Paris Marine Le Pen und Jordan Bardella: Die Doppelspitze des Rassemblement National
Offiziell ist der 28-jährige Jordan Bardella Parteichef und Spitzenkandidat des Rassemblement National für die EU-Wahl. Doch seine Mentorin Marine Le Pen behält die Oberhand. Für die Präsidentschaftswahl 2027 sei sie die „natürliche Kandidatin“.
Marine Le Pen hat sich ausgeruht, den ganzen Sommer über. Zwei Monate lang überließ es die französische Rechtsextreme anderen, die aktuellen Ereignisse zu kommentieren; wohl wissend, dass ihr öffentliche Zurückhaltung laut Umfragen nicht schadet. Mitte September war sie zurück auf der Bühne, bei einem Parteitreffen des rechtsextremen Rassemblement National (RN) im südfranzösischen Beaucaire. Die Veranstaltung läutete den Europa-Wahlkampf ein. „Wir verkörpern die Hoffnung auf einen echten politischen Wechsel nach 40 Jahren strategischer Fehler!“, rief sie dort.
Der RN hofft, bei den EU-Wahlen im Juni 2024 zum dritten Mal in Folge stärkste französische Kraft zu werden. Wie bereits 2019 zieht Jordan Bardella, Le Pens rechte Hand, in den Wahlkampf. „Jordan, ich weiß und wir alle hier wissen, dass du tausendfach über die für diesen Kampf nötige Qualität, die Talente und Energie verfügst“, wandte sie sich während ihrer Ansprache direkt an den jungen Parteichef.
Wie vor jeder Präsidentschaftswahl seit 2012 gab Le Pen auch im Frühjahr 2023 den Vorsitz ab, um weniger parteiisch zu erscheinen. Diesmal holte sie sich das Amt nicht zurück, sondern überließ es Bardella dauerhaft. Stattdessen übernahm sie den Vorsitz der 89 Sitze zählenden RN-Fraktion in der Nationalversammlung. Diese ist seit den Parlamentswahlen dort die größte Oppositionsgruppe. In den Köpfen vieler bleibt die 55-Jährige die Chefin. Und vielleicht nicht nur dort. Dass sie bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2027 die „natürliche Kandidatin“ sei, hat sie in einem Fernseh-Interview klargestellt.
Eine gewisse Konkurrenz zwischen dem jungen Vorsitzenden und seiner Mentorin sei unvermeidlich, aber nicht unbedingt nachteilig für sie, sagt Jean-Yves Camus, Politologe und Leiter der „Beobachtungsstelle der politischen Radikalität“ der Stiftung Fondation Jean Jaurès. „Den beiden gelingt etwas völlig Neues für die Partei, nämlich der Wechsel von einer quasi monarchischen Führung hin zu einer Doppelspitze.“ Le Pen und Bardella seien hinsichtlich ihrer Generation, des Images, der sozialen Herkunft und Ausbildung komplementär.
Der 28-Jährige, der mit Le Pens Nichte Nolwenn Olivier liiert ist, wuchs als Kind einer alleinerziehenden italienischen Migrantin in der ärmlichen Pariser Vorstadt Drancy auf. Er hält sich zugute, die Realität in den sozialen Brennpunkten zu kennen, kein Produkt der Eliten zu sein wie so viele andere in der französischen Politik.
Damit repräsentiert er nicht nur den Kern der RN-Wähler, die überwiegend aus der Unterschicht stammen, sagt Camus. Bardella gehört dazu auch noch zur „Generation Marine Le Pen“. Als sie 2011 den damaligen Front National von ihrem Vater, Jean-Marie Le Pen, übernahm, leitete sie einen Wandel ein, verbot offen rechtsextreme Parolen oder Symbole, schloss besonders umstrittene Persönlichkeiten aus. „Sie hat am meisten Anhänger unter den 25- bis 34-Jährigen, die sich an die Zeit vor ihr nicht erinnern“, so der Politologe.
Ihre Strategie der „Entteufelung“ ging auf. Einer neuen Umfrage zufolge trauen ihr 48 Prozent der Französinnen und Franzosen das Präsidentenamt zu. Für mehr als die Hälfte verkörpert sie „Hoffnung“. Mit 33 Prozent positiven Meinungen ist Le Pen zweitbeliebteste Persönlichkeit des Landes, gleich hinter Ex-Premierminister Édouard Philippe. Bardella erreicht 27 Prozent. Ob die Unruhen in vielen französischen Vorstädten im Sommer, das Verbot des islamischen Übergewandes Abaya in den Schulen, die steigenden Flüchtlingszahlen in Europa – der RN profitiert von allen Debatten.
Inzwischen hat er allerdings Konkurrenz von rechtsaußen. Für die Partei des ultrarechten Ex-Journalisten Éric Zemmour, „Reconquête“, zieht Marion Maréchal in den EU-Wahlkampf – Le Pens Nichte, die sich von ihr abgewandt hat. Bei der Präsidentschaftswahl 2023 kam Zemmours Kandidatur Le Pen zugute, weil er sie moderater erscheinen ließ. Im zweiten Wahlgang gegen Macron konnte sie auf die Stimmen seiner Anhänger zählen. Die EU-Wahlen sehen nur eine Runde vor. Trotzdem haben Le Pen und Bardella gute Chancen, einmal mehr vorne zu liegen.