Hamburg  Linda Zervakis: Wie sich der Stadtmensch als Landei versuchte

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 01.09.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Landleben kann auch Spaß machen: Linda Zervakis in ihrem Garten. Foto: Ullstein
Landleben kann auch Spaß machen: Linda Zervakis in ihrem Garten. Foto: Ullstein
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Die TV-Moderatorin und ehemalige „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis hat als bekennender Stadtmensch eine Auszeit auf dem Land versucht. Was sie dabei erlebt hat und warum sie wieder in die Stadt zurückgekehrt ist, schildert sie in ihrem neuen Buch „Landgang“.

Arm an Schlagzeilen war das Leben von Linda Zervakis (48) in den letzten Jahren wahrlich nicht. Erst der Wechsel von der “Tagesschau” zu ProSieben, dann ein umstrittenes Interview mit dem Bundeskanzler. Nun erscheint ihr Buch “Landgang” über eine Auszeit der bekennenden Städterin auf dem Lande in Schleswig-Holstein. Am Wasser in Hamburg unterhalten wir uns über Landleben und Sauberkeitsfimmel, eine reetgedeckte Bauruine und ihre spezielle Reaktion auf eklige Geschichten:

Frage: Frau Zervakis, meine erste Frage mag sich etwas sonderbar anhören, speist sich aber aus der Lektüre Ihres Buches: Wann haben Sie zum letzten Mal richtig rülpsen müssen?

Antwort: (Lacht) Lustigerweise gestern erst. Da hat mir mein Nachbar Geschichten von der Katze seiner verstorbenen Nachbarin erzählt. Die Dame war zuvor ins Krankenhaus gekommen und konnte niemandem mehr Bescheid geben, sich um ihre Katze zu kümmern. Das Tier hat in ihrer Abwesenheit das Haus als Katzenklo benutzt – egal ob Sofa, Bett, Küche; überall lagen Urinpfützen und Kothaufen. Bei der Vorstellung, wie es in dem Haus wohl riechen würde, war es dann wieder soweit, dass in mir Luft aufgestiegen ist. 

Frage: Und wenn man Ihnen etwas Ekliges erzählt, müssen Sie reflexartig aufstoßen, wie ich aus Ihrem Buch gelernt habe. In dem Fall war es die Tatsache, dass Ihre Freundin Vivi Sie angemeldet hat, um an der Schlachtung eines Lamms aktiv teilzunehmen.

Antwort: Weil sie meint, dass jeder, der Fleisch isst, auch einmal ein Tier getötet haben sollte, um zu wissen, wie das ist. Ich war bei der Schlachtung dabei, habe zugesehen, sie aber am Ende nicht selbst durchgeführt. Diesen Prozess habe ich schon öfter mitbekommen beim griechischen Osterfest. Da kommt traditionell Lamm auf den Tisch. Was die Sache nicht besser macht. Vivi entwickelt sich auf dem Land ja vehement zur Vegetarierin und Naturliebhaberin. Deswegen wollte sie mich schonungslos vorführen.

Frage: Und Sie?

Antwort: Ich esse wahnsinnig gern Cabanossis, das tue ich immer noch und muss mich auch dafür rechtfertigen. Sinn dieses Buches ist ja auch, klarzumachen, in was für einer Komfortzone wir uns alle bewegen und wie schwierig es ist, aus diesem Wohlstand, den man sich so zurechtgelegt hat, auszubrechen.

Frage: In welchen Situationen ist es sonst noch so weit, dass Sie rülpsen müssen?

Antwort: Einfach immer, wenn ich das Gefühle habe, dass es jetzt eklig wird.

Frage: Und wenn Ihnen in einer Ihrer Sendungen mal jemand etwas Ekliges erzählt?

Antwort: Dann muss ich mich dezent zur Seite drehen und kann nur hoffen, dass das Mikro an der Stelle nicht alles aufnimmt (lacht).

Frage: Heißt Ihre Freundin tatsächlich Vivi oder haben Sie da etwas verfälscht?

Antwort: Nein, ich habe meinen Freundes- und Bekanntenkreis geschützt, deshalb haben sie andere Namen. 

Frage: Auszeit auf dem Land, ein altes Bauernhaus in Schleswig-Holstein gekauft – wie komplett war der Abschied des Großstadtkinds Linda Zervakis aus Hamburg?

Antwort: Der vollzog sich über einige Monate, aber ich bin gependelt, weil ich mich ja auch um meine Mutter kümmern musste. Ich habe also die Wohnung in Hamburg behalten und hatte mit meiner Mutter einen kleinen Anker, um sagen zu können: Alles schön hier im Paradies, aber meine Mutter hat angerufen, ich muss mich jetzt mal kurz kümmern. Man lebt da ja nicht total abgeschieden – es ist nur 1:40 Stunden von Hamburg. Diesen Willen, mal raus und sehen, wie es so ist, hat Vivi besser umgesetzt als ich (lacht).

Frage: Wann war das eigentlich? Ich kann in Ihrer Vita gar keine entsprechende Lücke finden.

Antwort: Es war während der Corona-Zeit.

Frage: Da waren Sie ja schon Mutter.

Antwort: Ja. Es ist nicht eins zu eins erzählt, aber ich habe dieses Haus und ich habe Vivi quasi benutzt, um zu zeigen, dass ich dieses Leben habe. Sie steht als Metapher für jemanden. Es ist nicht autobiografisch erzählt, aber es sind alles Geschichten, die ich so oder so erlebt und anhand von anderen Personen niedergeschrieben habe.

Frage: War das Buch auch ein kleines bisschen Gegenentwurf zum Buch von Judith Rakers, bei der das Landleben ja wie das Paradies auf Erden daherkommt?

Antwort: Nein, mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass sie auch ein Buch zu dem Thema geschrieben hat. Ich will da überhaupt nicht besser dastehen oder in Konkurrenz zu Judith Rakers sein – um Gottes Willen.

Frage: Das Haus haben Sie über eine eBay-Kleinanzeige gefunden, in der es hieß „Reetdachtraum mit großem Garten“.

Antwort: Da denkt man erstmal: Super, dann ist ja alles fertig. War es aber nicht. Da wurde noch sehr viel investiert und reingesteckt.

Frage: Die Straße, an der das Haus steht, heißt „Am Lustholz“ – das habe ich bei Google in einem Ort namens Wangels nördlich von Scharbeutz und östlich von Kiel entdeckt. Stehen die von Ihnen beschriebenen Nachbarn Brigitte und Holger für Leute, die Ihnen da tatsächlich begegnet sind?

Antwort: Ja, die gibt es tatsächlich so. Brigitte, die Kräuterhexe, die alles aus ihrem Garten zaubert und hier ein Mittelchen und da ein Mittelchen zusammenrührt. Und Holger, der Pragmatiker…

Frage: …und Hochsitzheini.

Antwort: (Lacht) Und Hochsitzheini. Das haben Sie jetzt gesagt.

Frage: Und Sie haben es so geschrieben.

Antwort: Ja, den gibt es so auch. Der hatte Dinge drauf, von denen ich zum letzten Mal im Bio-Unterricht gehört hatte.

Frage: Hat sich das Haus denn mal ein Sachverständiger angesehen, bevor Sie es gekauft haben?

Antwort: Ja. Auch ein Architekt, der dann gesagt hat: Viel Spaß. Macht mal – wenn Ihr es gut macht, kriegt Ihr sogar was Schönes hin. Und Vivi ist ja auch jemand, die DIY liebt.

Frage: Der im Buch zitierte Satz „Glückwunsch zur Bauruine“ stammte…

Antwort: …vom Architekten.

Frage: Also doch mehr Bauruine als Reetdachtraum?

Antwort: Ja, doch. Jetzt natürlich nicht mehr.

Frage: Heizungstechnisch war das Haus auf einem Stand, dass Sie morgens mit Daunenweste über dem Wollpulli und einer Wollmütze am Küchentisch gesessen haben. Klingt nach gar keine Heizung.

Antwort: So laufe ich auch hier an Tagen rum, an denen es gleichzeitig so feucht und kalt ist, dass ich das Gefühl habe, es ziehe mir bis in die Knochen. Dann laufe ich genauso rum, gerne auch in einem Daunenmantel oder einer dicken Jacke. Dann bin ich genau auf Betriebstemperatur (lacht).

Frage: Sie sind also das, was meine Mutter einen Frostköttel nennen würde?

Antwort: Ja, das bin ich und stehe auch voll und ganz dazu. Ich dusche auch im Sommer warm. Vielleicht ist es ja meine griechische DNA, ich kann nichts dafür.

Frage: Ihr Motto war „Aus Fehlern lernen“. Das klingt ziemlich gewagt, wenn man in eine Bauruine einzieht.

Antwort: Ja, aber das ist doch wie im sonstigen Leben auch. Meistens, wenn ich Fehler gemacht habe, hatte ich später das Gefühl, daraus auch gelernt zu haben. Und jetzt habe ich eben gelernt, wie man Hochbeete baut, ohne dass sie gleich wieder zusammenfallen. Mich hat das ein bisschen zum Pragmatismus umerzogen. Und dann kann man ja selbst entscheiden, ob man’s gut findet oder nicht.

Frage: Wie würden Sie auf einer Skala von null bis zehn Ihre handwerklichen Fähigkeiten einschätzen, wenn null für zwei linke Hände steht und zehn für Meisterbrief?

Antwort: Drei (lacht).

Frage: Besser als ich.

Antwort: Es gibt ja Sekundenkleber, der vieles zusammenhält. Und Vivi.

Frage: Wie kommt man in einer Bauruine klar, wenn man einen Sauberkeitsfimmel hat, wie Vivi ihn Ihnen unterstellt?

Antwort: Schwierig. Ich brauche ein Grundmaß an Sauberkeit und kann das auch nicht ablegen. Dann fange ich in der einen Ecke an und wenn ich mit ihr fertig bin, sehe ich in der anderen Ecke etwas. Ich muss mich komischerweise schon mein Leben lang dafür rechtfertigen, wie ordentlich ich bin. Das gibt es in Griechenland nicht.

Frage: Hätte das ganze Projekt ohne die tatkräftige, aber nicht einkalkulierbare Hilfe von Nachbarn wie Brigitte und Holger überhaupt funktionieren können?

Antwort: Ich glaube nicht. Die Nachbarschaftshilfe haben wir gebraucht und sie hat uns gut getan; ohne sie hätten wir es schwer gehabt auf dem Land. Gerade in Schleswig-Holstein sind die Menschen erstmal auf Abstand. Sie lassen einen in Ruhe, grüßen einmal freundlich – Moin – und dann ist man erst mal auf sich gestellt. Wenn sie aber anfangen, ihre Hilfe anzubieten und man nimmt sie nicht an, dann hat man ein Problem, auch auf langfristige Sicht. Nun hatten wir das Glück, dass wir die beiden auch noch mochten, dadurch war sofort eine Gemeinschaft da. Hätten wir nicht so gut mit denen gekonnt, wäre es auf jeden Fall komplizierter geworden.

Frage: War das ein Gefühl von Nachbarschaft, das Sie aus der Stadt so nicht kannten?

Antwort: Es ist anders. Egal, wo man in Schleswig-Holstein spazieren geht, wird einem ein „Moin“ zugerufen. Und hier in Hamburg ist es so, dass man selbst in der Nachbarschaft sich bei Menschen, die man gefühlt 300-mal gesehen hat, fragt: Wieso grüßt der denn jetzt nicht? Der bricht sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn er mal „Hallo“ sagt. Und dann wird man selbst komisch und grüßt auch nicht mehr. Das ist auf dem Land entspannter. Man wird da pragmatischer und weniger kompliziert im Kopf.

Frage: Was können Sie heute, das Sie vor dieser Auszeit nicht konnten?

Antwort: Ich kann Radieschen und Mangold pflanzen und meine eigenen Tomaten ziehen. Aber vor allem bin ich noch mehr bei mir. Auch wenn ich mir vorher schon gesagt habe „Scher Dich mal nicht so viel, was andere sagen“, kann man das auf dem Land noch besser, weil man weniger abgelenkt ist. Da hilft die Ruhe.

Frage: Ruhe muss man auch aushalten können.

Antwort: Genau, das ist es ja. Zu viel Ruhe war es dann ja, die mich dazu gebracht hat, wieder zurück in die Stadt zu gehen. Aber die sporadische Ruhe ist für mich total wichtig gewesen, auch um bestimmte Entscheidungen eben in Ruhe zu treffen.

Frage: Die Ruhe auf dem Land hat Sie also in die Stadt zurückgetrieben?

Antwort: Nicht nur. Zum einen war’s natürlich auch die Arbeit und die Infrastruktur. Meine Mutter ist älter geworden und ein bisschen mehr auf Hilfe angewiesen. Mir haben aber irgendwann auch bestimmte Rituale und die einstudierten Abläufe gefehlt, so schön es ja sein mag, alles selbst zu machen. Einfach mal in ein nahegelegenes Café gehen zu können, sich hinzusetzen und die Leute anzugucken. Oder mal ins Kino gehen zu können, ohne dafür kilometerweit fahren zu müssen. Hier kann ich fußläufig oder mit dem Rad zum Bäcker oder meine Lebensmittel kaufen. Ich bin einfach zu lange und zu viel in der Stadt gewesen und brauche manchmal sogar deren Geräuschkulisse.

Frage: Und wonach haben Sie sich am meisten zurückgesehnt, als Sie dann wieder in der Stadt waren?

Antwort: Ganz ehrlich: Mit Gummistiefeln im Matsch zu stehen und zu wissen, dass die draußen bleiben und nicht mit ins Haus kommen. Aber dieses Schmatzen der Gummistiefel draußen auf dem Acker ist doch herrlich. 

Frage: Was hat das Land, das die Stadt nicht bieten kann?

Antwort: Es ist ein bewussteres Leben dort. Wenn man an völlig vertrockneten Feldern vorbeigeht, wird einem das Problem des Klimawandels einfach deutlicher als in der Stadt, wo es nicht so offensichtlich ist. Stichwort: zu trockene Böden. In der Stadt ist man viel eher in seinem Komfort gefangen, obwohl man genau weiß, dass sich was ändern muss. Darüber denke ich heute anders und versuche, das auch in meinem Leben zu berücksichtigen.

Frage: Man kann als Städter also vom sogenannten Landei durchaus lernen?

Antwort: Städter haben oft eine gewisse Arroganz der Landbevölkerung gegenüber. Die kommen dahin mit ihrem großen Auto und meinen, Sie wüssten alles besser. Die Landbevölkerung denkt dann zurecht: Wenn alles so cool ist in Deiner Stadt, dann geh doch zurück, was willst Du hier? 

Frage: Würden Sie noch mal aufs Land ziehen?

Antwort: Es gibt ja noch die Idee der Frühstückspension in Griechenland, von der ich träume. Ostsee ist dann doch nicht Mittelmeer (lacht). Deshalb würde es wohl eher in diese Richtung gehen.

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