Berlin  Analyse zeigt: AfD-Politik würde eigenen Wählern am meisten schaden

Henry Borgelt
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Von Henry Borgelt
| 22.08.2023 14:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Chrupalla und Weidel: Schadet ihre Politik den eigenen Wählern? Das untersucht eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert
Chrupalla und Weidel: Schadet ihre Politik den eigenen Wählern? Das untersucht eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert
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Klimaschutz-Maßnahmen zurücknehmen, konsequente Abschiebung von Migranten und Neugründung der EU: Mit diesen Zielen kommt die AfD momentan auf Umfrageergebnisse von 21 Prozent bei den Wählern. Doch eine Analyse des DIW zeigt nun, dass AfD-Wähler am meisten unter der Politik ihrer Partei leiden würden.

Jeder Fünfte würde laut den jüngsten Umfragen die AfD wählen, die Partei wäre die zweitstärkste Kraft hinter der CDU/CSU. Auf dem Parteitag Ende Juli sagte der AfD-Chef Tino Chrupalla, die Partei sei „bereit für mehr“, das Etappenziel sei es, die stärkste Kraft bei den Landtagswahlen im nächsten Jahr in Sachsen, Thüringen und Brandenburg zu werden. Doch würde die Partei das Leben ihrer Wähler wirklich verbessern?

Das zweifelt zumindest eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nun an, denn bei keiner anderen Partei ist der Unterschied zwischen den Bedürfnissen der Wähler und den Parteipositionen so groß: Die AfD-Politik würde den eigenen Wählern am meisten schaden.

Die Studie nutzt die Daten des Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Der Wahl-O-Mat ist ein Angebot, bei dem Parteien im Vorfeld von Wahlen auf festgeschriebene Fragen antworten können. So ergibt sich ein Überblick über die Positionen der verschiedenen Parteien. Die Studie wertete die Antworten der Parteien im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 aus.

Rückschlüsse auf die Bedürfnisse der AfD-Wählerschaft erlauben aktuelle Forsa-Umfragen. Sie zeigen, dass der AfD-Wähler überdurchschnittlich oft männlich, arbeitslos und wirtschaftlich unzufrieden ist. Zudem hat er oft eine geringe soziale und politische Teilhabe. Hauptsächlich kommt er aus ländlichen und strukturschwachen Regionen.

Die Analyse der Positionen der AfD zeigt: Ihre eigene Wählerschaft würde in jedem der politischen Felder, wie beispielsweise Klima-, Wirtschafts- oder Sozialpolitik, am meisten unter der Politik der Partei leiden.

Besonders auffällig ist dabei die „extrem neoliberale Wirtschafts- und Finanzpolitik“, wie DIW-Präsident Marcel Fratzscher auf X, ehemals Twitter, schreibt. Die Partei setzt sich zudem für Steuersenkungen und die Abschaffung des Solidaritätszuschlags für Spitzenverdiener ein. Nach der Analyse der Antworten vertritt die AfD damit eine marktorientiertere Politik als die FDP und das, obwohl die typischen Wähler der beiden Parteien unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die AfD sprach sich zudem gegen die Mindestlohnerhöhung auf 12 Euro aus, ein weiteres Beispiel für die Kluft zwischen Wähler und Wahlprogramm der Partei, sind doch Einkommen und Bildung überdurchschnittlich vieler AfD-Wähler gering bis mittelhoch.

Auch der geforderte Austritt aus der EU oder die starke Beschneidung ihrer Kompetenzen „träfe vor allem die sozial Schwachen der Gesellschaft – und dazu gehören vor allem auch viele AfD-Wähler“, erklärt die Studie des DIW. Das gelte auch für die Klimapolitik, die die Partei betreibe.

So entstehe das „AfD-Paradox“: Die eigenen Wähler leiden unter der Politik der AfD am meisten. Auf X fragt Fratzscher: „Wie kann es sein, dass ein Fünftel der Bürger*innen die Politik einer Partei unterstützt, die stark dem eigenen Wohlergehen und den eigenen Interessen zuwiderläuft?“

Den Grund dafür sieht der Autor der Studie in einer individuellen und kollektiven Fehleinschätzung der eigenen und allgemein-gesellschaftlichen Situation. Die Hetze und Diskriminierung, für die die AfD stehe, treffe nicht nur Menschen mit Migrationsgeschichte – und somit jeden vierten Deutschen – sondern auch die sozial und wirtschaftlich Schwächeren.

AfD-Wähler würden nicht realisieren, dass sie selbst durch eine Politik der Ausgrenzung und Diskriminierung negativ betroffen wären. Arbeitsplatzverluste, schlechtere Infrastruktur und weniger Sozialleistungen würden den Wählern der AfD sehr stark zusetzen. „Denn sie selbst gehören häufig zum unteren Rand der Einkommensverteilung, genießen seltener Privilegien, haben weniger Chancen als andere und sind stärker auf finanzielle Leistungen des Staates angewiesen“, erläutert die Studie.

Diese Widersprüche aufzudecken, sei die Aufgabe der restlichen Politik und Gesellschaft, so die Studie des DIW. Der AfD-Populismus könne nur im öffentlichen Diskurs entlarvt werden.

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