Binz/Mukran LNG-Terminal auf Rügen: Viele Einheimische können Proteste nicht nachvollziehen
Mit Menschenketten am Strand, Klagen vor Gericht und Hafen-Besetzungen wehren sich Umweltschützer und der Bürgermeister des Seebades Binz gegen ein Flüssiggasterminal vor der Insel Rügen: Gefährlich für die Umwelt, bedrohlich für den Tourismus, und völlig überflüssig! Hört man sich in Kneipen und am Hafen von Mukran um, zeigt sich ein ganz anderes Bild.
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will ein LNG-Terminal vor Rügen stellen, damit Deutschland auch in den kommenden Wintern ohne das Gas von Wladimir Putin auskommt. Dafür wurde er zum Buhmann der beliebten Ferieninsel erklärt. Und Rügen ist zum Hotspot der Klimaproteste geworden.
Mecklenburg-Vorpommerns Landesregierung protestierte auf Plakaten gegen Habecks Pläne. Das Café „Habeck’s“ benannte sich um. Der Binzer Bürgermeister sah eine blaue AfD-Welle auf Rügen zurollen. Und erst vergangenes Wochenende kletterten hunderte Aktivisten über die Zäune des Hafens Mukran, wo die Anlage hin soll, und „besetzten“ die dort liegenden Pipeline-Rohre.
Ist die LNG-Wut nachvollziehbar? Nicht alle auf Rügen teilen die Empörung. An einem Freitagabend im September ist es trotz herrlichen Spätsommerwetters um Zehn am Abend schon sehr ruhig. Immerhin, eine Gaststätte etwas abseits der Touristen-Meile hat noch lange auf. Hier treffen sich Angestellte der Restaurants und Hotels, wenn die Urlaunber schlafen gehen. Und Fußballfans. Aber heute wird kein Spiel übertragen.
„Früher haben in Mukran Kreuzfahrtschiffe angelegt, da hat auch kein Hahn nach gekräht“, sagt der Wirt. Das Gerede von Einbußen für den Tourismus oder das Massensterben des Herings hält er für wenig glaubwürdig. „Die zwei zusätzlichen Schiffe am Horizont, na und? Auch für die Fische wird genug Raum bleiben“, sagt er, bevor er seine Gäste mit der nächsten Runde versorgt.
Ein paar Stunden früher schildert Jürgen Suhr seine Sicht der Dinge: „Klar, zu Beginn waren Tourismusbranche und Umweltverbände zurecht auf der Zinne“, sagt der Chef der Grünen-Bürgerschaftsfraktion von Stralsund, die gegen das Terminal gestimmt hat, beim Bier unter einem Sonnenschirm.
Zunächst habe Habeck die gewaltigen Schiffe, die als Ersatz für russisches Pipeline-Gas LNG aus den USA und anderen fernen Ländern aufnehmen und regasifizieren können, nah vor das Seebad Sellin etwas südlich von Binz legen wollen. Ein Industriestandort mit Lärm- und Lichtbelästigung vor der Nase, das hätte viele Strandurlauber abgeschreckt. „Das wäre tragisch gewesen“, sagt Suhr.
Aber seit Mitte Mai steht fest, dass die LNG-Anlage in den alten Industriehafen von Mukran kommt. Von dort wird eine Pipeline in den Meeresgrund bis nach Lubmin gelegt, um das Gas ans Festland zu bringen. Das wird den Hering stören, der dort laicht, aber die Ostsee nicht ruinieren.
Zwei Schiffe wöchentlich sollen Flüssiggas nach Mukran bringen. An der ebenso großen Autofähre, die täglich nach Dänemark fährt, stört sich keiner. Chlor wird auch nicht ins Wasser gelangen, weil die Firma ReGas ein geschlossenes System installiert.
„Die Betreiber tun alles, um die Lärm- und Umweltbelastung zu minimieren, das wird im Normalbetrieb sauber ablaufen“, sagt Grünen-Politiker Suhr. Die drastischen Warnungen, durch das LNG-Terminal werde der Sand vor Binz abgetragen, der Tourismus darben und der Preis für Immobilien abstürzen, die hält Suhr für unbegründet bis vorgeschoben, jedenfalls „fachlich nicht untersetzt“.
„Die Insel hat ganz andere Probleme als das LNG-Terminal“, sagt er. Zu viele arme Gegenden abseits von Binz, eine zu starke Verdichtung des Tourismus in gefragten Ecken, praktisch kein Wohnraum für Nicht-Touristen…
Und im Hafen von Mukran vergammeln 5.000 Erdgasrohre für die geplatzte Nordstream-2-Pipeline. Sie sollen jetzt für die Leitung vom LNG-Terminal nach Lubmin verwendet werden.
Da liegt es nahe, dass sich in Mukran und im nördlich gelegenen Sassnitz viele, auch Bürgermeister Leon Kräusche (parteilos), über das LNG-Terminal freuen, weil es gute Jobs bringt, den Standort aufwertet und die Bahnverbindung mit Bundesmitteln ausgebaut werden dürfte.
Im boomenden Binz kämpfen Bürgermeister Karsten Schneider (ebenfalls parteilos) und Aktivisten weiter für einen Baustopp und eine Änderung der LNG-Gesetze, damit ihre Insel vor der Gasinfrastruktur verschont bleibe. Schneider drohte im Juli gar, notfalls bis vor das Verfassungsgericht zu ziehen.
Als der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider (SPD), vor ein paar Tagen zum Gespräch nach Rügen kommen wollte, ließ ihn die Initiative „Lebenswertes Rügen“ abblitzen: Ort und Zeit hätten nicht gepasst, hieß es trotzig.
Zurück in der Kneipe. Eine 52-jährige Kellnerin hat ihre Schicht in einem Restaurant an der schicken Strandpromenade beendet und genießt hier jetzt die Schlagermusik. „Ach, LNG, das Thema is durch. Die Dinger kommen und gut is. Wir kleinen Leute haben eh nix mitzubestimmen“, sagt sie.
Beim nächsten Grappa mischt sich der Wirt wieder ein: „Die, die immer noch protestieren, wären die ersten, die schreien, wenn‘s kalt wird, weil nicht genug Gas da ist.“
Das träfe bestimmt nicht für alle zu. Von denen, die sich bei „Lebenswertes Rügen“ engagieren, meinen es viele ernst mit Umwelt- und Klimaschutz und würden sich mit dicken Strick-Pullovern wärmen. Aber auch Grünen-Politiker Suhr vermutet, dass es die fulminante Aufmerksamkeit ist, die die Rügener Anti-Habeck-Rebellion am Laufen hält.
Für Suhr und die Grünen vor Ort geht es inzwischen vor allem um die Frage, ob das Terminal wirklich gebraucht wird. „Ich habe erhebliche Zweifel an zusätzlichem LNG-Bedarf“, sagt er. Auch ein frisches Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kommt zu dem Fazit, Mukran werde „nicht dringend“ zur Vermeidung einer Gasmangellage benötigt.
Ob die LNG-Gegner ihr Ziel erreichen, die schwimmende Flüssiggasanlage auf Rügen noch zu verhindern, wird freilich immer unwahrscheinlicher. Das Bundesverwaltungsgericht hat bislang alle Anträge auf Baustopp abgelehnt und folgte damit der Begründung von Robert Habeck und der Bundesnetzagentur: Das Terminal werde eben doch gebraucht, um eine neue Gaskrise zu verhindern.