Jagd-Novelle Warum Nutrias zur Gefahr für Ostfriesland werden können
Das grüne Landwirtschaftsministerium in Hannover plant, die Jagd auf Nutrias einzuschränken. Das bringt Jäger und Deichschützer auf die Palme. Es geht um Millionen.
Ostfriesland - In Ostfriesland wird dieser Tage intensiv über den künftigen Umgang mit den als schädlich geltenden Nutrias diskutiert. Grund dafür ist eine Gesetzesnovelle aus dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, das die Jagd auf die großen Nagetiere einschränken will. Jäger und Entwässerungsverband schimpfen wie die Rohrspatzen – wovon wiederum die zuständige Ministerin ziemlich angefressen ist.
„Wenn das so kommt, wie die sich das in Hannover ausgedacht haben, dann haben wir hier ganz schnell Schäden, die in dreistellige Millionenhöhen gehen“, sagte Jan van Dyk im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Verbandsingenieur des Entwässerungsverbandes Emden sieht durch eine unkalkulierbar hohe Zahl an Nutrias nicht nur landwirtschaftliche Flächen, sondern auch Gewerbegebiete und Ferienhaus-Siedlungen gefährdet. Die könnten nämlich überflutet werden, wenn die Nutrias sich stark vermehrten und noch mehr Höhlen an Kanälen und anderen Wasserläufen graben würden.
Dreieinhalb Monate keine Jagd
Doch worum geht es bei der ganzen Aufregung? Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium unter Führung von Miriam Staudte (Grüne) hat vor einigen Wochen eine Novelle des Jagdgesetzes auf die Reise geschickt, die laut Ministerium unter anderem auch eine Einschränkung der bisher ganzjährigen Jagdzeit auf Nutrias aus Gründen des Elterntierschutzes von heimischen Arten vorsieht. Vom 1. April bis 15. Juli jedes Jahres gelte dann die sogenannte Brut-, Setz- und Aufzuchtzeit (§ 33 NWaldLG). In diesem Zeitraum solle die Jagdzeit auf die Nutria eingeschränkt werden, damit Beifänge heimischer Arten vermieden werden, teilte das Ministerium unserer Redaktion mit. Die Novellierung befinde sich in der Phase der Verbandsbeteiligungen und solle nach Sichtung der Stellungnahmen Ende des Jahres 2023 in Kraft treten. Diese Verbandsbeteiligung endet laut Ministerium am 22. September.
Dass über die Novelle schon vorher diskutiert wird, ärgert die Ministerin. „Ich bin irritiert über die öffentliche Diskussion der Verbände, die ja gerade in einem Beteiligungsverfahren gehört und einbezogen werden. Die nun medial geführte Debatte kann die fachliche Auseinandersetzung innerhalb dieses Verfahrens ausdrücklich nicht ersetzen. Ich würde mir wünschen, dass der Fokus auf den direkten Austausch gelegt wird“, so Staudte gegenüber unserer Zeitung.
Schneller als Karnickel
Die Jäger sind ebenfalls sauer auf die Ministerin. „Der Elternschutz ist doch erst vor einem Jahr aufgehoben worden“, sagte Gernold Lengert im Gespräch mit unserer Redaktion. „Nutria ist eine invasive Art. Die Tiere haben keine Fressfeinde und vermehren sich deutlich schneller als Kaninchen“, sagte der Vorsitzende der Jägerschaft Aurich. Die Weibchen könnten schon während der Säugung wieder trächtig werden – und seien das ganze Jahr paarungsbereit. Lengert: „Wenn wir diese Tiere mehr als ein Vierteljahr nicht bejagen dürfen, können wir Jäger für die Zustände hier keine Verantwortung mehr übernehmen.“
Ministerin Staudte ist sich der Gefahr durch Nutrias durchaus bewusst. Die Jagd auf Nutrias sei unter anderem aus Gründen des Küsten- und Hochwasserschutzes weiterhin erforderlich, teilte die grüne Landwirtschaftsministerin auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Die Änderungen seien jedoch aus Tierschutzgründen, genauer aus Gründen des Elterntierschutzes, vorgenommen worden. Nutrias würden weit überwiegend im Rahmen der Fangjagd bejagt. Mit dem Einsatz von Fallen könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich Elterntiere heimischer Arten mit abhängigen Jungen in den Fallen fangen und nicht unverzüglich wieder entlassen werden könnten. Um die Gefahr gerade auch für streng und besonders geschützte Arten zu mindern, solle daher die Jagdzeit der Nutrias beschränkt werden. Das Ministerium: „Letztlich müssen die entgegenstehenden Interessen sorgfältig miteinander abgewogen werden. Diese sind der Küsten- und Hochwasserschutz auf der einen sowie der Tierschutz auf der anderen Seite.“
Klientelpolitik der Grünen?
Jäger Lengert will das nicht gelten lassen. Mit der „heimischen Art“ könne doch nur der Biber gemeint sein – und der komme in Ostfriesland überhaupt nicht vor. „Da wird doch jedes Jahr eine neue Sau durchs Dorf getrieben“, schimpft er auf die Politik. Er habe den Eindruck, dass die Grünen hier nichts weiter als Klientelpolitik betreiben würden.
Tatsächlich werden Nutrias mit sogenannten Lebendfallen gejagt. Das sind laut Lengert etwa 1,20 Meter lange Fallen, in denen meist süße Äpfel liegen. Tappt eine Nutria in eine solche Falle, erhält der Jäger über eine App auf dem Handy eine Meldung. Das Tier wird dann laut Lengert mit einem Kleinkaliber-Gewehr durch einen Fangschuss in den Kopf getötet. Radikalen Tierschützern dürfte das nicht gefallen.
Nutrias bevorzugen Ostfriesland
Allerdings gelten Nutrias auch als aggressiv. „Wenn die sich in die Enge getrieben fühlen, dann gehen die mit ihren scharfen Zähnen bei Hunden auch auf die Kehle“, sagte van Dyk vom Entwässerungsverband unserer Redaktion. Wer einer Nutria begegne, solle dies umgehend der Jägerschaft melden – und die Tiere auf gar keinen Fall füttern. „Ostfriesland ist ein bevorzugtes Revier für Nutrias, weil wir hier viele Gewässerläufe haben“, sagte van Dyk. Die Nager würden dort relativ große Höhlensysteme im Wasserböschungsbereich graben. Böschungen rutschten nach und unterhöhlten auch Straßen. Könne außerdem das Wasser aus den Gewässerläufen nicht richtig abfließen, würde es in die Niederungen gelangen und dort unter Umständen Millionenschäden an der Infrastruktur anrichten.
Dass die Gefahren eines Jagdstopps nicht von der Hand zu weisen sind, zeigen die Zahlen. Nach Auskunft von Johanne van Scharrel-Bruns von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg sind 2015/2016 landesweit genau 10.070 Nutrias zur Strecke gebracht worden; 2021/2022 waren es schon 40.980. Und ein Blick beispielsweise in den Landkreis Leer zeigt: 2016/2017 genau 251 getötete Nutrias, 2021/2022 dann schon 1408.