Wetter/Hessen  „Hubsi halt durch“: Wahlkampf mit Hubert Aiwanger zwischen Blasmusik und Bratwurst

Dirk Fisser, Burkhard Ewert
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Von Dirk Fisser, Burkhard Ewert
| 03.09.2023 01:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister in Bayern. Foto: dpa
Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister in Bayern. Foto: dpa
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Hubert Aiwanger steht wegen Antisemitismus-Vorwürfen unter Druck. Und was macht Aiwanger am Wochenende, an dem über seine politische Zukunft entschieden wird? Isst in Hessen Bratwurst und genießt Solidarisierungsbekundungen. Beobachtungen aus dem Wahlkampf in der Provinz.

Es ist ziemlich genau 13 Uhr am Samstag, als sich die Tür der schwarzen Limousine mit Münchner Kennzeichen öffnet. Heraus steigt der Mann, dessen Jugendjahre derzeit unter dem Brennglas liegen: Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, Wirtschaftsminister und bayerischer Vize-Ministerpräsident.

Aber wie lange noch? An diesem Tag ist das alles andere als klar. Immer neue Vorwürfe gegen ihn kommen ans Licht: Erst das antisemitische Hetzblatt, das er im Schulranzen hatte, aber dann doch von seinem Bruder verfasst worden sein soll. Dann Hitler-Imitationen und Hitler-Grüße in der Schule. Zuletzt ein rassistischer Aufkleber, der in Aiwangers Schulmappe geklebt haben soll. Nichts davon ist definitiv belegt, nichts davon wirklich ausgeräumt.

Manche meinen, in diesen Stunden gehe es um das politische Überleben Aiwangers. In München studieren sie in der Staatskanzlei die Antworten, die er auf 25 Fragen eingereicht hat. CSU-Ministerpräsident Markus Söder hat von den Antworten den Fortbestand der Koalition abhängig gemacht.

Und Aiwanger? Der schlendert geradezu lässig die lange Auffahrt zum Bioenergie-Bauernhof im ländlichen Norden Hessens hinauf. Das Sakko hat er über die Schulter geworfen. Er soll eine Wahlkampfrede halten und die Kandidaten der Freien Wähler unterstützen. In Hessen wird wie in Bayern am 8. Oktober ein neuer Landtag gewählt. Nach Bayern und Rheinland-Pfalz hofft die Partei, in einen dritten deutschen Landtag einzuziehen.

Die Einladung an den Bundesvorsitzenden hatten die örtlichen Freien Wähler lange vor dem Flugblatt-Skandal ausgesprochen. Da hieß es noch, der Aiwanger aus Bayern sei ein Populist. Nun heißt es, vielleicht sei er auch ein Antisemit - ein Vorwurf, den Aiwanger („Ich bin ein Menschenfreund”) zurückweist.

So ist der Freie-Wähler-Termin im Nirgendwo vermutlich der pressetechnisch am besten begleitete im ganzen hessischen Wahlkampf. Elf Kamerateams hat der hessische Spitzenkandidat Engin Eroglu gezählt. Und jedes will von ihm wissen, wie er das denn nun fände mit dem Flugblatt. „Der Hubert”, sagt Eroglu, sei ein feiner Kerl, ganz sicher kein Rassist. In all den Jahren der Zusammenarbeit habe er nie erlebt, dass Aiwanger auch nur ansatzweise rassistische Äußerungen habe fallen lassen.

Die Freien Wähler in Hessen stehen hinter Aiwanger. Auch andere Landesverbände haben Solidarität mit dem Bundeschef bekundet. Als die gut 300 Gäste auf dem Bauernhof ihn erblicken, brandet Applaus auf. Menschen jubeln. Ein Mann hält ein Schild hoch: „Hubsi halte durch”. Aiwanger winkt, ruft „Servus” und schüttelt Hände örtlicher Honoratioren.

Aiwanger wird ein Lenkrad in die Hand gedrückt, er solle Kurs halten. Hier kämpft niemand um sein politisches Überleben, hier ist jemand in seinem Element.

Ein Reporter berichtet live. Als er die mutmaßlichen Verfehlungen Aiwangers in seiner Jugend anspricht, dreht sich ein Besucher um und ruft in die Schalte hinein: „Das ist nicht bewiesen.” Auf „Hubsi” lässt man hier und heute nichts kommen.

Aiwanger erklimmt die Bühne, auf der gerade noch die Blasmusik-Kapelle „Die Fidelen Oberhessen” gespielt haben. „Minimale Besetzung - maximaler Sound” lautet ihre Eigenwerbung.

Das ist auch das Programm der Freien Wähler an diesem Tag. Die Bühne und der Tag gehören Aiwanger. Er schnappt sich ein Mikro und dann – geht es eben nicht um Antisemitismus. Aiwanger spricht über den Abschuss von Bibern und Wölfen. Über den Erhalt von Sparkassen und Volksbanken im ländlichen Raum. Über die Bratwurst, die doch bitte schön jeder essen solle, wer mag. „Wir sind doch schließlich ein freies Land.”

Steuerpolitik, Migrationspolitik, Sicherheitspolitik, Industriepolitik – überall hat Aiwanger Antworten, die beim Publikum gut ankommen. Nur in eigener Sache sagt er nichts. Stören tut das hier aber bis auf die Reporter scheinbar niemanden. Kein Wort zum Flugblatt oder den anderen Vorwürfen gegen ihn.

Die „Bild am Sonntag” hat er noch wissen lassen, es finde eine „Hexenjagd” gegen ihn statt. Mit seinen Antworten auf die 25 Fragen gebe es keinen Grund mehr, ihn als Minister zu entlassen. Schon zuvor hatte Aiwanger den Vorwurf erhoben, Opfer einer Kampagne zu sein.

Sonderlich gehetzt wirkt er am Samstag indes nicht. Viel mehr gibt er die Ziele seiner Partei aus: Erst die Grünen aus dem Landtag in Bayern werfen, dann die Freien Wähler in den Landtag in Hessen bringen und danach, 2025, in den Bundestag.

Unter seiner Führung? Das verrät er zwar nicht. Wirkliche Zweifel kommen daran aber auch nicht auf. „Wir lassen unser Land nicht im Stich”, verspricht er zum Ende seiner Rede und meint mit dem „Wir” vielleicht auch ein bisschen „Ich”. „Wir packen an. Gott beschütze Sie. Vielen Dank!” Wieder Applaus, wieder Jubel.

Fragen der Reporter zum Flugblatt lächelt Aiwanger weg. Er hat andere Prioritäten: Erst einmal eine Bratwurst, bevor es zurück nach Bayern geht. Am Abend sprechen Aiwanger und Söder länger miteinander. Wie weiter in Bayern?

Sonntags erklärt Regierungschef Markus Söder dann: Er habe es sich nicht leicht gemacht. Aber nach gründlicher Abwägung habe er sich dafür entschieden, Aiwanger im Amt zu behalten. Auch wenn dessen Krisenmanagement der vergangenen Tage schlecht gewesen sei und in seinen Antworten auf die 25 Fragen Vieles offen bleibe.

Manche politische Beobachter sagen, Söder habe kaum anders entscheiden können. Hätte er Aiwanger gefeuer, hätte das dessen Popularität noch mehr gesteigert – „Hubsi” der Märtyrer sozusagen. Für manche, das wird in Hessen fernab von seiner bayrischen Heimat deutlich, ist er das schon jetzt.

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