Regeln auf Friedhöfen  Streit um private Bänke an Gräbern

Nora Kraft
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Von Nora Kraft
| 24.08.2023 18:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dorothee Fiedler, Initiatorin einer Petition zum Erhalt der privaten Bänke auf dem Melaten-Friedhof, sitzt auf einer Bank am Grab ihres Sohnes. Foto: Vennenbernd/dpa
Dorothee Fiedler, Initiatorin einer Petition zum Erhalt der privaten Bänke auf dem Melaten-Friedhof, sitzt auf einer Bank am Grab ihres Sohnes. Foto: Vennenbernd/dpa
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„Wilde Bänke“ auf einem Friedhof in Köln sollen weg. Sind die privaten Möbel an Gräbern auch in Ostfriesland ein Problem?

Ostfriesland/Köln - Jens hat gern gekocht und dafür Kräuter auf seinem Balkon gezogen. Deshalb wachsen jetzt Rosmarin und Zitronenmelisse auf seinem Grab. Gleich daneben steht eine Holzbank. Sie fügt sich so gut in die Kulisse der dichten Büsche und Baumriesen auf dem Kölner Friedhof Melaten ein, dass man sie erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Es ist die Bank, auf der Jens früher immer gesessen hat. Seine Mutter Annegret Fleischel hat hier schon zahllose Stunden verbracht. Jetzt aber soll die Bank verschwinden.

„Wilde Bänke“ beeinträchtigten das Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Friedhofs, heißt es auf Hinweiszetteln, die im Namen der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker auf alle privaten Bänke geklebt worden sind. Auch die erforderlichen Pflegearbeiten würden behindert. Zudem bestehe die Gefahr, „dass die Verkehrssicherheit gefährdet ist“. Fettgedruckt ist der Satz: „Daher möchten wir Sie bitten, bis zum 08.09.2023 diese Bank zu entfernen.“ Andernfalls werde der Abtransport von der Friedhofsverwaltung übernommen.

Unterschied auf den ostfriesischen Friedhöfen

In Ostfriesland sind solche „wilden Bänke“ auf vielen Friedhöfen von vornherein verboten. Privates Sitzmobiliar dürfe auf keinem der drei städtischen Friedhöfe aufgestellt werden, teilt Johann Stromann, Sprecher der Stadt Aurich, auf Nachfrage mit. Die Gräber lägen dicht aneinander, die Wege müssten frei bleiben, etwa für Mitarbeiter der Stadtgärtnerei und ihre Geräte. Außerdem würden Gräber für Erdbestattungen nicht mehr mit der Hand, sondern mit einem Bagger ausgehoben. Auch dafür müsse genügend Platz sein. Sitzgelegenheiten würden von der Stadt aufgestellt – und dafür gebe es feste Pläne, so Stromann.

Auch auf den reformierten Friedhöfen in Leer sucht man private Sitzgelegenheiten an Gräbern vergebens. „Sie werden auf unseren Friedhöfen nicht zugelassen“, sagt Pastor Eberhard Hündling. Viele Besucher scheint das nicht zu stören – in seinem beruflichen Alltag sei er bisher noch nicht auf das Thema angesprochen worden, berichtet Hündling. Er nennt ebenfalls Pflegearbeiten als einen der Gründe, warum die Bänke stören. Außerdem sei nicht gewährleistet, dass die Bänke verkehrssicher seien. Friedhofsbesucher könnten sich an ihnen verletzen.

Andere Regeln in Emden

Anders sieht es in Emden aus. Auf den Friedhöfen der Hafenstadt ist es erlaubt, Bänke an Gräbern seiner Angehörigen zu stellen. „Soweit eine Absprache mit der Friedhofsverwaltung erfolgt ist, werden einzelne Bänke geduldet“, sagt Eduard Dinkela, Sprecher der Stadt Emden. Die Bänke auf den Friedhöfen der Stadt scheinen nicht zu so großen Konflikten zu führen wie in Köln. Laut Dinkela sind nur einzelne davon vorhanden. Und: „Im Laufe der Zeit gab es drei Bänke, die entfernt wurden.“ Sollten Mitarbeiter der Stadt Bänke entfernen müssen, lagerten sie für einen gewissen Zeitraum auf dem Betriebshof. „Wenn sie dann nicht abgeholt werden, werden sie entsorgt“, so Dinkela.

Die Kölner Bänke machen derweil bundesweit Schlagzeilen – auch, weil die pinkfarbene Bank am Grab von Dirk Bach ebenfalls weg soll. TV-Moderatorin Hella von Sinnen spricht deshalb von einer „Störung der Totenruhe“. Die letzte Ruhestätte des 2012 gestorbenen Comedians hat sich zu einer regelrechten Touristenattraktion entwickelt. Der Berliner Entertainer Julian F. M. Stöckel („Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“) startete eine Petition, die nach sechs Tagen fast 20.000 Unterschriften hatte. Zu den vielen Prominenten, die auf Melaten begraben sind, gehören der Fotograf August Sander, der Gewerkschaftsführer Hans Böckler, der Maler Sigmar Polke, der FDP-Politiker Guido Westerwelle, die Sex-Beraterin Erika Berger und der Volksschauspieler Willy Millowitsch. Aber der Friedhof ist auch deshalb berühmt, weil die Gräber hier Geschichten erzählen: Ein lebensgroßer Ziegenbock Hennes wacht über einen FC-Fan, eine steinerne Stimmgabel erinnert an einen auf der Bühne zu Tode gestürzten Opernsänger.

Beim Stehen eine andere Distanz

Dazu kommen Bänke in allen möglichen Farben und Formen. Dass dagegen nun vorgegangen wird, hat vielleicht auch damit zu tun, dass das oftmals chaotische Kölner Stadtbild in diesem Sommer besonders stark in den Fokus gerückt ist. Angestoßen wurde die Debatte von der ehemaligen Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, einer Kölner Institution. Sie liebt die Stadt, aber gerade deshalb ärgert sie sich über das teils verlotterte Erscheinungsbild. Zu den Friedhofsbänken sagt sie der Deutschen Presse-Agentur: „Es gibt tatsächlich potthässliche und halb verwitterte Bänke auf Melaten. Die kann das Friedhofsamt mit Recht entfernen. Aber wer eine Bank hat, die er liebt, der sollte einfach beim Friedhofsamt anrufen oder dorthin mailen können, und dann sollten die stehen bleiben.“

Beim Stehen eine andere Distanz

Dorothee Fiedler, Initiatorin der ersten Petition für den Erhalt der Bänke, hat bisher keinen Hinweis darauf, dass die Stadt zu so einem Kompromiss bereit ist. „Köln ist doch eine offene und liberal denkende Stadt – warum auf einmal so preußisch eng?“, wundert sich die 71-Jährige, deren Sohn Carl auf Melaten begraben ist. Er starb mit 18. Die Bank, die an seinem grab malerisch unter einem Baum steht, haben seine Freunde für ihn aus Holz und Eisen gebaut.

Weil Dorothee Fiedler Rückenbeschwerden hat, legt sie sich manchmal sogar auf die Bank. „Dann habe ich das Gefühl, ich möchte gar nicht mehr hier weggehen. Weil das ein so absolut friedlicher Ort ist. Man ist eins mit sich und redet nochmal mit dem, den man hier zu Grabe getragen hat. Im Stehen geht das nicht.“

Auch Annegret Fleischel sitzt oft eine ganze Stunde auf der Bank neben Jens’ Grab. „Wenn ich stehe, habe ich immer eine bestimmte Distanz zu ihm. Dann ist da das Gefühl: ‚Ich muss gleich wieder gehen‘. Wenn ich mich aber hinsetze, nehme ich mir Zeit. Dann kommen die Gedanken zur Ruhe. Erinnerungen blitzen auf. Und ja, ich halte Zwiesprache. Das hilft ungemein, die Trauer zu verarbeiten.“

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