Arztversorgung „Die Praxen in Ostfriesland sind am Limit“
Hausärztin Mareike Grebe aus Hesel spricht für viele ihrer Kollegen, wenn sie sagt: „Wir sind am Limit“. Deshalb planen die Ärzte auch Proteste. Für Patienten könnte es „ungemütlich werden“.
Leer/Berlin - Die niedergelassenen Ärzte schlagen Alarm: Die Praxen stehen vor dem Kollaps, warnt die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Angesichts der sich verschärfenden wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Haus- und Facharztpraxen in Deutschland startet auch der Virchowbund mit derzeit neun weiteren Verbänden die Kampagne „Praxis in Not“. Ein bundesweiter Protesttag ist für den 2. Oktober geplant.
„Man merkt deutlich, dass die Stimmung unter den Kollegen kippt und viel schlechter wird. Wir können so nicht mehr weitermachen“, sagt auch Mareike Grebe, Auricher Bezirksvorsitzende der KV Niedersachsen. Gemeinsam mit Hunderten Kollegen hat sie einen Forderungskatalog an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geschickt. Sollte es bis Mitte September keine Antwort oder zumindest ein Gesprächsangebot vom Minister geben, „dann könnte es auch für die Patienten ungemütlich werden“, kündigt die Hausärztin aus Hesel an. Dann wird vermutlich nur noch die medizinische Grundversorgung sichergestellt.
Was das für Patienten auch in Ostfriesland bedeutet, warum die Praxen vor einem Kollaps stehen und warum Grebe sagt: „Ich mag meinen Beruf, aber die ganzen Umstände drumherum, die machen ihn mir immer madiger“, erklärt sie im Interview.
Wenn man den „Bergdoktor“ im Fernsehen sieht, hat der immer Zeit für seine Patienten und wirkt total entspannt.
Mareike Grebe: (lacht) Ja, ich gucke mir den „Bergdoktor“ auch gerne mal an und denke dann immer, womit hat der jetzt sein Geld verdient? Sicher nicht mit seinem Arztdasein. Die Krux in einer echten Praxis ist doch, je mehr Hilfe ein Patient braucht, desto mehr läuft man als niedergelassener Arzt ins Minus. Denn wir haben ja das Quartals-Budget. Das hat der Bergdoktor vermutlich nicht. Im realen Leben werden wir niedergelassenen Ärzte doch gar nicht mehr richtig von der Politik wahrgenommen. Und jetzt kommt noch die Krankenhausreform, die zu gewissen Anteilen auch auf dem Rücken der Praxen abgeladen werden soll.
Wie meinen Sie das?
Grebe: Es wird zum Beispiel gesagt, dass in den Krankenhäusern zu viele OPs stationär gemacht werden, die in Zukunft ambulant durchgeführt werden sollen. Darüber kann man ja reden. Aber bisher ist gar nicht vernünftig vereinbart, wie diese ambulanten OPs überhaupt vergütet werden. Der Verband der HNO-Ärzte hat zum Beispiel vor ungefähr einem halben Jahr dazu aufgerufen, Mandel-Operationen bei Kindern auszusetzen, weil sie damit nicht nur kein Geld mehr verdienen, sondern sogar wegen der steigenden Kosten ins Minus rutschen. Und so geht es uns in ganz vielen Bereichen. Als Hausarzt hat man dann außerdem noch das Problem, dass man klären muss, wer den Patienten betreut, wenn er ambulant und nicht stationär operieren wird. Es kann ja immer nach einem Eingriff zu Komplikationen kommen. Für diese besondere Betreuung muss es auch Zeit und eine entsprechende Bezahlung geben. Wir haben in den Praxen auch in Ostfriesland jetzt schon kaum noch Termin-Ressourcen mehr.
Es gibt auch einen Entwurf für eine Reform für die Notfallversorgung in den Krankenhäusern. Demnach sollen dort künftig auch niedergelassene Ärzte Dienste übernehmen. Wie soll das gehen?
Grebe: Das ist ein ganz großes Drama für uns. Es sollen Integrierte Notfallzentren entstehen, in denen nicht nur ein Arzt aus dem Krankenhaus, sondern auch ein niedergelassener Kollege am Tresen sitzt. Er soll einschätzen, ob der Patient überhaupt in die Notaufnahme muss oder ob er auch in eine Praxis gehen könnte. Diese Aufgabe sollen die niedergelassenen Kollegen neben ihrer regulären Praxistätigkeit übernehmen. Jeden Tag soll der Platz in der Notaufnahme von 14 bis 22 Uhr mit einem Kollegen besetzt sein – am Wochenende sogar noch länger. Wir wissen gar nicht, wie wir das als niedergelassene Ärzte schaffen sollen. Wer betreibt denn in dieser Zeit in der Woche unsere eigene Praxis?
Wird das zu Praxis-Schließungen führen?
Grebe: Gerade im Hausarztbereich ist es so, dass wir auch unheimlich viele ältere Kollegen haben, so zwischen 60 und 70 Jahren, unser Altersdurchschnitt liegt bei 55 Jahren. Und wenn für die jetzt noch Aufgaben dazu kommen, dann sagen die doch: „Morgen bin ich weg, das mache ich nicht mehr mit.“ Also werden vermutlich Praxen geschlossen – und zwar schneller und mehr als gedacht. Die Gefahr sehen wir als sehr groß an. Die KV hat ausgerechnet, dass im Jahr 2035 der Versorgungsgrad bei durchschnittlich 80 Prozent liegen wird. In Deutschland werden dann insgesamt fast 11.000 Hausärzte fehlen – diese Zahl nennt die Robert-Bosch-Stiftung.
Die Ärzte arbeiten auch immer weniger, wollen nur noch Teilzeitstellen, heißt es. Ein Grund sei, dass viele Ärzte inzwischen Frauen sind.
Grebe: Ja, das ist so ein Argument, dass immer wieder auftaucht. Aber, ehrlich, auch die Männer haben doch heutzutage eine andere Vorstellung von Work-Life-Balance. So wie früher gearbeitet wurde, so wollen heute viele Mediziner einfach nicht mehr arbeiten – rund um die Uhr, immer im Einsatz. Das ist ja auch nicht gesund.
Gehen deshalb auch viele deutsche Ärzte ins Ausland?
Grebe: Wenn ich mir ein Land wie Schweden anschaue, in dem Ärzte wenn’s hochkommt 15 bis 20 Patienten pro Tag behandeln und trotzdem ein gutes Auskommen haben, dann würde ich auch gerne das Modell aus Schweden haben. Wir haben in meiner Praxis 50 bis 60 Patienten pro Tag. Wir arbeiten teilweise im Fünf-Minuten-Takt. Ich will gar nicht behaupten, dass hier auf dem Land ein Hausarzt am Hungertuch nagt, aber wir arbeiten dafür auch wirklich viel. Eine Praxis ist auch ein Betrieb, der will finanziert sein, mit allen Angestellten.
Sie arbeiten in den Praxen ja auch immer mit begrenzten Budgets, dürfen also nur eine bestimmte Menge an Behandlungen abrechnen. Klappt das überhaupt noch, wenn die Praxen weniger und die Patienten automatisch mehr werden?
Grebe: Diese Budgets sind in den 1990er Jahren entstanden – und gelten tatsächlich immer noch. Das war aber eine Zeit, in der wir zu viele Ärzte und zu wenig Patienten hatten. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Situation aber genau umgekehrt. Ein Beispiel: Als Hausarzt kann ich rund 900 Fälle im Quartal voll abrechnen, die Obergrenze wird immer neu berechnet und liegt derzeit bei 1400 Fällen – danach wird man nur noch anteilig bezahlt. Von da an wird die Vergütung runtergestaffelt – bis hin zu null Prozent, die man als Vergütung für den Patienten und seine Behandlung bekommt, also gar nichts. Dementsprechend fragen sich viele Kollegen, warum sie ihre Praxis noch offen halten sollen, wenn sie schon nach ein paar Wochen ihr Budget erfüllt haben und den Rest des Quartals quasi für umsonst arbeiten. Und bei den Fachärzten sind die Regeln noch enger. Deshalb ist es auch kein Wunder, wenn viele Menschen lange auf einen Termin warten müssen. Diese Budgets müssen unbedingt weg. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß.
Auch der Regress beim Verschreiben von Arzneimitteln gilt immer noch?
Grebe: Wir haben seit Jahren Lieferprobleme bei den Arzneimitteln und ich kann trotzdem immer noch in Regress genommen werden, wenn ich Patienten statt einer Großpackung, die es gerade nicht gibt, fünf Mal eine kleine aufschreibe. Ich hab auch schon Regresse bezahlt, das waren manchmal nur kleine Summen zwischen 50 und 100 Euro. Dafür gab es vorher einen Riesen-Verwaltungsaufwand mit den Krankenkassen. Da fragt man sich doch nach der Sinnhaftigkeit, wenn der Aufwand mehr kostet als der ganze Regress. Letztes Jahr zum Beispiel hat die Kasse geprüft, ob ein Kollege einem Patienten ein Asthma-Medikament zu oft aufgeschrieben hat, das kostet so rund 15 Euro. Eins hatte der Patient anfangs verkehrt dosiert, also hat der Kollege ein neues aufgeschrieben. Dann kam die Kasse und hat geprüft, ob das Medikament zu oft verschrieben wird. Das kostet unnötige Zeit und Nerven.
Bürokratie scheint ja einen großen Teil Ihres Praxisalltags auszumachen.
Grebe: Ja, und wir Hausärzte können so nicht weitermachen. Wir ersticken in dieser Bürokratie. Wir haben ausgerechnet, dass wir niedergelassenen Ärzte 60 Tage im Jahr ausschließlich mit Zetteln beschäftigt sind.
Wird das besser, wenn die digitale Krankenakte endlich kommt?
Grebe: Ich bin die Letzte, die das nicht gerne hätte, eine vernünftige digitalisierte Patientenakte, wo alles auf einen Klick über den Patienten zu sehen ist. Ein Traum – aber das, was jetzt gerade gestrickt wird, ist kein Traum, das ist ein Zustand. Wenn ich so eine elektronische Krankschreibung verschicke, dann gibt es ein Geräusch wie beim Morsen. Das ist Technik wie vor 20 Jahren, die ist inzwischen längst veraltet. Es hat niemand hingekriegt, dass inzwischen ordentlich zu modernisieren. Allein das Hochladen für einen Bericht in die elektronische Patientenakte dauert rund 60 Sekunden – wenn ich zehn Seiten hochlade, was bleibt denn dann noch an Zeit für den Patienten? Ich arbeite teilweise im Fünf-Minuten-Takt, sonst schaffe ich das gar nicht.
Bei vielen Praxen meldet sich ja auch schon kein Mensch mehr, wenn man anruft, sondern ein Automat.
Grebe: Ja, bei mir auch. Dafür kann ich aber jetzt fünf Leitungen gleichzeitig freischalten und der Patient kommt durch und kann sein Anliegen vortragen. Sonst war ja immer besetzt. Der Anrufbeantworter wird nach und nach abgearbeitet. Die Anfragen sind aber auch wirklich sehr viel mehr geworden. Für die Vorstellungen, die der Patient heute von seiner ärztlichen Versorgung hat – wann und wie oft er welchen Arzt sieht – haben wir einfach nicht mehr die Ressourcen. Da hilft auch keine Terminvermittlungsstelle, die Praxen in Ostfriesland sind wie überall schlicht am Limit.
Das haben Sie und Ihre Kollegen im August ja auch schon in einem Schreiben an den Bundesgesundheitsminister klar gemacht. Hat Herr Lauterbach denn inzwischen schon geantwortet?
Grebe: Soweit ich weiß, bisher noch nicht. Wenn er das bis Mitte September nicht tut, oder wenigstens Gesprächsbereitschaft signalisiert, dann wird es ungemütlich. Streiken dürfen wir als niedergelassene Ärzte nicht, wir haben einen Sicherstellungsauftrag für die Grundversorgung. Aber dann bieten wir mal nur genau das an, was wir auch bezahlt bekommen. Dann ist die Praxis zum Beispiel nur vier Tage die Woche geöffnet und am fünften Tag muss der Patienten dann mal 50 Kilometer zum nächsten Arzt fahren. Das tut uns für die Patienten sehr leid – aber wir haben ja keine andere Möglichkeit mehr, um auf unsere Lage aufmerksam zu machen. Ich mag meinen Beruf, aber die ganzen Umstände drumherum, die machen ihn mir immer madiger.