Osnabrück Picasso und Beckmann: Wuppertal inszeniert Gipfeltreffen der Kunst
Pablo Picasso und Max Beckmann: Wie passen die zwei Alpha-Tiere der Kunst zusammen? Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum macht sie zu Zeugen einer Zeit der Kriege und Krisen.
In der Welt gehen die Lichter aus. Zwei Künstler machen einsam weiter, hinter geschlossenen Vorhängen. Pablo Picasso 1942 mit seinem „Stierschädel“, Max Beckmann zwei Jahre früher mit dem Gemälde „Selbstbildnis mit grünem Vorhang“. Ob in Paris oder Amsterdam: Wegen drohender Luftangriffe müssen Fenster verdunkelt werden. Während die Welt im Krieg versinkt, berühren sich für eine Sekunde zwei Planeten der modernen Kunst. Das Motiv des verhängten Fensters eint Picasso und Beckmann. Beide wehren sich gegen das Chaos mit ihren Mitteln.
Picasso und Beckmann? Roland Mönig und Reinhard Spieler, die Direktoren des Wuppertaler Von-der-Heydt-Museums und des Sprengel-Museums in Hannover zwingen zwei Alpha-Tiere der Kunst in ihre imaginäre Arena. Im wirklichen Leben sind sich beide Künstler nie begegnet. „Er ist sehr stark“: Dieser knappe Satz ist von Pablo Picasso (1881-1973) über Max Beckmann (1884-1950) überliefert. Der wollte Picasso aus Paris herausfegen, den Platz des Konkurrenten in der ersten Reihe der Kunstwelt einnehmen. Ihre Hahnenkämpfe sind Vergangenheit.
Roland Mönig arbeitet mit dem Bild der Planeten, wenn er beschreiben will, wie Pablo Picasso und Max Beckmann zueinander passen könnten. Aber was ist mit Planeten, die sich auf entgegengesetzten Seiten der Sonne befinden? Wer mit den geläufigen Stilbegriffen der Kunst der Moderne arbeitet, bekommt Picasso und Beckmann nicht zusammen. Zu unterschiedlich arbeiten der Klassiker der Gaukler und der Expressionist dramatisch aufgeladener Selbstporträts.
Aber beide malen gegenständlich in einem Jahrhundert der Abstraktion, sie loten die Dimensionen des Menschen aus in einer Epoche, die dem Menschlichen denkbar feindlich ist. Die Kuratoren bauen aus 60 Gemälden und 100 Grafiken einen Parcours, der gerade dann instruktiv ist, wenn er nicht synchron verläuft. Zu unterschiedlich sind die Antworten, die zwei Künstler auf eine von Krieg und Krise zerfurchte Epochenerfahrung geben.
Die beiden, gern zu Giganten stilisierten Künstler gehören einer Generation an. Trotzdem streben sie auseinander. Doch eine Frage treibt beide an: Wie rettet der Mensch sich selbst, wenn die Welt kollabiert?
Der Künstler rettet sich in ein Spiel mit Rollen und Masken, ob als Versehrter wie Max Beckmann, der sich im „Selbstbildnis als Krankenpfleger“ kurz nach dem Ersten Weltkrieg in fragile Szene setzt, oder als Dompteur des vitalen Minotaurus, als den sich Pablo Picasso stilisiert. Beide Künstler wenden sich nicht nur den Außenseitern der Gesellschaft zu, malen Clowns und Akrobaten, sie konzipieren auch Bildräume mit Falltür und doppeltem Boden.
Picasso macht aus dem Bildgeviert den Schauplatz der Überlebenskämpfe. Der Raub der Sabinerinnen eskaliert bei ihm zum Massaker. Daneben hängt Beckmanns „Messingstadt“, sein Gemälde über die Sage, nach der Frauen die Belagerer ihrer Stadt erst verführen und dann töten. Picasso und Beckmann mögen einander wenig zu sagen haben. Umso mehr sagen sie heute dem Betrachter über Erfahrungen radikaler Verunsicherung – jeder auf seine vital verstörende Weise.
Warum kann diese Kunst überhaupt etwas über einschneidende Zeiterfahrungen aussagen? Weil sie Wirklichkeit zuspitzt und typisiert, sie auf suggestive Bilder von mythischer Kraft konzentriert. Diese heikle Kunst beherrschten beide, Pablo Picasso wie Max Beckmann. Ihre Kämpfer und Kraftkerle, Clowns und Claqueure berühren als einsame Helden in steter Gefährdung. Wie gut, dass die Kuratoren diesem maskulinen Daseinsspektakel wenigstens noch ein Kapitel ihrer Bilder von Frauen angehängt haben.
Picasso und Beckmann: Das klingt selbst nach einem Hochseilakt. Die Kuratoren versammeln für dieses besondere Stelldichein der Kunstgiganten die begrenzten Bestände von Werken Picassos und Beckmanns ihrer Häuser in Wuppertal und Hannover. Im Jahr des 50. Todestages von Pablo Picasso ergibt das, ergänzt durch einige Leihgaben, eine sehenswerte, allerdings nicht spektakuläre Schau.
Die Zeit der Blockbuster-Ausstellungen mit sündhaft teuren Leihgaben und Meilenrekorden bei den Kunsttransporten ist vorbei. Die Wuppertaler Schau zeigt auch das. „Eine Ausstellung kostet jetzt etwa die Hälfte dessen, was sie früher bei uns gekostet hat“, beschrieb Joachim Schmidt-Hermesdorf als Vertreter der Brennscheidt-Stiftung die neue Wuppertaler Bescheidenheit. In der notorisch klammen Kommune sorgen vor allem diese Stiftung und die Jackstädt-Stiftung seit Jahren dafür, dass das Museum mit großen Ausstellungen glänzen kann. Den Etat der Schau zu Picasso und Beckmann hat auch die Berliner Ernst von Siemens Kunststiftung unterstützt.
Müssen sich auf diesem Hintergrund auch Ausstellungsmacher ein wenig wie jene turbulent verwirbelten „Luftakrobaten“ fühlen, die Max Beckmann in Szene setzte? In Wuppertal ziehen einstweilen zwei Planeten der Kunst ihre Bahn. Das klingt nach beruhigter Reise – in einer auch für die Kultur unsicheren Zeit.
Wuppertal, Von-der-Heydt-Museum: Pablo Picasso – Max Beckmann. Mensch – Mythos – Welt. 17. September 2023 bis 7. Januar 2024. Di., Mi., Fr., 11-18 Uhr, Do., 11-20 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr.