Berlin  Steigende Corona-Infektionen: Wer sich im Herbst 2023 noch mal impfen lassen sollte

Birgit Herden
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Von Birgit Herden
| 02.09.2023 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wer sollte sich im Herbst 2023 noch einmal gegen Corona impfen lassen? Was Immunologen empfehlen. Foto: dpa/Michael Matthey
Wer sollte sich im Herbst 2023 noch einmal gegen Corona impfen lassen? Was Immunologen empfehlen. Foto: dpa/Michael Matthey
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Für den Herbst haben die Hersteller an die neue Corona-Variante angepasste Corona-Impfstoffe entwickelt. Aber hat es überhaupt einen Vorteil, sich noch einmal impfen zu lassen? Wem Immunologen zu einer erneuten Corona-Impfung raten.

Verlässliche Inzidenzwerte gibt es nicht mehr, aber es spricht einiges dafür, dass das Coronavirus derzeit in einer kleinen Sommerwelle verstärkt in Deutschland zirkuliert. Seit Juli gehen wieder mehr Menschen mit Atemwegsinfektionen zum Arzt, und in Stichprobenuntersuchungen des Robert-Koch-Instituts steht Sars-Cov-2 nach den Rhinoviren an zweiter Stelle.

Das passt auch zu den Abwasseruntersuchungen, in denen die Viruslast seit Juli wieder leicht angestiegen ist. Gleichzeitig breitet sich in Deutschland die neue Virusvariante EG.5 aus, und mehrere Hersteller kündigen für den Herbst neue, angepasste Impfstoffe an. Höchste Zeit also für eine Impfauffrischung?

Spricht man mit führenden Immunologen über diese Frage, äußern die sich eher entspannt. „Für immungesunde Menschen unter 60 Jahren und ohne besondere Risikofaktoren gibt es keinen Grund, sich im Herbst erneut gegen das Coronavirus impfen zu lassen“, sagt Christine Falk, bis 2023 Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie und Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung.

Mögliche Vorteile einer vierten oder gar fünften Impfung für jüngere, gesunde Menschen? Allenfalls minimal. Allerdings, so betont sie, können die Statistiken nicht für die Millionen individuellen Einzelfälle verlässliche Antworten liefern.

Auch andere renommierte Immunologen geben sich ungewohnt gelassen. „Eine jährliche Infektionswelle hat auch einen Vorteil: Sie frischt den Immunschutz in der Bevölkerung auf“, sagt der Dortmunder Immunologe Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

Und der Immunologe Andreas Radbruch, der bis 2023 das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum in Berlin geleitet hat und sich seit langem mit dem immunologischen Gedächtnis beschäftigt, sagt: „Für jüngere Menschen wäre ein regelmäßiger jährlicher Booster völlig sinnlos, vielleicht sogar kontraproduktiv.“

Doch wie sollten es die vielen nicht ganz gesunden oder jüngeren Menschen mit der Impfung halten? Was ist mit Long-Covid-Patienten? Und könnten die neuen Impfstoffe, die es ab dem Herbst geben wird, eine mitunter leidvolle Erkrankung verhindern?

Allen Menschen, die älter als 60 sind oder bestimmte Vorerkrankungen haben, empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), im Herbst ihre Coronaimpfung aufzufrischen. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Lungenerkrankungen, Adipositas und Beeinträchtigungen des Immunsystems.

Für die Impfempfehlung gilt eine Einschränkung: Die letzte Infektion oder Impfung sollte mindestens zwölf Monate zurückliegen. Und Christine Falk betont: „Die Altersgrenze von 60 muss man nicht als harte Linie verstehen.“ Immungesunde ältere Menschen könnten dieser Empfehlung folgen, müssten es aber nicht.

Nach drei Impfungen und mehreren Infektionswellen in den vergangenen zwei Jahren sei das Immungedächtnis bei vielen Menschen noch sehr frisch. Zwar reagiert mit zunehmendem Alter das Immunsystem träger, schwere Verläufe werden wahrscheinlicher. Aber das Risiko steigt mit den Jahren nur allmählich, erst in sehr hohem Alter steil an.

Eine Impfung wird auch weiterhin den Menschen empfohlen, die noch keine „Basisimmunität“ haben: Darunter versteht man mindestens drei „Antigenkontakte“ – also Impfungen oder Infektionen.

Lange haben die Fachleute in unsicherer Datendatenlage mit dieser Frage gerungen. Kinder sollten zunächst nicht, dann nur mit einer Dosis geimpft werden. Seit vergangenen April lautet die Empfehlung der Stiko: Gesunde Menschen unter 18 erhalten besser gar keine Impfung gegen Corona, denn das Risiko einer schweren Erkrankung ist für sie minimal. Gegen die Impfung sprechen potenzielle Nebenwirkungen, wie etwa die – sehr seltenen – Herzmuskelentzündungen.

Nach Meinung der Fachleute ist das wahrscheinlich keine gute Idee. Die Coronaimpfstoffe verhindern hervorragend und langanhaltend schwere Verläufe, sind aber nur mäßig geeignet, Ansteckungen zu verhindern. Das hat eine im Mai veröffentlichte internationale Metaanalyse noch einmal gezeigt. Sechs Monate nach einer dreifachen Impfung war der Schutz vor einer Ansteckung im Schnitt auf 25 Prozent abgesackt, während eine vorangegangene Infektion zu diesem Zeitpunkt immerhin noch rund 50 Prozent der Infektionen verhindert.

Besser als Impfung oder Infektion allein schützt die sogenannte hybride Immunität, die durch die Kombination von Impfung und Infektion entsteht – hier dauerte es im Durchschnitt ein Jahr, bis der Infektionsschutz auf 50 Prozent gesunken war. Allerdings lässt sich aus diesen Daten nur schwer ableiten, ob man durch weiteres wiederholtes Impfen den Schutz vor einer Ansteckung wirksam auffrischen kann.

„Um jegliche Infektion zu verhindern, müsste man sich alle sechs Monate impfen lassen, und selbst das wäre kein sicherer Schutz“, sagt Carsten Watzl. „Schaden würde es im Normalfall nicht, aber der Nutzen wäre irgendwann so gering, dass er gegenüber dem minimalen Risiko einer Impfung nicht mehr überwiegen würde.“

Hier gehen die Meinungen der Immunologen etwas auseinander. Nach Auffassung von Falk und Watzl würde es dem Immunsystem nicht schaden, wenn man sich häufiger als nach Stiko-Empfehlung impfen lassen würde. Beide empfehlen aber doch einen Mindestabstand von sechs Monaten. „Bei diesem Abstand steht Ihr Immunsystem danach sicherlich nicht schlechter da“, sagt Watzl.

Andreas Radbruch warnt dagegen vor einem jährlichen Booster für jüngere Menschen. „Das Immunsystem könnte dadurch auf existierende, relativ harmlose Varianten geprägt werden und seine ‚Flexibilität‘ verlieren, wirksam gegen möglicherweise noch auftretende, nicht so harmlose Varianten zu reagieren.“

Für Menschen mit eingeschränktem Immunsystem bleibt das Coronavirus weiter eine Gefahr; darauf weist Christine Falk, die sich viel mit transplantierten Patienten beschäftigt, ausdrücklich hin. Dennoch sieht sie keinen Grund für einschränkende Maßnahmen im Winter. „Durch die kollektiven Anstrengungen wie die Impfungen und durch die Infektionswellen haben wir einen guten Immunschutz in der Bevölkerung erreicht, der auch die Schwächeren schützt.“ Das Virus werde weiter zirkulieren, aber auf weit geringerem Niveau, sodass sich stark gefährdete Menschen individuell schützen könnten.

Auch Carsten Watzl sieht keinen Sinn in rigiden Maßnahmen. Würden die gesunden Menschen möglichst alle Infektionen vermeiden, dann käme es nach einigen Jahren vermutlich erneut zu schweren Verläufen. Eine Infektionswelle habe auch etwas Gutes: „Sie frischt den Immunschutz in der Bevölkerung auf.“

Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine Auffrischungsimpfung gegen Long Covid helfen würde – theoretisch könnte sie sich sogar negativ auswirken. Das liegt daran, dass die vielfältigen Symptome lange nach einer Infektion sehr unterschiedliche Ursachen haben können. „Bei manchen Patienten gibt es noch versteckte Infektionsherde, Reste von Virus – hier könnte eine erneute Impfung vielleicht helfen“, sagt Carsten Watzl.

Grafik: Schwere Erkrankung erhöht Long-Covid-Risiko

Long Covid kann aber auch entstehen, weil das Immunsystem nach einer Infektion nicht zur Ruhe kommt und körpereigene Strukturen attackiert. „In diesem Fall könnte eine erneute Impfung vielleicht sogar die Bildung von Auto-Antikörpern verstärken“, warnt der Immunologe.

Die bisherigen Impfungen und Infektionen haben Schutz etabliert, der rund 95 Prozent aller schweren Verläufe verhindert, die beim ersten Kontakt mit dem Virus auftreten würden. Dennoch kann einem das Virus ziemlich zu schaffen machen.

Eine Auffrischungsimpfung aber dürfte nach Auffassung von Christine Falk auf den Verlauf der Krankheit keinen Einfluss haben: „Es kann sogar sein, dass eine erneute Impfung das Immunsystem in Alarmbereitschaft versetzt und eine Infektion dann zu einer starken Reaktion mit deutlichen Symptomen führt. Denn das Immunsystem arbeitet dann, wie gewünscht, auf Hochtouren und das spürt man dann auch.“

Letztlich sei es noch zu früh, um die Wirkung von vielfachen Coronaimpfungen zu beurteilen, gibt Andreas Radbruch zu bedenken: „Es wird interessant sein zu beobachten, ob diejenigen, die sich jetzt im Herbst noch einmal impfen lassen, tatsächlich im Winter besser vor Infektion, schweren Krankheitsverläufen oder Long Covid geschützt sind“. Aufgrund vorläufiger Daten aus Israel ist der Immunologe allerdings skeptisch. Grundsätzlich sei eine Infektion wirkungsvoller als eine Impfung, um ein langfristiges Immungedächtnis auszubilden.

Für den kommenden Herbst haben drei Hersteller angepasste Impfstoffe angekündigt, die allerdings noch von den Behörden zugelassen werden müssen. Biontech und Pfizer haben ihren Impfstoff an die Omikron-Variante XBB.1.5 angepasst, die eng mit der derzeit in Deutschland im Umlauf befindlichen Variante EG.5 verwandt ist.

Auch Moderna hat seinen Impfstoff auf die Omikron-Variante XBB.1.5 umgestellt, die noch einen Großteil der aktuellen Infektionen in Deutschland verursacht. Novavax will ebenfalls im Herbst einen Impfstoff ausliefern, der an die Variante XBB.1.5 angepasst ist.

Der Nutzen dieser neuen Impfstoffe dürfte aus Sicht von Christine Falk allerdings nur gering sein. Auch EG.5 ist nur eine Untervariante der Omikronvariante, die in vielen Variationen nun schon seit einem Jahr und acht Monaten in Deutschland zirkuliert. „Die meisten Menschen haben sich während der Jahre 2022 und 2023 mit Omikron angesteckt – was einer Auffrischungsimpfung gleichkommt“, sagt Falk.

Letztlich fehlen zu den Vorteilen der angepassten Impfstoffe gute Daten. Entscheidet man sich aber angesichts der persönlichen Risikofaktoren ohnehin für eine Impfung im Herbst, dann ist es sinnvoll, auf die Impfstoffe zu warten, die ab September oder Oktober verfügbar sein sollen.

Weiterlesen: Experten warnen vor neuer Corona-Variante „Pirola“ – was bislang bekannt ist

Noch ist nichts sicher, aber im Moment sieht es so aus, als habe sich das Coronavirus als Omikronvariante optimiert, es gibt seither nur noch graduelle Veränderungen. Die Immunologen halten es daher für möglich, dass Sars-Cov-2 künftig stabiler bleibt als das Influenzavirus, das sich immer wieder stark verändert.

Wenn das der Fall ist, könnte es auch bei den Risikogruppen genügen, die Impfung nur alle zwei Jahre oder in noch größeren Abständen aufzufrischen.

Dieser Artikel ist zuerst im Tagesspiegel in Berlin erschienen.

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