Seoul  Wiederholte Suizide in Südkorea: So sehr stehen Lehrer unter Druck

Felix Lill
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Von Felix Lill
| 06.09.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Lehrer in Südkorea gingen auf die Straße, um gegen den Leistungsdruck und die Verantwortung, die auf ihren Schultern lastet, zu protestieren. Foto: imago images/NurPhoto
Die Lehrer in Südkorea gingen auf die Straße, um gegen den Leistungsdruck und die Verantwortung, die auf ihren Schultern lastet, zu protestieren. Foto: imago images/NurPhoto
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Südkorea ist in den vergangenen Wochen wiederholt von Suiziden durch Lehrkräfte erschüttert worden. Nun fordert der Berufsstand bessere Arbeitsbedingungen und weniger Druck von außen. In einer höchst leistungsorientierten Gesellschaft dürfte das schwierig werden.

Zu Beginn der Woche bot sich in Südkorea ein untypisches Bild. Im Zentrum von Seoul, vor dem nationalen Parlament, protestierten diejenigen, deren Job es sonst ist, zu Ruhe und Disziplin aufzurufen. Schier unzählige Schilder, die von in Schwarz gekleideten Frauen und Männern hochgehalten wurden, forderten „Ermittlung der Fakten.“ Anderswo im Land, etwa in der Stadt Jeonju knapp 200 Kilometer südlich von Seoul, klagten Transparente über „traurige Lehrertode.“ Die Demonstrationen, denen sich in ganz Südkorea um die 120.000 Lehrkräfte anschlossen, legten das Land lahm.

Nationale Medien veröffentlichten Bilder von leergebliebenen Klassenzimmern: „Schule in vorübergehender Schließung“, titelte etwa die führende Nachrichtenagentur Yonhap. Eine Grundschule in Incheon, einer Großstadt am Westrand von Seoul, hatte notgedrungen schulfrei verordnet, weil diejenigen, die eigentlich den Unterricht geben, nicht kommen wollten. Die Lehrkräfte wollten sich einmal nicht um die Entwicklung der Schüler kümmern, sondern um die eigenen Interessen. So blieben mehrere Schulen Anfang der Woche geschlossen.

Was war passiert? Seit Wochen beschäftigt das ostasiatische Land der Selbstmord einer Lehrerin, auf den vor kurzem noch weitere folgten. Im Juli war eine Lehrkraft in ihrer Schule in Seoul tot aufgefunden worden. Offenbar war es ein Suizid in Reaktion auf großen Druck, der in Südkorea auf Lehrern lastet. Laut nationalen Medien sah die betroffene Lehrerin ihre Autorität untergraben. Sowohl von Schülern als auch von Eltern sei sie im Zusammenhang mit einem Streit zwischen Schulkindern enorm unter Druck gesetzt worden.

Was zunächst teils als tragischer Einzelfall abgetan wurde, stellt sich ganz anders dar, seit vergangene Woche zwei weitere Suizide Schlagzeilen machten: Einer davon ereignete sich am Donnerstag ebenso in Seoul, der andere am Freitag in der südwestlich gelegenen Stadt Gunsan. Am Montag verlasen die Demonstrierenden vorm Parlament dann einen Brief der Mutter der im Juli verstorbenen Lehrerin: „Ich werde mich darauf konzentrieren, die Wahrheit herauszufinden“, heißt es darin. Sie hoffe auf einen „Funken der Hoffnung, und einen kleinen Trost, um die Moral der Lehrkräfte zu stärken.“

Die Lage ist höchst angespannt. Südkorea ist ein Land, in dem die soziale Bedeutung von Lehrern noch deutlich größer ist als in europäischen Ländern. Indem Schulzeiten bis in den späten Nachmittag reichen, sind die Lehrkräfte nicht nur für die Ausbildung der Kinder verantwortlich, sondern übernehmen auch wichtige Aufgaben in der persönlichen Erziehung. Allerdings sind die Erwartungen an pädagogisch ausgebildetes Personal auch entsprechend groß.

Gerade über die vergangenen zwei Jahrzehnte, als sich in Südkorea das allgemeine Ausbildungsniveau erhöht und zugleich der Arbeitsmarkt prekarisiert hat, hat sich auch an den Schulen des Landes eine zunehmende Wettbewerbsorientierung etabliert. Der Druck lastet hierbei aber nicht nur auf den Schulkindern, sondern auch auf denen, die sie für das Berufsleben fitmachen sollen. Laut einer Untersuchung der Lehrkräftegewerkschaft KTU steuern 40 Prozent der Lehrkräfte auf eine Depression zu. Eine von sechs Lehrkräften hatte demnach schon Selbstmordgedanken.

„Das größte Problem liegt darin, dass es derzeit keine Möglichkeiten gibt, sich vor übermäßigen Beschwerden durch Eltern zu schützen“, kritisiert etwa Lee Ji-young, eine Koreanischlehrerin. Häufig würden Lehrkräfte durch Eltern, die sich von ihren Kindern möglichst herausragende Lernfortschritte und Noten erhoffen, bei ihrer Arbeit eng verfolgt, gestalkt und auch bedroht. „Schulleiter treten nie hervor“, sagt die Lehrerin zudem.

Ein weiterer Kritikpunkt liegt auf den Arbeitsbedingungen. So sagt die Aktivistin Claire Ham, die sich mit den Protesten solidarisiert: „Vor allem jüngere Lehrerinnen haben oft nur auf zwei Jahre befristete Verträge, sodass sie kaum Schutz genießen.“ Dies mache betroffene Lehrkräfte verwundbarer gegenüber Ausnutzung von allen Seiten. „Die aktuelle Regierung sieht sich diese grundlegenden Probleme leider nicht an“, so Ham.

Inmitten der Proteste gibt es bisher nur kleinere Veränderungen. Mit dem neuen Schuljahr ab Herbst sollen Lehrkräfte die Smartphones der Schüler inspizieren dürfen, wenn die Kinder damit den Unterricht stören. Notfalls soll Lehrpersonal den Kindern ein Smartphone auch zeitweise entziehen dürfen. Und wer den Lernfluss der Gemeinschaft darüber hinaus behindert, darf dann auch vor der Tür geschickt werden.

Ein weiteres Signal folgte am Dienstag: Lee Ju-ho, Südkoreas Bildungsminister, verkündete, dass die Lehrkräfte nicht dafür bestraft würden, am Montag demonstriert zu haben. Zuvor hatte Lee noch mit dem Gegenteil gewarnt und dadurch offenbar versucht, größere Demonstrationen zu vermeiden. Dass Lee dann nach einem Treffen mit Lehrerinnenverbänden einlenkte, lässt sich als Zeichen der Gesprächsbereitschaft verstehen. Gegen Demonstrationen durch Arbeitskräfte wird in Südkorea oft hart vorgegangen, schon kleinere Regelüberschreitungen nicht selten mit Gefängnis bestraft.

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