Osnabrück  Leben als Vagabund: Wirklich frei oder einfach nur abgehängt?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 29.09.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Das freundliche Gesicht des Vagabunden: Gustl Bayrhammer 1986 in der ZDF-Serie „Die Schwarzwald-Klinik“. Foto: imago stock&people
Das freundliche Gesicht des Vagabunden: Gustl Bayrhammer 1986 in der ZDF-Serie „Die Schwarzwald-Klinik“. Foto: imago stock&people
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Vagabund: Das Wort klingt nach Freiheit und Ungebundenheit: Aber was meint der Begriff? Und warum hat der Vagabund die braven Bürger schon immer provoziert?

Es gibt Wörter, die einmal nach Verheißung klangen. Vagabund ist so ein Wort. Wer sich herumtrieb, stromerte, sich von seinen Launen wie vom Wind treiben ließ, galt als wirklich frei. Vagabund: Das klang einmal romantisch. Oder beschönigend. Obdachloser: Dieses Wort klingt nach dem, was es bezeichnet – nach einem Leben ohne Schutz, Heimat, Richtung.

Wörter bedeuten etwas. Bisweilen streut ihr Sinn in bezeichnender Weise weit. Der Vagabund kann beides sein: ein wirklich selbstbestimmter Mensch oder einfach ein armer Hund. Auf das Wort und das, was es meint, ist so wenig Verlass wie auf den Vagabunden selbst. Kommt das Wort deshalb langsam, aber nachhaltig aus der Mode?

Das Wort kommt um 1700 in Mode. Das Substantiv klingt nicht nur wie das Adjektiv vage. Beide Wörter verbindet auch die Bedeutung des Unsteten, nicht Berechenbaren. Wer nach ihrem Ursprung forscht, berührt das französische Wort vagabond und steigt weiter hinab zum spätlateinischen vagabundus, dem Wort für das Umherschweifen.

Der Vagabund entzieht sich der Kontrolle, er steht nicht einfach außerhalb der Gesellschaft, er ist eines ihrer frei schweifenden Elemente, Hassobjekt und Projektionsfläche gleichermaßen. Wer sich der Disziplin widersetzt, fordert die Ordnung, ja überhaupt jede Reglementierung heraus. Der Vagabund avanciert zum Objekt der Beobachtung, weil er mit Erwartungen bricht und vermeintlich jene Glücksträume lebt, die zu verwirklichen den Angepassten der Mut fehlt.

Wie heißt es in Mascha Kalékos Gedicht „Vagabundenspruch“? „Man soll seinen Mantel nicht zu lang an den gleichen Nagel hängen“.

Der Vagabund lebt in einer Zeit, in der es Gesichtserkennung noch nicht gibt, noch niemand fatale Gelegenheit hat, im Netz digitale und deshalb unauslöschliche Spuren zu hinterlassen. Der Vagabund versuchte heutzutage vergeblich, sich dem überwachenden Blick zu entziehen.

Stirbt das Wort deshalb unweigerlich aus? Der romantische Vagabund scheint aus dem Gesichtskreis gerutscht. Im Blickfeld stehen jetzt eher der Migrant, der Flüchtling, der Bote. Das Umherschweifen hat heute eher mit existenzieller Not als mit freier Lust zu tun. Auch ein Zeichen der Zeit.

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