Umstrittener Straßenname  Streit um Hinweisschild an Bavinkstraße

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 25.09.2023 19:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Derzeit gibt es keinen Hinweis am Schild der Bavinkstraße darauf, wer hinter der umstrittenen Persönlichkeit steckt. Foto: Ortgies
Derzeit gibt es keinen Hinweis am Schild der Bavinkstraße darauf, wer hinter der umstrittenen Persönlichkeit steckt. Foto: Ortgies
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Die Bavinkstraße in Leer wird nicht umbenannt. Stattdessen soll auf einem Hinweisschild erklärt werden, was hinter der umstrittenen Persönlichkeit steckt – nämlich ein überzeugter Nazi.

Leer - Nach Bernhard Bavink ist in Leer eine Straße benannt. Allerdings ist das Handeln und Wirken des Bernhard Bavinks umstritten. Nach den Recherchen des ehemaligen Leeraner Bürgermeisters Wolfgang Kellner war der 1879 in Leer geborene Bernhard Bavink zwar ein namhafter und erfolgreicher Wissenschaftler, er war aber auch ein Anhänger der Nationalsozialisten und hatte mit anderen die theoretischen Grundlagen für das Dritte Reich gelegt. Die Stadt Bielefeld hatte das schon im Jahr 1996 zum Anlass genommen, ihr damaliges Bavink-Gymnasium, an dem er lange Lehrer gewesen war, in Gymnasium am Waldhof umzubenennen. Die Leeraner Politik entschied allerdings, dass die Bavink-Straße ihren Namen behält. Sie sollte allerdings um eine Hinweistafel ergänzt werden.

Was und warum

Darum geht es: Der Name der Bavinkstraße soll auf einem Schild erklärt werden. Über den Text wurde im zuständigen Ausschuss gestritten.

Vor allem interessant für: Menschen, die sich für die Geschichte Leers interessieren

Deshalb berichten wir: Seit Jahren wird über die Bedeutung Bernhard Bavinks in Leer gestritten. Einerseits ist er ein bekannter Sohn der Stadt, andererseits war er ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Über den Text hat nun der Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur diskutiert. Die Mitarbeiter des Stadtarchivs hatten sich mit Bavink auseinandergesetzt und einen Textvorschlag gemacht. Dieser lautet: „Bavink, Bernhard, 30. Juni 1879 Leer (Ostfriesland) – 27. Juni 1947 Bielefeld, deutscher Naturwissenschaftler, Naturphilosoph und Eugeniker. Nach heutigen Erkenntnissen lassen Teile seiner Veröffentlichungen auf eine rassistische und fremdenfeindliche Weltanschauung schließen, die mit der nationalsozialistischen Ideologie übereinstimmte. Diese menschenverachtende Gesinnung ist zu verurteilen und sollte für jeden von uns stets dringende Mahnung sein, für Menschlichkeit, Toleranz und Weltoffenheit einzutreten.“ Weitere Informationen zu Bavink und sein Handeln sollten über einen QR-Code, der ebenfalls am Straßenschild angebracht werden soll, für Interessierte abzurufen sein.

Kritik an Berufsbezeichnung

Doch diese Formulierung reicht Mechthild Tammena nicht. Sie ist beratendes Mitglied für die Grünen im Ausschuss. Stück für Stück nahm sie den Vorschlag auseinander. Die Schilder suggerierten das Bild eines Wissenschaftlers. Doch das zweifelt sie an. „Bavink hat zwar Naturwissenschaften studiert und war in diesen Fächern als Lehrer beschäftigt. Er hat aber universitär weder geforscht noch gelehrt“, so Tammena. Doch nicht nur die Berufsbezeichnung störte sie. Bereits der Philosophieprofessor Karl Jaspers sei 1932 zu dem Schluss gekommen, dass Bavink keine Qualifikation als Denker und Philosoph habe. Von Naturphilosoph könne also keine Rede sein. „Die Eugenik oder Rassenhygiene war eine Pseudowissenschaft. Es gibt keine Menschenrassen“, so Tammena. Was dagegen fehle sei der Hinweis, dass Bavink Antisemit und überzeugter Nationalsozialist gewesen sei. Das hätten die Recherchen von Wolfgang Kellner – Tammena ist mit Kellner verheiratet – ergeben. Besonders unhaltbar sei der Hinweis „Aus heutiger Sicht“. „Schon zu Zeiten der Weimarer Republik wurde die von Bavink geforderte Zwangssterilisation von Kindern und die ,Vernichtung lebensunwerten Lebens‘ strafrechtlich verfolgt. Schon damals - und nicht erst aus heutiger Sicht – war Bavinks extreme Position bekannt“, so Tammena. Sie forderte – neben der Umbenennung der Straße –, dass sich für das Zusatzschild Fachleute mit der Formulierung befassten.

Mit dieser Forderung kam Tammena allerdings nicht weit. Stadtarchivar Jan Böttche verwies darauf, dass die Formulierung „nach heutiger Sicht“ sich darauf beziehe, dass bis in die 1990er Jahre die Schrecken des Nationalsozialismus kaum aufgearbeitet wurden. Das wollte Tammena aber nicht gelten lassen. Sie betonte, dass bereits zu Bavinks Lebzeiten seine Ansichten radikaler als die der Nationalsozialisten war.

Vorschlag zur Vermittlung abgelehnt

SPD-Fraktionschef Heinz-Dieter Schmidt betonte, dass der Rat bereits eine Umbenennung abgelehnt habe. Den Hinweis auf dem Schild halte die Fraktion für ausreichend. Er zweifelte zudem an, dass solche Schilder überhaupt von der Bevölkerung wahrgenommen beziehungsweise gelesen werden würden.

Die CDU-Fraktion versuchte zu vermitteln. So schlug Tim Bienert vor, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die einen Text ausarbeiten könne. Das Thema sei sensibel, daher sei es wünschenswert, eine gemeinsame Lösung zu finden. Die Grünen konnten sich mit diesem Vorschlag arrangieren, die SPD lehnte ihn allerdings ab. Daher empfahl der Ausschuss mit den Stimmen der SPD, drei Enthaltungen der CDU und drei Gegenstimmen der Grünen, den Text für die Hinweisschilder so anzubringen.

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