Hamburg Wie Pflegeheime sich auf einen Corona-Herbst vorbereiten
Mit dem Herbst kehrt auch das Corona-Virus in die Pflegeheime zurück. Erinnerungen an isolierte Bewohner und strenge Maßnahmen werden wach – doch die Situation wird mittlerweile anders bewertet.
Ein Ehemann, der seiner Frau im Pflegeheim nicht sagen konnte, dass der eigene Sohn verstorben ist, Demenzkranke, die ihre Pfleger hinter den Masken nicht mehr erkennen, Bewohner, die sich eingesperrt und von der Außenwelt abgeschnitten fühlen: Als die Infektionen des Corona-Virus deutschlandweit auf ihren Höchstständen waren und in den Pflegeheimen Masken- und Testpflicht sowie Besuchsverbote herrschten, gab es viele solch persönlicher Schicksalsgeschichten. Noch keine zwei Jahre sind diese Ereignisse her.
Die brachialen Maßnahmen in der stationären und ambulanten Pflege sollten jene schützen, bei denen eine Corona-Erkrankung besonders dramatisch verlaufen kann. Über die Sinnhaftigkeit der pauschalen Maßnahmen mitsamt den Folgen für die Psyche der Betroffenen herrscht noch immer Uneinigkeit. Als „eine Tragödie” bezeichnet ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Mecklenburg-Vorpommern die Besuchseinschränkungen von damals aus heutiger Sicht.
Eine Tragödie, die sich nicht wiederholen soll. Dabei kommt bald der Herbst und mit ihm die Sorge, dass gerade in den Pflegeheimen das Corona-Virus erneut für Tote sorgen könnte. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bewirbt bereits den angepassten Impfstoff.
Doch die Lage scheint, so ist von verschiedenen Betreibern zu hören, entspannt. Aufmerksamkeit gilt als das Gebot der Stunde, keine Panik. „Sollte es zu einem größeren Infektionsgeschehen kommen, sind wir gut vorbereitet“, sagt etwa Marcus Drees, Leiter der Fachstelle Altenhilfe und Pflege beim Caritasverband für die Diözese Osnabrück.
Alle Einrichtungen hätten ausreichend Schutzkleidung und eigene Pläne für Maßnahmen, sollte es wieder viele Infektionen geben. Doch das sei derzeit nicht der Fall, wenngleich in Niedersachsen erste Pflegeheime zumindest im Besucherbereich schon wieder die Maskenpflicht eingeführt haben.
Das niedersächsische Gesundheitsministerium, das selbst die Zahlen gar nicht mehr erfasst, sieht die Sache aber als stabil an. Ähnlich beschwichtigende Töne gibt es auch aus Mecklenburg-Vorpommern (MV), dort redet ein Sprecher von einem „sehr, sehr niedrigen Niveau.“ Es bleibe zwar eine schwerwiegende, aber auch eine normale Atemwegserkrankung. Neue staatliche Maßnahmen gelten als unwahrscheinlich, stattdessen haben die Pflegeheime die Maßnahmen in der eigenen Hand.
„Die Hygienepläne werden dort dann im Fall der Fälle wieder herausgeholt“, heißt es aus dem MV-Gesundheitsministerium. Und sie seien weit praktikabler als zur Corona-Hochphase, als das Virus noch neu war und längst nicht alle Einrichtungen solche Pläne hatten.
Die Gelassenheit scheint sich durch alle Bereiche zu ziehen. Auch bei den Pflegekräften, die neben den Bewohnern am stärksten von den einstigen Beschränkungen betroffen waren, ist von Nervosität nichts zu spüren. „Es herrscht eine relative Ruhe“, sagt Katharina von Kroy vom Berufsverband für Pflegekräfte. Corona sei jetzt nur noch ein Virus unter vielen, so die Sprecherin des Regionalbereiches Nordwest, zu dem neben Hamburg und Bremen auch Niedersachsen und Schleswig-Holstein gehören.
Beim Robert-Koch-Institut (RKI) haben sie das Infektionsgeschehen allerdings weiter im Blick. Covid-19 ist wie auch Influenza meldepflichtig. Bereits seit Anfang Juli nimmt die Zahl der bestätigten Covid-19-Infektionen wieder zu. Insgesamt rechnet das RKI aktuell mit mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland, die unter akuten Atemwegserkrankung leiden, zu denen auch Covid-19 zählt. Die Zahlen steigen vor allem bei Kindern und Jugendlichen sowie älteren Menschen ab 60 Jahren an.