Seoul Wenn Lehrer zu Freiwild für Eltern werden: Die Krise des südkoreanischen Schulsystems
Lehrer war in Südkorea lange ein angesehener Beruf. Doch was einst Sicherheit und Stabilität verhieß, ist teilweise unerträglich geworden. Eltern vergöttern ihre Kinder und Lehrer kommen im Konflikt immer leichter unter die Räder. Dies hat bereits zu Suiziden geführt.
Die junge Grundschullehrerin Lee Min So hat am 18. Juli in Seoul Suizid begangen. Sie war 24 Jahre alt und unterrichtete Erstklässler. Man fand sie tot in einem kleinen Raum neben dem Klassenzimmer, ein Umstand, der das Land in Schock versetzte. Man vermutet, dass sie den Ort ihres Todes bewusst gewählt hat, um auf eine Misere aufmerksam zu machen und ein Zeichen zu setzen.
Mediale Berichterstattung setzte ein, und ans Tageslicht kam eine grimmige Realität, welche die bedrängte Lehrerin in die Verzweiflung getrieben hatte. Die Öffentlichkeit erfuhr auch, dass ihr Tod keineswegs der erste war, sondern der letzte in einer langen Reihe von anderen Suiziden von Lehrerinnen und Lehrern. Die Zahl nahm ab 2014 in auffälliger Weise zu.
Zum ersten Mal gingen mehrere Zehntausende Lehrer landesweit auf die Straße und protestierten, in Trauer vereint. Nun wird landesweit zum Thema, was ihre Arbeit wie ihr Leben schwer erträglich macht. Dabei wollen sie nur seriös und in Ruhe ihrem Bildungsauftrag nachkommen.
Die Krise hat ein Datum: den 29. September 2014. An diesem Tag trat in Südkorea ein überarbeitetes Gesetz in Kraft, das die Bestrafung von Kindesmisshandlung regelt. Damit sollten die Kinder und ihr Wohl besser geschützt werden. Anlass dazu hatte der traurige Fall eines siebenjährigen Mädchens ein Jahr zuvor geboten. Das Kind war seit Jahren von der Stiefmutter schwer misshandelt worden. Eine Lehrerin hatte den Verdacht bei der Behörde gemeldet, aber es wurde nichts unternommen, bis das Kind starb.
Bekanntlich finden Misshandlungen von Kindern meist in den Familien statt. In Korea ist es nicht anders. 2021 waren in 83,7 Prozent der Fälle die Eltern die Täter und in 4 Prozent nähere Verwandte. Was in der Familie geschieht, bleibt aber meist verborgen und entzieht sich der Strafverfolgung. Darum ist oft eine externe Intervention notwendig.
Das neue Gesetz sollte hier Abhilfe schaffen. Nun kann jeder auf Verdacht hin jemanden melden oder anzeigen, ohne selbst wegen falscher Anschuldigung belangt zu werden. Man handelte in bester Absicht und hoffte, dadurch schwer fassbarer Misshandlungen in den Familien besser habhaft zu werden. Die Wirkung ließ nicht auf sich warten, denn die Zahl der Anzeigen stieg rasch an. 2014 lag sie bei 15.025, 2021 erreichte sie bereits 52.083.
Das Gesetz indes hatte beträchtliche Nebenwirkungen. Die Eltern setzten es als Waffe ein, um das Lehrpersonal im Konfliktfall unter Druck zu setzen. Die Zahl der Anzeigen gegen Lehrer ging steil nach oben. 2014 gab es nur 244 Fälle, aber 2018 bereits 2249, und 2022 ging die Zahl auf 1702 zurück, aber nur wegen Corona.
Es ist gewiss eine kleine Minderheit von Eltern, welche die Sache ausreizen, aber ist ein Lehrer einmal in die juristische Mühle geraten, artet das Ganze meist in einen zermürbenden Kampf aus. Was bis anhin als legitime Erziehungsmaßnahme gegolten hatte, schien auf einmal infrage gestellt. Dabei kamen schwerwiegende Misshandlungen an den Schulen kaum noch vor, da seit 2011 alle körperlichen Züchtigungen an Kindern in den Schulen gesetzlich untersagt sind.
Dass das Gesetz instrumentalisiert werden kann, liegt daran, dass das, was Misshandlung ist, nicht präzise genug formuliert ist. Der Lehrerverband weist vor allem auf die Wendung „emotionale Misshandlung“ im Gesetz hin, die es möglich macht, Lehrer anzuzeigen. Die Grenze zwischen berechtigtem pädagogischen Handeln und Misshandlung wird verwischt. Wie fragwürdig die Verhaltensweise mancher Eltern ist, zeigt die Tatsache, dass jährlich im Schnitt 24 Lehrer tatsächlich rechtlich belangt werden. Angesichts der Gesamtzahl des Lehrkörpers von knapp über 500.000 vom Kindergarten bis zu Oberschule ist diese Zahl nicht besonders groß.
Am Pranger stehen nun ein Teil der Eltern sowie die Schulbehörden. Die Eltern, weil sie ihr Kind vor jeder Widrigkeit schützen wollen und im Konfliktfall das Lehrpersonal anzeigen. Die Schulbehörden, weil sie bedrängtes Lehrpersonal alleingelassen und nichts unternommen haben, um vermittelnd einzugreifen.
Dass es in dieser Form jetzt auftritt, zeigt, wie sich die koreanische Gesellschaft verändert hat. Viele Faktoren kommen hier zusammen. Kinder sind rar in Südkorea. Das Land hat mit nur 0,78 Kindern pro Frau die weltweit tiefste Geburtenrate. Die meisten Eltern haben nur ein Kind, das darum verwöhnt und überbehütet aufwächst. Kein Wunder, wird das eigene Kind nicht selten „ein Stück Gold“ genannt.
Viele Eltern mutieren zu hemmungslosen Egoisten, wenn es um die eigenen Kinder geht. Internet und Smartphones bringen zusätzlich Unruhe in die Schule, sie stellen eine neue Herausforderung dar. Die Unruhe unter den Kindern ist gewachsen und der Unterricht schwieriger geworden. Der Nachwuchs in Südkorea steht zudem unter dem enormen Druck, Leistung um jeden Preis erbringen zu müssen.
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Denn der Besuch einer Eliteuniversität ist nötig, um gesellschaftliche Anerkennung und beruflichen Erfolg zu sichern. Die meisten Kinder besuchen daher private Nachhilfe-Institute, Hakwon genannt, um sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Dieser Privatsektor bildet eine milliardenschwere parallele Bildungswelt, die so fest verankert ist, dass alle Versuche, sie abzuschaffen, erfolglos blieben.
Neu ist zudem, dass die Verrechtlichung in immer mehr Lebensbereiche eindringt, das Anspruchsdenken wächst und Konflikte viel häufiger vor Gericht landen. Recht ist nützlich, aber unterminiert Vertrauen und kann auch nicht alle Probleme lösen.
Im Zeitalter von Social Media ist es leicht, andere anzuzeigen und zu bedrängen. Manche Eltern lassen jegliche Einsicht vermissen, ihr Kind könnte Zurechtweisungen verdient haben. Einige machen Terror mit permanenten Textnachrichten oder gar offenen Drohungen. Sie verlangen eine Sonderbehandlung ihres Kindes und haben kein Einsehen, dass es Probleme in der Klasse machen und den Unterricht stören könnte. Es reicht, dass ein Lehrer die Stimme gehoben oder im Streit den Arm Kindes berührt hat, um ihn bei der Schulbehörde oder der Polizei wegen Misshandlung anzuzeigen.
Schulen und Behörden zeigen sich überfordert. Im Fall von Lee Min So in Seoul sah man das Problem als eines zwischen Eltern und der Lehrerin an und schob es auf die juristische Ebene ab. Es sei besser, hieß es, wenn die Gerichte entschieden, ob ein Vorfall eine Misshandlung darstelle oder nicht. Eine Anzeige zieht für Lehrer eine Beurlaubung oder eine Suspendierung nach sich, weil man Opfer und Täter trennen muss. Dabei ist es ein langwieriger Kampf, juristisch Schuld oder Unschuld zu ermitteln. Es bedeutet Stress für alle, nicht zuletzt für die Klasse, weil der Unterricht ausfällt und Ersatzlehrkräfte gesucht werden müssen.
Die Politik reagierte diesmal schnell. Bereits am 22. September verabschiedete das Parlament ein neues Gesetz, das den Bildungsauftrag des Lehrpersonals sichert und schützt. Der Kern besteht darin, dass berechtigte Unterrichtsmaßnahmen nicht unter das Misshandlungsgesetz fallen. Zudem sollen die Eltern bei Problemen nicht direkt eine Lehrerin oder einen Lehrer privat anrufen dürfen. Stattdessen können sie sich an eine zentrale Stelle wenden, die Beschwerden behandelt. Bei Bedarf kann die Schule ein Gespräch anberaumen.
Es gab Zeiten in Korea, in denen man mit Ehrfurcht zum Sunseong aufblickte, was man mit Lehrer oder Meister übersetzen kann. Lange feierte man den Tag des Sunseong, und die Schüler schenkten ihm Nelken als Zeichen der Dankbarkeit. Nicht einmal auf den Schatten des Meisters durfte man treten. Im rasenden Wandel der Kultur hat sich dieses traditionelle Bild verflüchtigt. Die Unantastbaren sind jetzt die Anwälte, die sich auf eskalierende Schulstreitigkeiten spezialisiert haben.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.