Osnabrück  Wenn man sich einschleimen will: Wie geht eigentlich Scharwenzeln?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 22.09.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Immer auf Tuchfühlung: Wer richtig scharwenzelt, gewinnt auf diskrete Weise Einfluss. Foto: imago/Panthermedia
Immer auf Tuchfühlung: Wer richtig scharwenzelt, gewinnt auf diskrete Weise Einfluss. Foto: imago/Panthermedia
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Das Wort kennen nur noch wenige, dabei machen es weiter viele: scharwenzeln. Überall dort, wo es um Vorteile und Einfluss geht, bezeichnet dieses Wort eine Kunst, die gern im Verborgenen bleibt.

Schwarwenzele! Klingt seltsam, ist aber korrekt, dieser Imperativ. Aber wer sagt das? Natürlich niemand. Wer gern herumscharwenzelt, macht das ohnehin von sich aus und wird dabei auch nicht gern entdeckt. Denn bei diesem Wort geht es um eine ebenso intensive wie diskrete, ja manipulative Tätigkeit.

Er will sich einschleimen: So sagt man heutzutage allzu direkt, worum es beim Schwarwenzeln geht. Aber klingt das ältere, heute nicht mehr allzu gebräuchliche Wort nicht viel mehr nach dem, was mit dem Scharwenzeln beabsichtigt ist?

Das Wort verschwindet, das, was es bezeichnet, hat zu allen Zeiten Hochkonjunktur. Seltsam. Wer scharwenzelt, der bietet seine Dienste an, der macht sich lieb Kind, schmeichelt sich ein. Oder betreibt Networking. Das klingt modern und alert, ein ideales Wort für Scharwenzler, die ihre eigentlichen Absichten gern mit einem eingefrorenen Lächeln kaschieren.

Wer nach dem Ursprung des Wortes sucht, muss einer windungsreichen Geschichte folgen. Sie führt Jahrhunderte hinab zum Scharwenzel, dem Buben im Kartenspiel, der wie ein Joker eingesetzt werden konnte. Er passte überall, wo er gerade gebraucht wurde. Zum gewieften Kartenspieler gehört das Wissen um Taktik und Täuschung. Von da ist es auch bis zum Scharwenzeln nicht weit.

Wer scharwenzelt, hat ein Ziel, geht aber niemals einen geraden Weg. Man scharwenzelt nicht auf jemanden zu, sondern um jemanden herum. Die Kunst besteht darin, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ohne ins volle Rampenlicht zu treten. Scharwenzler sind von Intriganten nicht allzu weit entfernt. Bisweilen sind diese Rollenfächer des sozialen Lebens auch schlicht deckungsgleich.

À propos: Wer Scharwenzler identifizieren möchte, muss sich auf das Leben in Gesellschaft verstehen, soziale Signale wahrnehmen und den Doppelsinn von Handlungen erkennen können. Die Kunst der Schmeichelei funktioniert indirekt am besten.

Genau deshalb sagt niemand: Scharwenzele! Das wäre viel zu offensichtlich. Der Scharwenzel arbeitet im Hintergrund. Wer ihn ausmachen will, muss sich an das fahle Licht im Halbschatten des sozialen Lebens gewöhnen.

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