Osnabrück Vom Vertuschen, wenn ein Priester ein Kind beim Gebet missbraucht
Missbrauchsskandale im Bistum Osnabrück und anderswo erschüttern die Kirchen. In unserem Expertentalk schilderte ein Opfer seinen Leidensweg. Ziehen die Kirchen die richtigen Konsequenzen? Was Experten sagen, ist ernüchternd.
„Ich sehe mich als Betroffener und Überlebender“, erklärt Norbert Thewes vom Betroffenenrat Nord (Bistümer Hildesheim, Hamburg, Osnabrück) im Expertentalk mit Moderator Michael Clasen zum Thema: „Missbrauch: Kommt die Kirche aus der Krise?“.
Er wurde selbst als Kind von einem Priester jahrelang missbraucht. Erst vor zwölf Jahren habe er angefangen, sich an den Missbrauch zu erinnern, berichtet Thewes. „Was mir als Bild immer wieder aufploppt, ist eine Situation, in der ich als Achtjähriger in der Kirche vor dem Priester knie und ihm zu einem Gebet oral befriedige.“
Eine weitere Erinnerung ist, „dass ich immer wieder zur Beichte gehen musste und im Beichtstuhl saß mir der Täter gegenüber. Die einzige Möglichkeit, die ich hatte, um zu überleben, war im Grunde dann auch meine Schuld anzuerkennen. Ich habe also die Schuld des Priesters übernommen, was für mich im Nachhinein gravierende Folgen hatte. Um das deutlich zu machen: Es ist mir jemand gegenüber gewesen, der ein Vertreter Gottes war. Das war eine priesterliche Macht, die da ganz deutlich wurde“, schildert Thewes die Situation.
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Seinen Eltern habe er nichts von dem Missbrauch erzählen können. „Die hätten mich grün und blau geschlagen.“ Auch an sonst niemanden konnte sich Thewes zu der Zeit wenden. Anlaufstellen für Betroffene gab es zu der Zeit noch nicht. Zwölf Jahre später setzt er sich selbst für Menschen ein, die sexualisierte Gewalt erlebt haben.
Was Thewes schildert, ist kein Einzelfall. Aber wie viele Kinder und Jugendliche wurden in der katholischen Kirche Opfer sexualisierter Gewalt? „Der Skandal ist, dass man gar nicht weiß, wie groß der Skandal ist“, erklärt Reporterin Stefanie Witte. Es gebe zwar die eine Studie aus dem Jahr 2018, allerdings seien seit der Veröffentlichung weitere Studien aus Bistümern in ganz Deutschland herausgekommen. Auch Hochrechnungen habe es in der Vergangenheit gegeben. Eine Studie des Ulmer Kinderpsychiaters Jörg Fegert ging von bis zu 114.000 Opfern in der evangelischen und katholischen Kirche aus.
Bei der evangelischen Kirche sehe es ähnlich aus, sagt Nancy Janz, Sprecherin der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der EKD. „Wir haben auch keine eindeutigen Zahlen, außer die, die im Hellfeld sind. Die Zahlen, die erhoben werden, sind die, wo Menschen sich an die Kommission für Anerkennungsleistungen gewendet haben.“
Auch die Frage eines Lesers, ob die Missbrauchsfälle auf das Zölibat zurückzuführen sei, wurde diskutiert. Dass das Zölibat die Tatneigung verstärke, dazu gebe es derzeit keine wissenschaftlichen Belege, sagt Professor Hans Schulte-Nölke von der Universität Osnabrück, der an der Missbrauchsstudie des Bistums Osnabrück mitarbeitete. „Mir leuchtet das Konzept überhaupt nicht ein. Es ist ein Konstrukt aus der Reformationszeit und dem 19. Jahrhundert.“
Daraufhin entgegnet Norbert Thewes, dass es durchaus Fälle gebe, in denen das Zölibat eine Rolle spiele. „Es gibt einen Täter im Bistum Hildesheim, der bei der Priestereinführung seines Bruders gesehen hat, dass so viele Jungen anwesend waren. Dies hat ihn dazu bewogen, auch Priester zu werden.“ Zudem beinhalte das Zölibat eine gewisse Machtstruktur in der katholischen Kirche, welche deutlich ausgeprägter sei als in der evangelischen Kirche.
Der Aussage kann Nancy Janz allerdings nur bedingt zustimmen. In der evangelischen Kirche sei das Problem, dass die Grenzen zwischen Pastoren und Kindern stärker verschwimmen. „Es ist nicht so ganz klar, was ist das jetzt eigentlich für ein Verhältnis.“
Auch im Bistum Osnabrück wird derzeit eine Untersuchung über das Ausmaß von sexualisierter Gewalt durchgeführt. Ein Zwischenergebnis liegt vor. Bei der Verkündung seines Rücktritts im Frühjahr diesen Jahres räumte auch der ehemalige Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode persönliche Fehler im Umgang mit Fällen von sexualisierter Gewalt ein. Etwa bis 2015 habe es „massive Pflichtverletzungen bei der Frage zum Umgang mit Tätern“ gegeben, so Professor Hans Schulte-Nölke. Ab 2015 und stärker noch ab 2018 bis 2020 sei eine Veränderung zu beobachten und das Bistum gehe vergleichsweise entschlossen gegen Verdächtige vor.
Einen dokumentierten Fall schildert Stefanie Witte, der tiefe Einblicke in die Strukturen der Kirche gibt. Ein ehemaliger Priester aus Osnabrück habe über viele Jahre hinweg Kinder missbraucht. „Seit den 90er-Jahren war bekannt, dass es da Gerüchte und dann Vorwürfe gab. Die klassische Herangehensweise war damals: Wie schützt man den Täter und dann das Bistum?“ Der Täter sei lediglich mit Auflagen in den Ruhestand versetzt worden, die er nicht eingehalten habe. Zudem habe der damalige Bischof Franz-Josef Bode die zuvor ausgesprochenen Auflagen nicht kontrolliert, wie er später einräumte.
Ungefähr seit 2019 gebe es „vernünftige Verfahren“, erklärt Schulte-Nölke. Aber wieso brauche es überhaupt ein Verfahren? Müsse man Fälle von sexualisierter Gewalt nicht umgehend der Staatsanwaltschaft melden, fragt Clasen.
„Inzwischen wird, so weit ich das erkennen kann, alles der Staatsanwaltschaft gemeldet. Aber das hat man sehr lange nicht gemacht, also die Priester geschützt oder ihnen manchmal nahegelegt, die Strafanzeige sich selbst zu stellen und ihnen einen Anwalt zur Seite gestellt“, antwortet der Studienleiter.
Weiter fährt er fort: „Es ist eine spannende Frage, wo das herkommt. Der Schutz von Priestern – vor staatlicher Verfolgung – ist ein Muster, das die Kirche schon seit dem 19. Jahrhundert begleitet. Das ist keine Rechtfertigung, aber es erklärt vielleicht dieses Misstrauen gegenüber der Staatsanwaltschaft.“
„Ein Misstrauen gegen die Staatsanwaltschaft?“, hackt der Moderator nach. „Jetzt nicht mehr, aber lange gab es das“, erwidert Schulte-Nölke.
Bei der Prävention gebe es bereits Verbesserungen, so Stefanie Witte. Dennoch sei weiterhin viel zu tun, bevor sich die „Hierarchieverhältnisse und das Verleugnen“ grundlegend ändern.
Zum Abschluss gibt Nancy Janz noch einen positiven Ausblick in die Zukunft. In jeder Führungsebene sei mittlerweile angekommen, dass „wir um das Thema sexualisierte Gewalt und Prävention nicht herumkommen.“
Norbert Thewes stellte klar, dass die evangelische Kirche weiter zu sein scheint als die katholische Kirche. Zum 11. November starte in Osnabrück der Ombudsmann, eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene. Im Bistum Osnabrück erlebe er zudem, dass die Betroffenen in die Arbeit miteingebunden werden.
„Sexualisierte Gewalt gibt es immer“, sagt Professor Hans Schulte-Nölke. Was man dagegen tun könne, sei „auf allen Ebenen sowohl Prävention als auch Sanktionen hochzufahren und da geschieht viel.“ Es gebe leichte Anhaltspunkte dafür, dass die Zahl der Beschuldigten in den vergangenen Jahren sinke.