Hamburg Wer will eigentlich noch in der Pflege arbeiten? Vier Azubis berichten
Pflegekräfte werden in Deutschland händeringend gesucht. Doch die Arbeitsbedingungen sind hart. Vier junge Menschen über Tränen, Überforderung und Existenzängste und das Wissen, trotzdem die richtige Ausbildung gewählt zu haben.
Experten erwarten einen prekären Pflegenotstand in Deutschland: Schon jetzt gibt zu wenig Pflegefachkräfte in Krankenhäusern, Altenheimen und ambulanten Diensten. Bis 2035, so das Institut der deutschen Wirtschaft, werden rund 300.000 zusätzliche Beschäftigte benötigt. Denn: Durch den demografischen Wandel steigt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen immer weiter an und bis zum Jahr 2055 um rund 37 Prozent zunehmen.
Wer sind also jene, die neu im System sind und es künftig retten sollen? Vier Auszubildende von der Pflegefachschule am evangelischen Krankenhaus Alsterdorf in Hamburg, die seit einem Jahr dabei sind, erzählen von ihren Erfahrungen, Enttäuschungen und Hoffnungen.
Lilly Hänel (21): „Medizin hat mich schon immer interessiert, meine Oma ist Ärztin. Mein Ziel ist es, nach der Ausbildung mit einem Medizinstudium zu beginnen, vor allem die Arbeit auf der Intensivstation oder in der Chirurgie finde ich spannend. Leider hat es sich bisher so angefühlt, als würde ich zur Altenpflegerin ausgebildet werden, weil der Schwerpunkt im ersten Jahr auf der Pflege von älteren Menschen liegt. In meiner Zeit im ambulanten Pflegedienst habe ich über die alten Menschen oft gedacht: ‚So möchte ich niemals enden‘. Ich hatte wenig Zeit für die Klienten, habe selten ein Dankeschön bekommen. Ein Mann war zum Beispiel sehr unfreundlich, als ich ihm beim Duschen geholfen habe. Er sagte, ich solle schneller machen. Den Personalmangel habe ich vor allem im Krankenhaus zu spüren bekommen. Eigentlich zählen wir Azubis als zusätzliche Kraft, aber in der Realität müssen wir voll mitarbeiten und Dinge tun, die wir in der Schule noch gar nicht gelernt haben. Mit den meisten Kollegen habe ich mich gut verstanden, manche haben mich aber wie eine Praktikantin behandelt. Man muss ein dickes Fell haben. Zu Beginn der Ausbildung waren wir 22 Leute, jetzt sind wir nur noch 14. Ich bin gespannt, wie viele am Ende das Examen machen.“
Linh Chu (24): „Vor dreieinhalb Jahren bin ich nach Deutschland gekommen, um erneuerbare Energien zu studieren, aber das hat nicht geklappt. Ich habe dann im Internet gelesen, dass es hier ein großes Personalproblem in der Pflege gibt. Diese Ausbildung ist eine große Chance für mich. In meinem Heimatland Vietnam ist es normal, dass die alten Menschen von ihren Angehörigen gepflegt werden, so etwas wie einen Pflegedienst kannte ich bisher nicht. Mein größtes Problem ist bisher die Sprache, ich habe einmal pro Woche einen Deutschkurs. Bisher hatte ich viel Glück mit netten Kollegen, die mir alles erklärt und geholfen haben, aber es gab auch schon genervte Reaktionen. Als wir einmal zu dritt auf einer Station für 30 Patienten verantwortlich waren, war ich überfordert. Das war wirklich stressig. Das Ausbildungsgehalt von knapp 1000 Euro Netto reicht für mich aus, aber sparen kann ich nicht. In welchem Bereich ich später arbeiten möchte, weiß ich noch nicht.“
Pelin Karagün (19): „Ich möchte den Beruf der Pflegefachkraft erlernen, weil ich etwas ändern will. Mein Bruder sitzt im Rollstuhl und ich habe oft erlebt, wie Pfleger meine Eltern, die aus der Türkei kommen, nicht respektvoll behandelt haben, weil sie nicht perfekt Deutsch sprechen. Ich möchte deshalb später einen ambulanten Pflegedienst gründen und dafür sorgen, dass meine Mitarbeiter Sprachen wie Türkisch, Afghanisch oder Persisch beherrschen. Ich habe bereits drei Monate in einem Altenheim gearbeitet und war schon nach zwei Wochen alleine für 15 Bewohner zuständig. Einmal war ich den Tränen nahe, weil ich eine Dame mit Parkinson auf die Toilette begleiten musste, aber sie kaum halten konnte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Patienten stürzen, weil sie nicht klingeln wollen, um nicht zu stören. Der Personalmangel ist wirklich schlimm. Einen Pfleger habe ich erlebt, der die Bewohner schon um 15 Uhr ins Bett geschickt hat, damit er seine Ruhe hat. Was mich sehr glücklich macht, ist die Dankbarkeit, die mir viele Patienten entgegenbringen. Das macht mich sehr zufrieden.“
Michaela Wienert (21): „Meine Mutter ist Krankenschwester und ich habe an ihr gesehen, wie der Beruf einen Menschen kaputt machen kann. Trotzdem möchte ich diese Ausbildung machen, denn ich kann sehr gut mit Menschen umgehen und es ist das, was mir wirklich liegt. Wir Azubis werden in der Praxis mehr eingeplant, als wir sollten und häufig wie Fußabtreter behandelt. Ich musste bereits zehn Tage am Stück durcharbeiten, dabei waren auch Wechsel von Spät- auf Frühschichten. Die Stimmung in manchen Teams ist schlecht, weil alle überarbeitet sind. Es ist Wahnsinn, wie viel Kaffee die sich reinknallen oder wie viele anfangen zu rauchen, nur um in den Pausen mal zum Durchatmen zu kommen. Augenringe und ständiges Gähnen sind Standard auf den Stationen. Meinen Lebensstil mit einer eigenen Wohnung kann ich mir nur finanzieren, weil ich noch Kindergeld bekomme. Nur mit dem Ausbildungsgehalt wäre das nicht möglich. Ich weiß schon jetzt, dass ich diesen Job nicht mein Leben lang machen möchte. Ich kann mir vorstellen noch eine Ausbildung als Hebamme dranzuhängen, denn ich möchte später unbedingt mit Kindern arbeiten.“