Osnabrück Outsider Art: Braucht Kunst von Behinderten ein eigenes Wort?
Ist das Outsider Art oder einfach nur Kunst? Der Begriff für die Kunst von Menschen mit Behinderungen ist in aller Munde. Dabei wäre es höchste Zeit, ihn endlich zu verabschieden.
Geduldig malt er Punkt um Punkt. Christoph Seidel setzt wieder und wieder den Pinsel an. Er ist so vertieft in sein Tun wie die Menschen, die an langen Tischen in der Kunsthalle Osnabrück malen, formen, kneten. Ob da ein Bild entsteht oder ein Objekt – im Ausstellungshaus ist der Kunstcontainer der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO) zu Gast. Wer sind die Menschen, die da künstlerisch aktiv sind, Klienten, Schutzbefohlene, gar Patienten? „Sie sind die Akteure des Kunstcontainers“, sagt der Maler Christoph Seidel kurz und bündig. Er leitet den Kunstcontainer.
Outsider Art: Der Begriff zeigt, wo der Kunstbetrieb jene Kreativen platziert, die psychisch krank oder geistig behindert sind – an seinem Rand oder gleich in einem unbestimmten Jenseits. Hier die Etablierten, dort die Außenseiter. Das Wort von der Outsider Art verschafft den Bildern jener Autodidakten Sichtbarkeit, wertet sie zugleich aber auch ab. Ein Wort, ein Dilemma.
Und inzwischen mehr als eine Nische im Kunstmarkt. „Die Outsider Art hat längst ihre Position auf dem Kunstmarkt“, berichtet Herrad Maria Schorn von Christie‘s Deutschland in Düsseldorf. Das Auktionshaus organisiert am 21. September 2023 eine Versteigerung in der Osnabrücker Stadtgalerie, deren Erlös jene Stiftung stärken soll, die Christoph Seidel für seinen Kunstcontainer gegründet hat.
Wie Kunstexpertin Schorn berichtet, ist die Outsider Art vor allem in den USA längst im Kunstmarkt angekommen. „Viele Sammler interessieren sich für diese Kunst, sind fasziniert von ihrer Frische“, sagt Schorn und zielt zugleich auf jenen Punkt, der die Kunst der Außenseiter im Kunstbetrieb so anziehend macht: Sie ist neu und unverbraucht, weil frei von allen Konventionen einer auf den Bedarf von Galerien abgestellten Kunstproduktion.
„Das Label ist nicht mehr wegzudenken“, sagt Lisa Inckmann zum Begriff der Outsider Art. Sie leitet das Kunsthaus Kannen in Münster, ein Forum für die Kunst der Außenseiter, das in eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie integriert ist. Der Kulturbetrieb hat nach ihrer Meinung einen hohen Bedarf an Etiketten, mit denen Kunst wiedererkennbar gemacht wird. „Outsider Art ist keine Kunstrichtung“, präzisiert Inckmann den Begriff, der sie aus einem bestimmten Grund nicht glücklich macht. Denn wo ist die Grenze, die Outsider Art von anderer Kunst unterscheidet?
Kunsthausleiterin Inckmann und Künstler Seidel kennen die Karriere des Begriffs zur Genüge. Seine Tücken ebenso. Das Wort kam in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf. „Zuvor sprach man von Art Brut“, erinnern sich Inckmann und Seidel unisono. Noch einmal ein halbes Jahrhundert früher betitelte der Psychiater Hans Prinzhorn sein Buch über die Kunst der Patienten der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg mit der Formulierung „Bildnerei der Geisteskranken“.
Prinzhorn publizierte sein einflussreiches Buch 1922. Mehr als ein Jahrhundert später nennt der Künstler Christoph Seidel jene Personen, die in seinem Kunstcontainer arbeiten, „Menschen mit Assistenzbedarf“. Zugleich verschiebt er die Vorstellung der Outsider Art selbst. „Was wir hier machen ist kulturelle Bildung. Ob das, was dabei entsteht, Kunst ist, sollen andere entscheiden“, verlegt Seidel sein Augenmerk auf die Arbeit mit den Menschen.
Auch Lisa Inckmann will weg vom fertigen Objekt, wenn es um Outsider Art geht. Sie verweist auf die aktive Arbeit in den Werkstätten, in denen Menschen mit Behinderung angesprochen würden. Sie macht klar, dass es für diese Menschen darauf ankommt, ein gutes Selbstgefühl zu entwickeln und wahrgenommen zu werden. Ein Begriff, der wie ein Etikett wirkt, hilft da nicht weiter.
Für den Kunstmarkt gilt seit Jahren das Gegenteil. Herrad Maria Schorn von Christie‘s verweist auf die Spitzenpreise, die Werke der Outsider Art inzwischen bei Auktionen erzielen. William Edmondsons Skulptur „Boxer“ von 1936 findet sich in der Liste der Auktionserlöse mit 785.000 Dollar notiert. Ein Bild des 1973 verstorbenen Henry Darger kommt gar auf 672.500 Dollar.
Sicher, jene Millionen, die für Meisterwerke von Claude Monet oder Pablo Picasso gezahlt werden, wiegen solche Beträge nicht auf. Für eine Kunst von Menschen aber, die niemals Kunststudien betrieben oder eine Stellung in der Kunstwelt hatten, sind solche Ergebnisse erstaunlich.
Dabei kommen sich Auktionatorin Schorn und Lisa Inckmann vom Kunsthaus Kannen in einem Punkt sehr nahe: Die Kunst der Außenseiter fasziniert durch ihren unverstellt wirkenden Blick, durch ihre Energie und Frische. „Natürlich gibt es auch Werke mit endlosen Wiederholungen“, ordnet Inckmann ein, sagt aber auch: „Da können schon sehr interessante Arbeiten entstehen“.
Der Begriff der Outsider Art bleibt gleichwohl problematisch, weil er eine Normalität voraussetzt, die es in der Kunst nicht gibt. Das Genie Vincent van Gogh war ein Außenseiter, die Ausnahmekönnerin Louise Bourgeois blieb eingesponnen in ihre ganz eigene Welt. „Sind das nicht alles Künstler?“, fragt Christoph Seidel und weist auf die Menschen, die unter seiner Anleitung in der Kunsthalle Osnabrück arbeiten. Für Lisa Inckmann liegt die Sache klar: „Es gibt keine kranke Kunst“.