Schwerin  Das naive Erschrecken der Ignoranten

Michael Seidel
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Von Michael Seidel
| 24.09.2023 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Werden rechtsextreme Einstellungen zunehmend zum Problem? Foto: IMAGO/Harry Haertel
Werden rechtsextreme Einstellungen zunehmend zum Problem? Foto: IMAGO/Harry Haertel
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Deutschland wird unter dem Druck extremer Krisen immer polarisierter und extremer. Das belegt die jüngste „Mitte-Studie“ im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Doch nur für Ignoranten ist das eine Überraschung.

Wer sehen will, konnte es sehen. Spätestens seit der Corona-Krise mit ihren Lockdowns und Impflichtdebatten trat offen zutage, was allerdings längst im wiedervereinten deutschen Volke schlummerte. Auch das Erstarken der AfD ist letztlich nur ein äußeres Symptom für eine tief in einem Teil der Gesellschaft schwärenden Entzündung:

Seit 2006 belegen regelmäßig die sogenannten Mitte-Studien im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung das Vorhandensein von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, von mehr oder weniger manifesten populistischen, chauvinistischen, völkischen und rechtsextremistischen Einstellungen in rund einem Drittel der deutschen Bevölkerung. Das hätten alle, die sich dieser Tage wieder erschrocken und pseudo-betroffen über die jüngste dieser Studien, die unter dem Titel „Distanzierte Mitte“ erschien, äußern oder gar echauffieren, längst wissen können und sogar müssen.

Die neue Qualität, die die jüngste Studie dokumentiert, liegt in der Verdreifachung der Klientel, die sich zu einem gefestigt rechtsextremen Weltbild bekennt. Das muss nicht zwangsläufig an einer erweiterten Personenzahl liegen, sondern könnte mindestens teils schlicht daran liegen, dass mancher chauvinistische oder rassistische oder gar völkische Spruch vor Jahren noch eher im Hinterzimmer oder am Stammtisch oder hinter vorgehaltener Hand geraunzt wurde – während heute wesentlich mehr Menschen keine Scheu haben, offen und ungehemmt Sprüche zu kloppen wie „Ein starker Führerstaat wäre besser für Deutschland“.

Der Clou an dieser Studienmethodik ist der, dass – vereinfacht ausgedrückt – nicht politische Einstellungen abgefragt werden, sondern mit soziologisch fein ziselierten Fragen und Gegenchecks indirekt Einstellungen herausgearbeitet werden. So stellen die wissenschaftlichen Interviewer Aussagen ohne konkrete „Herkunftsangabe“ in den Raum und erfragen Zustimmung oder Ablehnung. Das kann beispielsweise eine NPD-Parole sein, deren Absenderschaft NPD aber nicht offensichtlich ist. Aber genauso gut eine Wahlkampfparole von CSU-Chef Markus Söder oder des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer.

Bevor jetzt wieder Politiker aller Couleur in ihre Fassungs- und Ahnungslosigkeit auf neue aktivistische Einfälle kommen, wäre zunächst die gründliche Lektüre dieser wie auch der Vorläuferstudien zu empfehlen. Denn im Zusammenhang beantworten sie etliche der Fragen, die ständig ungläubig in Ost wie West gestellt werden: Warum tickt der Osten so anders? Betrifft das nicht den Westen genauso? Und wie verändert der Osten auch den Westen? Oder fällt im Osten nur mehr auf, was im Westen, insbesondere in dessen Süden, seit Jahrzehnten gang und gäbe ist? Denn manches, was schon zu Franz-Josef Strauß‘ Zeiten oder heute von Hubert Aiwanger guttural aus Bayern in die Republik gerülpst wurde, hätte in Neu Nordost mindestens als rechtsradikal gegolten.

Solle also auch um den Jahrestag der Deutschen Einheit herum niemand schon wieder den Osten zum alleinigen Problemfall machen. Polarisierung und Radikalisierung ist unser gesamtdeutsches Problem.

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