Hamburg Harmloser Leberfleck? Warum mehr Menschen zur Hautkrebsvorsorge gehen sollen
Die Gefahr einer Hautkrebs-Erkrankung steigt, doch bei der Prävention bleiben die Hautärzte auf sich gestellt. Geht das so weiter, werden sie bald nicht mehr alle Patienten behandeln können. Der Staat soll jetzt eingreifen.
Ist es nur ein harmloser Leberfleck oder doch etwas Ernsteres? Wer sich beim Anblick der eigenen Haut so eine Frage stellt, dürfte froh sein, einen Dermatologen oder fachkundigen Hausarzt in seiner Nähe zu wissen. Beide schauen sich den Leberfleck zumindest alle zwei Jahre an. Auch ganz ohne neues Muttermal steht jedem gesetzlich Versicherten der kostenlose Hautcheck offen. Eine in der EU einmalige Vorsorge-Möglichkeit.
Ist die Haut der Deutschen also bestens abgesichert? Der Chef der deutschen Hautärzte kann sich beim Thema Prävention schnell in Rage reden. „Prävention ist in Deutschland leider immer noch das Stiefkind des Gesundheitssystems”, sagt Ralph von Kiedrowski, Präsident des Berufsverbandes der deutschen Dermatologen (BVDD) unserer Redaktion.
Dieses verzweifelte Resümee lasse sich vor allem beim Hautkrebs beobachten. Die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen liegt nach Erhebungen der Deutschen Krebshilfe in Deutschland bei etwa 300.000, mehr als 4000 Menschen starben nach den jüngsten Zahlen von 2021 am Schwarzen Hautkrebs (Malignes Melanom).
Die Zahlen steigen, obwohl es theoretisch bereits eine Reihe von Vorsorgemaßnahmen gibt. Seit 2015 sind zumindest bestimmte Vorstufen des hellen Hautkrebses als Berufskrankheit anerkannt. Ob Landwirte, Bauarbeiter oder Bademeister – alle Berufsgruppen, die viel der Sonne und damit der schädlichen UV-Strahlung ausgesetzt sind – können sich darauf berufen.
Noch länger ist es bereits her, dass das sogenannte Hautkrebs-Screening als Vorsorge-Untersuchung in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wurde. Ab dem 35. Lebensjahr kann jeder Versicherte sich alle zwei Jahre einem Check unterziehen. Dabei geht es nicht nur darum, ein paar Leberflecken zu untersuchen, stellt von Kiedrowski klar. „Aufklärungsarbeit ist die beste Prävention”, betont er.
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Und wann, wenn nicht bei der Früherkennung, haben die Ärzte die Chance, auf die Gefahren etwa von Sonnenbränden hinzuweisen. Primäre Prävention nennt sich das in Abgrenzung zur sekundären Prävention, bei der die Krankheiten bereits im frühen Stadium erkannt werden können. Auf Letzteres ist auch das System des Hautkrebs-Screenings ausgelegt.
Soweit die Theorie. Doch gerade beim Hautkrebs-Screening hakt es an mehreren Stellen: „Besonders Kinder und Jugendliche sind im Hinblick auf den schwarzen Hautkrebs gefährdet, da sie durch das Hautkrebs-Screening nicht erfasst werden”, stellt von Kiedrowski klar. Dabei gilt der Sonnenbrand bei Kindern als weit gefährlicher, weil die Haut noch nicht so dick ist wie bei Erwachsenen. „Die Früherkennungsuntersuchungen müsste es bestenfalls jährlich und für jeden geben, so würde primäre und sekundäre Prävention optimal kombiniert.“
Die Richtlinien, wer wie oft kostenfrei zur Hautkrebs-Früherkennung darf, legt allerdings nicht das Gesundheitsministerium fest, sondern der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), in dem Krankenhäuser, Kassen und auch die Kassenärztliche Vereinigung sitzen. Dort gab es bislang offenbar noch keinen Anlass, etwas an den Richtlinien zu ändern, um die Prävention so zu stärken, wie es die Dermatologen für sinnvoll erachten.
Doch selbst von jenen, die einen Anspruch auf die Vorsorge haben – immerhin 35,7 Millionen Versicherte – gehen nur wenige regelmäßig zum Screening. Nach Daten des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung ist es hochgerechnet nur etwa jeder Dritte., wie dieses unserer Redaktion mitteilte. Durch die Corona-Beschränkungen suchten noch weniger Menschen den Arzt auf. Zwischen 2014 und 2018 war die Inanspruchnahme offenbar noch geringer. Nur etwa jeder Sechste ging nach der Erhebung des G-BA zu Hautkrebsvorsorge.
Diese „Teilnehmerraten“ gefallen auch den Krankenkassen nicht. Viel zu wenige Bürger würden die Früherkennungsuntersuchungen nutzen, klagt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Das Problem: Es sind vor allem die gesundheitsbewussten Menschen, die von sich aus zum Hautarzt gehen. Zu viele wissen trotz Informationskampagnen noch nichts davon, sehen keinen Bedarf oder haben schlicht keine Zeit. Prävention wird dadurch schwierig.
Der BVDD sieht hier die Politik in der Pflicht. „Wir fordern ein staatlich organisiertes Hautkrebs-Screening. Dadurch wäre sichergestellt, dass wir auch alle Bevölkerungs- und Risikogruppen erreichen.” Das wäre viel besser als das „wilde Screening”, das es aktuell gebe, sagt er. Konkret würde das bedeuten, dass der Staat eine Einladung für Berechtigte Patienten verschickt. In einem anderen Bereich gibt es diese schriftliche Einladung bereits. Alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren werden alle zwei Jahre angeschrieben, um sich freiwillig auf Brustkrebs untersuchen zu lassen.
Doch bei der Frage, ob beim Hautkrebs nicht ein vergleichbares Programm eingeführt werden könnte, duckt sich das Bundesgesundheitsministerium schriftlich weg. „Solange es keine vergleichbaren von der Europäischen Kommission veröffentlichten Europäischen Leitlinien für die Hautkrebsfrüherkennung gibt“ sei die Einführung eines organisierten Programms mit einem Einladungssystem „sehr unwahrscheinlich“, teilt es mit.
Ralph von Kiedrowski befürchtet, dass die Dermatologen den Hautkrebserkrankungen so bald nicht mehr Herr werden. „Die Fälle von hellem Hautkrebs werden über uns noch hereinbrechen, weil die Menschen immer älter werden”, sagt er. Und auch, wenn der helle Hautkrebs als gut behandelbar gilt, binden die Erkrankungen Kapazitäten bei Kliniken und Ärzten.
Neben rund 100.000 Hautkrebs-Operationen in den Kliniken gebe es jährlich rund 700.000 ambulante Operationen bei niedergelassenen Ärzten. Bei solchen Zahlen, einer alternden Gesellschaft und dem womöglich steigenden Risiko bei mehr Sonnentagen seine Haut nachhaltig zu schädigen, wirkt mehr Prävention tatsächlich erst einmal sinnvoll. Sofern sich von Kiedrowskis Eindruck des „Stiefkind-Daseins“ nicht bestätigt.