er sagte neulich in einem Interview, dass es viel schwieriger sei, eine Rede im Bierzelt zu halten als im Bundestag oder anderswo. Im Bierzelt hört niemand automatisch zu. Man muss es sich erkämpfen.

Söder kämpft also. Die Charme-Offensive ist das Eine, der böse Ampel-Norden das Andere. „Die halbe Welt frisst und säuft gerne bayerische Produkte!”, stellt er fest. Derbe Sprache ist hier erlaubt. Bayern sei zwar ein Teil von Deutschland, aber wenn die Ampel in Berlin Politik gegen Bayern mache, müsse man eigene Wege gehen. Themenwechsel im Stakkato: „Kein normaler Unternehmer geht von Bayern nach Buxtehude.“ „Keiner traut sich mehr über das Auto zu reden.“ Er, Söder, natürlich schon.

So geht es weiter. Land gegen Stadt, CSU gegen Grüne, Vernunft gegen Gendern und Veganismus. Und Söder ist natürlich immer auf der richtigen Seite. Eine Stunde dauert seine Rede, in der er sich an der Ampel-Koalition und vor allem den Grünen abarbeitet. Die grüne Außenministerin Annalena Baerbock? Erkläre in einer Jurte in der Mongolei, was feministische Außenpolitik ist. Lachen im Saal. Natürlich, fügt Söder hinzu, sei auch er Feminist.  

Am meisten Beifall erntet Söder, als er die Ausbildung im Handwerk lobt und dem Studium gleichstellt. Junge Leute stehen da auf und applaudieren. Jetzt, so scheint es, hat er das Zelt erobert. Hinten aber granteln ein paar ältere Herren. Vor fünf Jahren, meint einer, habe der Söder schon genau das Gleiche erzählt.

Den Höhepunkt seiner Rede erreicht Söder in Minute 37. Über sein bayerisches Raumfahrtprogramm würden sie ja gerne lachen in Berlin. „Der Söder will zum Mond“, spotteten sie über ihn. Söder setzt zur Pointe an: „Wenn es mir gelingt, einige grüne Funktionäre zum Mond zu schicken, hätte es sich schon gelohnt.“ Am Ende wird er, heiser schon, ins Mikrofon schreien: „Bayern soll Bayern bleiben, auch wenn die ganze Welt verrückt spielt.“ Der Saal tobt.

Nach einer Stunde ist Söder fertig, er schwitzt, es ist heiß geworden im Festsaal. Doch vielleicht kommt jetzt erst der wichtigste Teil des Auftritts. Zum Rausgehen braucht Söder noch länger als zum Reingehen. In Scharen kommen die Schwabmünchner zu ihm, das Handy gezückt. „Ein Selfie, Markus!” Söder bleibt kein Foto schuldig. Er lächelt, bleibt stehen. Wer ein Foto mit ihm im Kasten hat, eilt zurück zum Platz und schickt es in seine sozialen Netzwerke. Der Bierzelt-Auftritt geht um die Welt. Söder wirkt zufrieden, als er sich an der Tür noch einmal umdreht und ein letztes Mal winkt.

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