Hamburg True Crime: Endet Opferschutz, wenn das Verbrechen spannend genug ist?
True Crime gehört zu einem der beliebtesten Podcast-Genres, Nacherzählungen realer Verbrechen füllen die Zeitschriftenregale. Dass mit dem Leid der Opfer und Hinterbliebenen Geld gescheffelt wird, wird gerne mal übersehen.
Eine Entführung beim Putzen, falsche Bezichtigungen als Ablenkung beim Joggen oder ein Mord zum Einschlafen: Durch True-Crime-Podcasts hat das Verbrechen Einzug in den Alltag der zumeist jungen, weiblichen Hörerschaft erhalten. Mit der Nacherzählung realer Verbrechern belegen Titel wie „Mordlust“ oder „Verbrechen von nebenan“ seit Jahren vordere Plätze in den Podcast-Charts.
Hunderte Nachahmer-Podcasts versuchen vom True-Crime-Boom zu profitieren und schwadronieren über populäre Fälle wie den Säurefass-Mörder, den tötenden Pfleger Niels H. oder den Kaufhaus-Erpresser „Dagobert“ als wären sie psychiatrischer Gutachter und Richter in einem.
Das Business-Modell „Straftaten nacherzählen“ ist nicht neu. Boulevardmedien stilisieren seit mehr als Hundert Jahren Verbrecher wie Jack the Ripper zu Kultfiguren, denn sie wissen: Mit der Mischung aus Neugier, Angst, dem Wunsch nach Gerechtigkeit und der Faszination für die Grenzen des vermeintlich und tatsächlich Unmenschlichen lässt sich Geld verdienen. Davon wollen sich Qualitätsmedien mit intensiver Recherche, Neutralität und Haltung abgrenzen; im Wissen, dass in der Verbrechens-Berichterstattung die Linie zwischen Journalismus und Voyeurismus immer wieder neu verhandelt werden muss.
Zum einen, wenn durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte des Täters (schwere Kindheit, Geldsorgen, Beziehungsprobleme etc.) dessen Verhalten versucht wird zu erklären, teilweise gar Mitgefühl erzeugt wird, und das Handeln des Täters als Folge der Umstände heruntergespielt wird (Büchners Woyzeck lässt grüßen). Zum anderen, wenn eine Dämonisierung und Entmenschlichung des Täters stattfindet, der eine Auseinandersetzung mit Tat und Täter gänzlich unmöglich macht und dem Niveau mancher Facebook-Diskussionen unterschreitet.
Im gleichen Spannungsfeld wie Journalisten, die für Medienhäuser oder den Rundfunk entsprechende Formate produzieren, bewegen sich auch selbsterklärte True-Crime-Podcaster. Doch scheint dort der Niveaulimbo gerade bei Formaten von Verbrechen-interessierten Laien seit einiger Zeit immerweiter zu gehen. Wer aus der Masse herausstechen will, muss den Hörern entweder neue Fälle präsentieren, was mit entsprechendem Rechercheaufwand verbunden ist, oder die immergleichen Fälle krasser erzählen: mit noch mehr Details, noch näher am Täter, seiner Tat - und schlussendlich auch dem Opfer.
Denn ob Serienvergewaltiger oder mordender Ehemann: In True-Crime-Podcasts geht es nicht nur um Täter, sondern auch um das Opfer. Einen Menschen, der nicht nur geschädigt worden ist, sondern dem auch die Hoheit über die eigene Geschichte genommen wurde. Da werden intime Informationen wie sexuellen Vorlieben diskutiert, Textnachrichten zwischen Opfer und Täter vorgelesen oder gar Schulddebatten geführt, ob das Opfer nicht auch den Täter dazu gebracht hat, sich so und so zu verhalten. Eine Anonymisierung mag da ein schwacher Trost sein: In Zeiten von Internet und Social Media lassen sich mit Angabe des Orts, des ersten Buchstaben des Nachnamen und einem unzureichend verpixelten Bild schnell Täter wie Opfer identifizieren.
Zumal anders als in der klassischen Verbrechens-Berichterstattung die Aufmerksamkeit für Täter und Tat nicht mehr mit der Verurteilung und einer Meldung in der Randspalte der Zeitung endet; als spannend angesehene Fälle werden wieder und wieder am besten staffelweise in Podcasts diskutiert, bis die Täter irgendwann ihren Platz im kollektiven Gedächtnis erhalten – so wie ihre Opfer, die als „Opfer von...“ unfreiwillig verewigt werden.
Der True-Crime-Boom hat dabei längst die Grenzen des Formats überschritten: Man denke etwa an die unerträglich abwertende Darstellung der Opfer von Serienmörder Jeffrey Dahmer in der Netflix-Produktion von 2022. Es tut mir leid, aber warum ignorieren so viele True-Crime-Formate die Rechte von Opfern und schlachten deren Leid für Klicks und damit Profit aus?
Die offensichtliche, wie beschämende Antwort: Es macht die Geschichte spannender, lebendiger, als wäre man selbst mit dabei – nur, dass man es eben selbst nicht ist und dass die andere Person verletzt/getötet wird. Wie ein Krimi, nur mit dem zusätzlichen Nervenkitzel... – ja, welchem eigentlich?