Binz, Prerow, Wilhelmshaven  LNG und Windparks: Was macht Robert Habeck mit unseren Küsten?

Tobias Schmidt, Leon Grupe
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Von Tobias Schmidt, Leon Grupe
| 21.08.2023 07:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 15 Minuten
LNG-Terminal vor der Insel Rügen Foto: Stefan Sauer
LNG-Terminal vor der Insel Rügen Foto: Stefan Sauer
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Bis zu zehn LNG-Terminals und zehn neue Mega-Windparks: Von Sylt bis Rügen wird die Küstenlandschaft verändert – und an einigen Orten rumort es. Was die Energiewende für dortige Anwohner und Urlauber bedeutet.

Eine Reportage von den Energiewende-Hotspots an Nordsee und Ostsee, zuerst erschienen am 11. April 2023.

Rügen, mit seinen kilometerlangen, karibikweißen Sandstränden, klassizistisch geprägten Seebädern und idyllischen Fischerdörfern, kommt nicht zur Ruhe. Bürgermeister, Hoteliers, Anwohner – sie alle protestieren hier gegen die LNG-Pläne der Bundesregierung. Seit Monaten tun sie das schon. Sie tun das mit Bürgerinitiativen, Menschenketten und Ausdruckstanz. In der Bilanz muss man sagen: besonders erfolgreich sind sie damit nicht.

Tanker aus aller Welt transportieren bereits Gas nach Lubmin. Dort steht schon ein LNG-Terminal, um russisches Gas zu ersetzen. Ende 2022 ging es ans Netz. Und womöglich wird es nicht das letzte gewesen sein.

In Berlin planen sie mit einem zweiten Flüssiggas-Terminal vor Rügen. Diesmal im Industriehafen Mukran bei Sassnitz. Der Bundestag hat im Juli beschlossen, die Anlage in das LNG-Beschleunigungsgesetz aufzunehmen. Es soll schnell gehen auf Rügen.

Wieder reagieren die Anwohner mit Zorn und Angst. Sie fürchten weitere Einschnitte in die praktisch unberührte Natur, die jedes Jahr hunderttausende Touristen auf die größte der deutschen Ostseeinseln führt. Umweltschützer sagen, Deutschland baue ohnehin mehr LNG-Terminals, als es brauche.

Und es sind ja nicht nur die Menschen auf Rügen, denen die Ampelkoalition ein LNG-Terminal vor die Küste gesetzt hat. Auch an der Nordsee gibt es solche Anlagen, zum Beispiel vor Hooksiel im Wangerland. Ein Ort, der ebenfalls vom Tourismus lebt.

Generell verändert die Energiewende die Küstenabschnitte. Auch riesige Offshore-Windparks entstehen, für die Umstellung von schmutzigen auf saubere Energieträger. Was macht das mit den Menschen vor Ort? Was bedeutet das für den Tourismus an den Küsten? Und ist die Wut überall so groß wie auf Rügen?

Um das herauszufinden, waren wir an der Ost- und Nordsee unterwegs.

Eigentlich hat Karsten Schneider, parteiloser Bürgermeister des schmucken Binz auf der Ostseeinsel Rügen, stabil gute Laune. Seit dem 24. Januar ist das anders. Da besuchte ihn ein RWE-Manager und entwarf ein verstörendes Zukunftsszenario für das Urlaubsparadies: Fünf Kilometer vor die Küste soll Europas größtes LNG-Terminal gestellt werden. Zwei gigantische Regasifizierungsschiffe, an denen kleinere Tanker hängen, um Flüssiggas hineinzupumpen. Plus Pendelverkehr. Plus eine neue Pipeline ans Festland.

„Das Vorhaben, die Terminals ausgerechnet den fünf Ostseebädern vor die Nase zu setzen, wird hier von vielen Menschen als eine Provokation wahrgenommen“, sagt Schneider. „In Berlin stellt man auch kein zehnstöckiges Toilettenhäuschen vor das Reichstagsgebäude.“

In Berlin, da rühmt sich die Ampel-Koalition für das „Deutschland-Tempo“, mit dem die gigantische Infrastruktur in Nord- und Ostsee hochgezogen und die Energiewende vorangetrieben wird. Denn für den Klimaschutz braucht es Wind- statt Kohlestrom. Und die Flüssiggas-Terminals sollen zu Wasserstoff-Häfen werden, dem CO₂-freien Brennstoff der Zukunft. Es gibt also sehr gute Begründungen für die massiven Eingriffe in die Meeres- und Küstenlandschaft.

Aber was machen die Großbaustellen der Energiewende mit den Menschen vor Ort? Was bedeutet es für den Tourismus, wenn die Sehnsucht nach unberührter Natur und freiem Horizont kaum mehr zu stillen sein wird?

Wir haben Antworten gesucht, bei Bürgermeistern, Naturschützern, Urlaubern, Gastgebern: im Ostseebad Binz, in Prerow auf dem Darß, im Wangerland am Wattenmeer. Wir sind auf viel Verständnis getroffen, auf Einsicht, Gelassenheit. Aber auch auf Frust, auch auf Wut. Auf Rügen ist die Wut gerade besonders groß.

„Wer das vom Strand aus sieht, die schwimmenden Terminals, die Verladeschiffe, den Lärm, die Luftverschmutzung, die Lichtverschmutzung in der Nacht, tja, der kommt vermutlich nicht wieder“, sagt der Binzer Bürgermeister Schneider beim Strandspaziergang vor einem türkis schimmernden Meer. „Und wenn der Tourismus den Bach runter geht, dann wird die Insel zum Armenhaus. Zehntausende Jobs wären in Gefahr.“

Der 24. Januar wurde zum Erweckungsmoment für die Insel und zum Startschuss für die erste Anti-LNG-Protestwelle in ganz Deutschland. Die Gemeinden taten sich zusammen, eine Bürgerinitiative gründete sich. Von Öko-Aktivisten bis AfD-Rechtsaußen, alle packte der Zorn. Nach den ersten Protestaktionen schloss sich Mecklenburg-Vorpommers Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) an, wetterte auf einmal gegen die Pläne.

Auf der Insel glauben sie allerdings, die Landesregierung in Schwerin war von Beginn an eingeweiht – und einverstanden.

Aber Schwesig ist jetzt raus: Buhmann ist Robert Habeck, der grüne Wirtschafts- und Klimaschutzminister aus Berlin. Bislang geht er in Deckung, denn Rügen kann gefährlich werden. Bislang wurde seine LNG-Politik ziemlich positiv aufgenommen. Jetzt wird plötzlich verhandelt, ob das alles nicht doch total überdimensioniert sei. Plötzlich rücken die Sorgen um Umwelt, Klima und Tourismus in den Fokus.

Das Lob fürs „Deutschland-Tempo“ ist auf der Ostseeinsel umgeschlagen. „Wenn die Regierung auf stur schaltet und an dem Großprojekt ohne Grund und Alternativstandorte festhält, erleben wir hier ein blaues Wunder“, sagt Bürgermeister Schneider und warnt:

Mit dem „blauen Wunder“ ist die AfD gemeint. Die liegt hier schon bei 20 Prozent, obwohl Binz boomt.

Habeck hatte zwischenzeitlich einen Alternativstandort für das Terminal ins Auge gefasst, den Hafen Mukran ein paar Kilometer nördlich von Binz. Die Folgen für das Ostseebad wären noch desaströser. Erwogen wird auch, das Terminal weit raus aufs Meer zu schieben. Dann würde man es vom Strand nicht sehen.

„Auch das wäre für uns ein No Go“, sagt Nadine Förster vom Bündnis „Lebenswertes Rügen“. Der Meeresboden würde zerstört, die Sassnitzer Rinne, eine „Herings-Autobahn“, verwüstet. Schweinswale, Kegelrobben, Meeresvögel, alle würden leiden, sagt Förster. Hinzu kommt das Chlor, das für die Reinigung der LNG-Anlagen verwendet wird und ins Meer gelangt.

„Wir wollen nicht zum Industriehafenbecken verkommen. Wir werden uns nicht opfern, um die Energieversorgung für ein paar Jahre sicherzustellen“, sagt Förster, und weiter:

Gewinnen die Rügener ihre LNG-Abwehrschlacht? Fraglich. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat das Geld für das staatliche Terminal zwar erstmal auf Eis gelegt. Das Wirtschaftsministerium gibt sich schmallippig, spricht weiter von der Prüfung verschiedener Optionen.

100 Kilometer westlich von Binz liegt die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Ein Teil von deren Westküste ist einer dieser verwunschenen Flecken Erde, an denen man sich noch immer wie der erste Mensch vorkommen kann. Im Süden liegt Ahrenshoop, an der Nordspitze ein einsamer Backstein-Leuchtturm, dahinter ein Urwald ohne Straßen, ohne Parkplätze. Davor weißer Sand und das offene Meer.

„Wenn ich nach einem stressigen Tag über die Düne komme, der erste Blick, die Weite, der Strand, der Horizont, wow, das Gefühl von Freiheit, das ist unschlagbar“, sagt René Roloff, Bürgermeister des Ostseebades Prerow, das dem Weststrand am nächsten liegt.

16 Kilometer vor der etwas langweiligen Nordküste steht schon seit zwölf Jahren der Windpark „Baltic 1.“ 21 Windräder mit einer Nabenhöhe von 67 Metern. Bei trübem Wetter vom Strand aus kaum zu sehen, bei besonders klarer Sicht wie zum Greifen nah.

Gegen „Baltic 1“ regte sich seinerzeit Protest, der Park wurde dann etwas kleiner gebaut. Das war 2011. Das war noch in der alten Zeit.

Inzwischen wurde die Genehmigung für einen neuen Windpark erteilt. „Gennaker“ wird um „Baltic 1“ herum errichtet, wird über die Nordspitze der Halbinsel hinausragen. 103 Windräder mit 167 Meter langen Rotoren. Kürzester Abstand zur Westküste: 10 Kilometer.

Bürgermeister Roloff sagt dazu:

Der parteilose Kommunalpolitiker und Kunsttischler ist nicht gegen Erneuerbare Energien, ganz im Gegenteil. An „Baltic 1“ hat er sich gewöhnt. Ihn treibt auch nicht die Angst vor einem Kollaps des Tourismus um. „Es wird uns nie an Gästen mangeln. Es werden halt andere Gäste kommen.“

Roloff ist enttäuscht und wirkt traurig. Nicht nur, weil er seine Westküste selbst so liebt. Nicht nur, weil durch „Gennaker“ die Gefahr von Schiffsunfällen und Ölkatastrophen steigen könnte, weil sehr viele Zugvögel geschreddert werden könnten.

„Viele Gäste kommen auf den Darß, weil sie hier noch die Ursprünglichkeit finden, weil es Stellen gibt, wo der Mensch nicht spürbar ist“, sagt Roloff. Bei Städtern sei die Sehnsucht besonders groß, weil sie ja dauernd von Mauern und Verkehr umgeben sind. Er findet die Sehnsucht berechtigt. Aber:

Massenproteste wie auf Rügen sind trotzdem nicht zu erwarten. Der Naturschutzbund (NABU) erwägt noch eine Klage, weil andere als die ursprünglich genehmigten Turbinen eingebaut werden. Die Klagen von Prerow und anderer Gemeinden wurden bislang alle abgewiesen. Bei Angelegenheiten ab der Wasserkante dürfen sie ohnehin kaum mitreden. Die meisten Anwohner schwanken zwischen Gleichgültigkeit und Resignation.

Muss man, um das Klima zu schützen und die Energiewende zu schaffen, die Naturromantik wirklich einfach abhaken? Braucht es diese Mega-Projekte, oder ginge es nicht auch dezentraler, mit Windmühlen für den Hausgebrauch? „Ernsthafte Diskussionen darüber höre ich nicht. Das lässt befürchten, es werden Fakten für die Ewigkeit geschaffen“, sagt Roloff.

Dass irgendjemand die Dinger wieder abbauen könnte, wenn klügere Lösungen gefunden sind, wagt er kaum zu hoffen. Eher sei zu befürchten, dass Ruinen im Meer stehen bleiben, wenn mit den Windkraftanlagen kein Geld mehr zu machen sei.

Die Bauarbeiten für „Gennaker“ sollen dieses Jahr starten. Die Leitungen für die Netzanbindung werden ab 2025 gelegt, zwei Jahre später soll der Windstrom fließen.

400 Kilometer weiter westlich hängt ein milchig grauer Himmel tief über Hooksiel, ein kleiner Ort in der niedersächsischen Gemeinde Wangerland. Hier gibt es viel plattes Land und das Wattenmeer. Seit 2009 ist es Weltnaturerbe und zieht die Touristen in Scharen an. Und dann gibt es hier noch was Neues zu bestaunen. Der Weg zum Strand führt am Deich entlang. Links grasen Schafe, rechts stehen Wohnwagen. Und dann, hinter einer sanften Steigung erscheint sie – die Höegh Esperanza. Deutschlands erstes LNG-Terminal. Seit Dezember hilft es, die Gasversorgung sicherzustellen. Ein 294 Meter langer und 46 Meter breiter Kahn Weltpolitik vor dem beschaulichen Hooksiel.

Wenn zur blauen Stunde die Lichter anspringen, liegt das Terminal wie eine Kleinstadt auf dem Wasser. Große Sorgen, der Tourismus könne leiden, hört man trotzdem nicht. Keine Anti-LNG-Menschenketten wie auf Rügen. Finden die Sorgen im Verborgenen statt?

Bernd und Antje Witte stehen bei 10 Grad und mäßigem Wind am Strand, die Wellen schwappen bis an ihre Schuhe. Die beiden haben ihre Handykameras auf die Höegh Esperanza gerichtet. Sie wohnen in Braake und wollen für ein paar Tage am Meer entspannen. Das LNG-Terminal sehen sie zum ersten Mal.

Er: „Ich find’s nicht schlimm, eher interessant.“

Sie: „Ich find’s nicht schön, eher gewöhnungsbedürftig.”

Er: „Irgendwo muss es ja hin.“

Am Horizont erkennt man schemenhaft die Insel Mellum, ein Vogelschutzgebiet. Davor markieren Bojen die Fahrrinne, in der sich ein mit mehr als 100.000 Kubikmetern LNG beladener Tanker voranschleppt: Nachschub für die Höegh Esperanza, auf der das Flüssiggas regasifiziert wird und von der es durch überirdische Leitungen ans Festland gelangt.

Wolfgang kommt mit seiner Profi-Kamera immer mal wieder aus dem 20 Kilometer entfernten Wilhelmshaven nach Hooksiel. „Als Fotograf fürs Wattenmeer sehe ich das schon kritisch. Auf der anderen Seite kann ich es total nachvollziehen, dass sich in der Energiepolitik was ändern musste, nach Russland Angriffskrieg“, sagt er über das Terminal.

Dass zu dessen Reinigung Chlor genutzt und ins Meer geleitet wird, bis zu 35 Tonnen jährlich, stimmt ihn schon nachdenklich. „Auch wenn ich weiß, dass dadurch das Wattenmeer nicht zerstört wird.“ Friesische Gelassenheit.

Aber was ist mit denen, die vom Tourismus leben? Über Einbußen macht man sich im Hotel „Packhaus“ am Hafenbecken zurzeit noch wenig Gedanken. „Aber natürlich wissen wir am Ende der Saison mehr“, sagt die Rezeptionistin.

Im „Zum alten Krug“ fragen die Gäste neugierig nach dem Terminal, sagen die Betreiber Udo und Sabine Jaeckel. Ihre Vermutung, warum das LNG-Monstrum die Besucher nicht abhalten wird, ins Wangerland zu fahren: Der Hafen vom nahen Wilhelmshaven, der ist ja schon lange ein gigantisches Industriegebiet. Und vermutlich haben sie damit recht.

Vom Denkmal für verstorbene Seefahrer hat man den besten Blick. Als der Tanker mit dem Flüssiggas die Höegh Esperanza erreicht, verfolgt hier ein Dutzend Neugierige gebannt das Manöver. Darunter eine vierköpfige Familie auf Fahrrädern und ein älteres Ehepaar mit Ferngläsern. Sie sehen aber nicht nur das LNG-Terminal, sie sehen auch die Kräne des Containerterminals von Wilhelmshaven, den dampfenden Schornstein des Steinkohlekraftwerks Onyx und Windräder. Ein Clash der Energieversorgung von gestern und morgen.

Die Industrie will Wilhelmshaven, Deutschlands einzigen Tiefwasserhafen, zu dem zentralen Umschlagplatz für Ammoniak und Wasserstoff ausbauen, den Energieträgern der Zukunft.

Eine der Schaulustigen am Seefahrer-Denkmal sagt, sie mache seit zehn Jahren regelmäßig Urlaub in Hooksiel. Stört sie das LNG-Terminal? „Nein“, sagt die Frau, „an dieses Bild habe ich mich schnell gewöhnt.“

Eine andere Touristin weiß gar nicht, dass sie hier so eine Anlage in Windeseile errichtet haben. Für sie hat sich der Besuch dennoch gelohnt. „Sehr spannend alles, die Logistik und Infrastruktur dahinter.“ Und vielleicht ist es das, was die Jaeckels meinten.

Der Binzer Bürgermeister fürchtet, das geplante LNG-Terminal werde den Rügen-Tourismus ruinieren. In Hohenkirchen im Wangerland trifft man einen sehr unaufgeregten Peter Podein in seinem Büro. Er ist der allgemeine Stellvertreter des Bürgermeisters.

Das LNG-Terminal begreift der Parteilose als Chance für den „Industrietourismus“ am Nordseestrand, den die Gemeinde „fördern sollte“. Der Widerstand der Rügener will ihm nicht in den Kopf. „Ganz ehrlich, ich sehe die Dramatik nicht.“ Irgendwie müsse die Energieversorgung in Deutschland ja auch ohne russisches Gas gewährleistet werden.

In Wilhelmshaven war die Infrastruktur für das LNG-Terminal – anders als vor Rügen – allerdings auch längst vorhanden. Und unberührte Natur gibt es zwischen der Industriestadt und dem Wangerland schon lange nicht mehr.

Mit im Raum sitzt Armin Kanning, Geschäftsführer der Wangerland Touristik. „Maritime Themen sind bei den Leuten der Renner“, sagt er und erzählt von Wattwanderungen bis dicht an die Fahrrinnen der dicken Frachter. „Ship-Spotting“ nennt er das. Mit der Höegh Esperanza könne das ebenfalls gut funktionieren. Dafür will er die LNG-Anlage besser ins Tourismusangebot einbinden, mit „interaktiven Info-Points am Strand“.

Peter Podein und Armin Kanning schätzen das Terminal aber nicht nur als Tourismus-Magnet. Sie hoffen auch, die LNG-Industrie werde Fachkräfte und deren Familien in die von Abwanderung betroffene Region locken, um zu bleiben.

Auf den ostfriesischen Inseln wurde beim ersten Genehmigungsverfahren für einen Offshore-Windpark vor mehr als zehn Jahren das hässliche Wort „Horizontverschmutzung“ geboren. Vor zwei Wochen war Sven Ambrosy, Landrat von Friesland, mit seinem sechsjährigen Sohn auf Wangerooge, der östlichsten der ostfriesischen Inseln, nördlich von Wangerland. Von der Promenade aus hat er dem Sohn den Windpark „Nordergründe“ gezeigt. Blendende Sicht, sogar Helgoland war zu sehen. Ambrosy berichtet:

Der SPD-Politiker hat eine These: „Offshore hat keine Auswirkung auf das Thema Tourismus.“ Bei den Abständen zu den Inseln und der Küste erwartet er – auch nicht, wenn die Anlagen größer werden – dass der Offshore-Ausbau eine Rolle spielen wird. „Aber natürlich gibt es auf den Inseln immer jemanden, der das hart ablehnt.“

Was ist mit dem nicht mehr einzulösenden Versprechen der unberührten Natur? Was mit der nicht mehr zu stillenden Sehnsucht nach dem freien Horizont? Ambrosy selbst hat die nicht mehr. Fährt er mit seinem Sohn durchs Land, dann vermisst der Knirps sogar Windräder, wo es keine gibt, denn die drehen sich so schön.

„Auch die Touristen haben sich weiterentwickelt“, sagt der Landrat. „Unsere Gäste haben ein erhöhtes Umweltbewusstsein. Sie bewegen sich mit dem Fahrrad. Sie bewegen sich in der Natur. Sie wollen den Nationalpark. Sie sind schon sensibel und sagen, wir wollen nicht, dass das zerstört wird. Aber sie sehen auch die Notwendigkeit des Ausbaus, weil sie Klimaschutz wollen.“

In den Windkraft-Blues von Prerows Bürgermeister Roloff stimmt Ambrosy nicht ein. Der Naturromantik stellt er einen Energiewende-Pragmatismus entgegen: „Das ist ein bisschen pathetisch: Windenergie als Freiheitsenergie. Aber es gibt einen Imagewandel, dass man sagt, das ist ökologisch, das ist gut für die Zukunft. Und Offshore-Windenergie ist besonders wichtig, weil sie sehr nahe an die Grundlastfähigkeit kommt, die wir unbedingt brauchen.“

Das Fazit darf Reinhard Sager ziehen. Er ist der Präsident aller deutschen Landkreise, war viele Jahre lang selbst Landrat von Ostholstein an Schleswig-Holsteins Ostseeküste. Sager ist ein CDU-Mann, kein Energiewende-Euphoriker, und kein Robert-Habeck-Fan.

„Eine Überforderung durch LNG-Infrastruktur für die Küsten sehe ich nicht, zumal einige LNG-Terminals nur für den Übergang benötigt werden und nicht für immer bleiben“, sagt er. „Für diese Zeit müssen wir hier und da in den sauren Apfel beißen und die Anlagen akzeptieren.“

Sagers kleine Spitze nach Rügen:

Replik des Binzer Bürgermeisters Schneider:

Das sagt Sager zu den Windparks: „Aus meiner Warte sind die Offshore-Pläne vertretbar. Anders wäre es, wenn die Anlagen in die Kieler- oder Lübecker Bucht gestellt würden. Aber das ist ja nicht der Plan.“

Im deutschen Teil der Nordsee stehen übrigens 23 Windparks. In der Ostsee sind es vier.

Das Schlusswort des Landkreispräsidenten: „Die Bevölkerung weiß um die Notwendigkeit, das Klima zu schützen. Durch den russischen Krieg auf die Ukraine ist die Einsicht hinzugekommen, dass wir bei der Energie unabhängiger werden müssen. Und was wäre die Alternative? Ein Kohle- oder Gaskraftwerk will auch niemand vor der Haustür, geschweige denn ein AKW.“

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