Medizinische Versorgung  Aufnahme-Stopps für neue Zahnarzt-Patienten in Ostfriesland

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 08.09.2023 10:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wohin entwickelt sich die zahnärztliche Versorgung in Ostfriesland? Foto: Dittrich/dpa
Wohin entwickelt sich die zahnärztliche Versorgung in Ostfriesland? Foto: Dittrich/dpa
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Ostfriesische Zahnärzte warnen vor einer Verschlechterung der zahnmedizinischen Versorgung in der Region. Einige Praxen haben Aufnahme-Stopps verhängt. Sie nehmen also keine neuen Patienten auf.

Ostfriesland/Hannover - „In Ostfriesland sind circa 340 Zahnärzte tätig“, schreibt der Zahnarzt Dr. Dr. Wolfgang Triebe aus Aurich auf Anfrage unserer Redaktion in seiner Eigenschaft als Mitglied des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ). Er ist aber auch Vorsitzender der Verwaltungsstelle Ostfriesland der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KZVN). Auch der Papenburger Zahnarzt Dr. Michael Debbrecht berichtet von 340 Zahnärzten. Er ist stellvertretender FVDZ-Vorsitzender in Ostfriesland. Zudem fungiert er als Vorsitzender der Zahnärztekammer-Bezirksstelle in Ostfriesland.

Was und warum

Darum geht es: Um die zahnärztliche Versorgungslage in Ostfriesland.

Vor allem interessant für: Zahnarzt-Patientinnen und -Patienten

Deshalb berichten wir: Weil Zahnärzte aus Ostfriesland und darüber hinaus in Niedersachsen gegen eine aus ihrer Sicht unzureichende Finanzierung protestieren und vor einem Praxensterben warnen.

Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de

„In den letzten fünf Jahren ist eine deutliche Überalterung der Kollegenschaft festzustellen, da weniger junge Zahnärzte sich niederlassen und mehr in Ruhestand gehen“, so Dr. Dr. Triebe. „Die Niederlassung wird erschwert durch enorm hohe Kosten für die Ausstattung der Praxen und die schwindende Bereitschaft der Banken, das finanzielle Risiko zu finanzieren.“

Wie sieht die zahnärztliche Bedarfsplanung in Ostfriesland aus?

Aktuell scheint es bei den Zahnärzten im Unterschied zur Versorgung mit anderen Fachärzten in Ostfriesland noch relativ gut auszusehen: „Der Behandlungsbedarf kann gedeckt werden durch die heute arbeitenden Kollegen“, schreibt Dr. Dr. Triebe. „Die Situation in den einzelnen Praxen ist jedoch unterschiedlich, da das Patientenaufkommen unterschiedlich ist.“

Dr. Debbrecht bewertet die Lage ähnlich. Die Zahnärzte-Bedarfsplanung sei „im Moment noch“ tatsächlich am Bedarf zahnmedizinischer Leistungen orientiert, sagt er. Bei Hausärzten und anderen niedergelassenen Fachärzten spricht die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) hingegen von einer Mangelverwaltung statt einer Bedarfsplanung.

Wie ist die Situation in ostfriesischen Zahnarzt-Praxen?

In manchen Praxen gebe es allerdings einen Aufnahme-Stopp für neue Patienten, sagt Dr. Debbrecht. Dr. Dr. Triebe bestätigt das: „Ja, es gibt Aufnahme-Stopps für neue Patienten in einzelnen Praxen und die Wartezeiten sind sicher abhängig vom Organisationvermögen des Praxisteams.“

An dieser Stelle kommt Dr. Dr. Triebe auf den „Fachkräftemangel“ zu sprechen: „Für eine moderne, zeitgemäße Behandlung unserer Patienten benötigen wir gut ausgebildete Fachkräfte, die auch gut bezahlt werden wollen. Hinzu kommt der Inflationsdruck durch den Einkauf von Verbrauchsmaterialien und die enorme Erhöhung der Energiekosten, die die Rentabilität unserer Praxen bedroht. Dies kann zu Behandlungsengpässen unserer Patienten führen, da ein vollumfänglicher Versorgungsanspruch der Patienten zum Erhalt ihrer Gesundheit auf Dauer mit einem unzureichenden Budget nicht gewährleistet werden kann“, schreibt Dr. Dr. Triebe.

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Das angesprochene Budget ist laut Verband der Ersatzkassen (VdEK) „eine zahnärztliche Gesamtvergütung für ganz Niedersachsen – die Honorarverteilung auf die einzelnen Zahnärzte erfolgt über die Kassenzahnärztliche Vereinigung Niedersachsen (KZVN)“. Das heißt: Egal, wie viele zahnärztliche Leistungen erbracht werden oder erforderlich wären – die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nicht mehr als die gesetzlich geregelte Gesamtvergütung.

Die Zahnärztekammer Niedersachsen schildert die zahnmedizinische Lage in Ostfriesland so: „2022 lag die Versorgung – gemessen am ermittelten Bedarf – in einzelnen Kreisen in Ostfriesland unter 80 Prozent (Leer-Ost) beziehungsweise knapp über 80 Prozent (Emden).“ Ein Rückgang der Niederlassungen sei in diesen Bereichen dramatischer als in gut versorgten Ballungsräumen. Angesichts der zahlreichen „Babyboomer“ unter den Praxisbetreibern, „die in den kommenden Jahren in Rente gehen werden“, werde sich „die Situation verschärfen“.

Wie wird sich die zahnärztliche Versorgung in Ostfriesland entwickeln?

In Ostfriesland gibt es laut Landes-Zahnärztekammer gegenwärtig „zahlreiche Einzelbehandlerpraxen als Säulen der flächendeckenden, idealerweise wohnortnahen Versorgung“. Dr. Debbrecht stellt allerdings einen Trend zur Zentralisierung in den größeren Städten fest. Es gebe eine Tendenz hin zu Großpraxen und Medizinischen Versorgungszentren mit angestellten Zahnärzten – aber noch nicht in dem Ausmaß wie beispielsweise bei Augenärzten.

„Durch die extrem schwierigen Rahmenbedingungen (Fachkräftemangel, Preissteigerungen, Bürokratie) ist es schon heute für viele Praxisabgeber schwierig, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden“, schreibt die Zahnärztekammer. „Die Budgetierung kommt von daher noch als Brandbeschleuniger hinzu und verschärft die Versorgungslage massiv.“ Die Kammer berichtet von folgender Entwicklung: „Die Anzahl der echten Praxisstandorte in Niedersachsen hat allein in den letzten fünf Jahren um rund zehn Prozent abgenommen, bei gleichzeitig steigender Bevölkerung.“

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Niedersachsen hat eine Anfrage unserer Redaktion vom Mittwoch noch nicht beantwortet.