Nabu-Beweidungsprojekt – eine Analyse  Heckrinder-Flüsterin zähmt verwilderte Herden

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 28.08.2023 08:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wildrinderforscherin Brigitte Heller schaut sich die Lage vor Ort in Nüttermoor an. Foto: Gettkowski
Wildrinderforscherin Brigitte Heller schaut sich die Lage vor Ort in Nüttermoor an. Foto: Gettkowski
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Die studierte Wildrinderforscherin und Landwirtin Brigitte Heller ist im Auftrag des Nabu bei den Beweidungsprojekten in Leer im Einsatz. Die 33-Jährige ist besorgt, wie es jetzt weitergeht.

Landkreis Leer - Es ist keine Übertreibung: Brigitte Heller ist so etwas wie eine „Heckrind-Flüstererin“. Im Juni hat die studierte Landwirtin die Betreuung der Heckrinder der in Verruf geratenen Nabu-Beweidungsprojekte im Landkreis Leer übernommen. Wenn die imposanten Tiere auf ihren Zuruf angaloppiert kommen, zaubert ihr das jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht. Die Heckrinder wissen: Jetzt gibt’s Kraftfutter. Zwischen ihr und den Tieren ist in kurzer Zeit eine vertrauensvolle Verbindung entstanden – eine wichtige Voraussetzung, den verwilderten Tieren, die monatelang keinen menschlichen Kontakt hatten, Blutproben zu entnehmen und fehlende Ohrmarken zu setzen. Doch die 33-Jährige ist in großer Sorge, dass der Landkreis Leer seine Ankündigung wahr macht und tatsächlich die Auflösung der Herden bis zum 30. September anordnet. „Tierwohl- und tierschutzgerecht ist das einfach nicht zu schaffen“, sagt Brigitte Heller, „für all das, was hier passiert, können die Tiere am allerwenigsten. Sie dürfen nicht die Leidtragenden sein.“

Was und warum

Darum geht es: um die Frage, wie und wann die Nabu-Weideprojekte im Landkreis Leer tierwohlgerecht beendet werden sollen.

Vor allem interessant für: Tierfreunde

Deshalb berichten wir: Die kommissarische Landwirtschaftliche Leiterin für die Projekte hat uns die Situation aus ihrer Sicht dargestellt.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Was bisher geschah

Die Beweidungsprojekte des Nabu im Landkreis Leer haben landesweit für Empörung bei Tierfreunden gesorgt. Beim Versuch, Blutproben zu nehmen und Ohrmarken zu kontrollieren, verletzten sich im Mai zwei Heckrind-Kälber so schwer, dass sie eingeschläfert werden mussten. Es wurden außerdem zwei verendete Konikfohlen gefunden, die sich offenbar aus einem verschlickten Graben nicht mehr befreien konnten. Bei zwei weiteren Koniks wurden Lahmheiten festgestellt, eines der Tiere musste auf Anordnung des Veterinäramts ebenfalls erlöst werden.

Die Amtstierärzte stellten einen starken Parasitenbefall bei den Heckrindern fest, einige waren nach Ansicht der Veterinäre außerdem in einem schlechten Ernährungszustand, bei einigen fehlten die vorgeschriebenen Ohrmarken sowie Blutproben. Diese müssen in Deutschland für alle Rinder regelmäßig nachgewiesen werden. Nach Angaben des Landkreises wurden zudem gravierende Haltungsmängel festgestellt, unter anderem eine unzureichende Wasserversorgung. Die Behörde zog schließlich die Reißleine und hat den Nabu aufgefordert, die Beweidungsprojekte zu beenden. Über das Wann und Wie ist eine Diskussion entbrannt, die vielen Tierfreunden große Sorgen bereitet.

Was fordert der Landkreis?

Der Landkreis Leer will, dass der Nabu seine Beweidungsprojekte auf den Flächen in Coldam und Thedingaer Vorwerk bis zum 30. September dieses Jahres beendet. Diese Anordnung hat die Behörde bislang nur angekündigt, aber noch nicht offiziell ausgesprochen. Der Nabu hat die Möglichkeit genutzt, dazu Stellung zu nehmen und ein Konzept für die Auflösung der Herden vorzulegen. Der Landkreis hat die 40-seitige Stellungnahme zwei Wochen nach Eingang immer noch nicht abschließend bewertet.

Wie schätzt der Nabu die Situation ein?

Der Nabu räumt durchaus Fehler ein. Weil das Herdenmanagement vernachlässigt wurde, konnten sich die Tiere unkontrolliert fortpflanzen. Folge: Der Tierbesatz ist zu hoch für die Größe der Flächen. Bei nasser Witterung treten die Tiere den Boden kaputt, finden nicht mehr genug Nahrung, müssen zugefüttert werden. Der Nabu hat damit begonnen, die Zahl der Heckrinder zu reduzieren. Mehrere Bullen wurden bereits geschossen und geschlachtet. Das Schießen von tragenden Rindern und von Kälbern ist aber nicht ohne weiteres erlaubt.

Aktuell befinden sich im Thedingaer Vorwerk noch 24 Konik-Pferde und 47 Rinder. In Coldam sind es 39 Rinder und 15 Pferde. Der Verkauf der Koniks an private Pferdehalter läuft bereits. „Es ist nicht möglich, die Heckrinderherden bis zum 30. September tierwohlgerecht aufzulösen“, hat der Nabu-Landesvorsitzende Holger Buschmann bereits mehrfach betont. Dafür sei ein Zeitraum von zwei bis drei Jahren erforderlich.

Warum dauert die Herdenauflösung so lange?

Wie die Erste Kreisrätin Jenny Daun in der vergangenen Woche im Umweltausschuss des Landkreises berichtete, gebe es angeblich Kaufinteressenten für die Heckrinder. Warum also lädt man die Tiere nicht einfach auf einen Anhänger und bringt sie auf andere Weiden? „Von den Kaufinteressenten wissen wir nichts, aber der Transport der Tiere ist das Problem, da die noch nie einen Anhänger von innen gesehen haben“, macht Brigitte Heller, die Betreuerin der Heckrinder, deutlich. „Einige Heckrinder sind 18 Jahre und kennen nur das Leben in Freiheit.“

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Bei Absetzern – von der Mutterkuh entwöhnten Jungtieren – sei ein Transport nach ihrer Einschätzung zwar möglich. Bei ausgewachsenen Tieren sei das aber mit Risiken verbunden. Rinder für solch eine Fahrt mit dem Anhänger zu sedieren wie Wildtiere in Afrika, sei wegen des besonderen Verdauungssystems der Wiederkäuer ebenfalls problematisch. „Wir wissen außerdem nicht, wie viele Rinder tragend sind.“ Hochträchtige Tiere dürften nicht transportiert werden. Doch welche Lösung wäre in ihren Augen tierwohlgerecht und praktikabel? „Wenn alle zeugungsfähigen männlichen Tiere von den Weiden verschwunden sind, müsste man abwarten, bis alle Kühe geboren haben“, sagt Brigitte Heller. Die studierte Landwirtin hat in Großbritannien ihren Master of Research absolviert und über wildlebende Rinderpopulationen geforscht. „Es ist faszinierend, zu beobachten, wie die Tiere miteinander umgehen“, sagt sie und meint damit auch ihre Schützlinge der Nabu-Weideprojekte. „Aus meiner Sicht wäre es für die Tiere und die Natur die beste Lösung, wenn man den Besatz weitestgehend reduziert und die restlichen Heckrinder auf ihren gewohnten Weiden bleiben könnten.“