Pflege-Mängel in Seniorenheim  Politiker machen dem Landkreis Leer schwere Vorwürfe

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 17.08.2023 19:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Seniorenwohnanlage Heisfelde steht in der Kritik. Foto: Wolters/Archiv
Die Seniorenwohnanlage Heisfelde steht in der Kritik. Foto: Wolters/Archiv
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Der Landkreis habe die Pflege-Mängel in der Seniorenwohnanlage Heisfelde zu lange für sich behalten und in einem Jahr viel zu wenig erreicht, kritisiert die Politik.

Leer - „Wir warten immer noch auf eine Entschuldigung von Landrat Matthias Groote“, sagt Grietje Oldigs-Nannen, CDU-Fraktionsvorsitzende im Leeraner Kreistag. Ihr Vorwurf: Die Politik habe erst im Februar von den schlechten Ergebnissen einer Überprüfung der Seniorenwohnanlage Heisfelde vom Mai 2022 erfahren. Somit sei die Politik etwa neun Monate lang nicht eingebunden gewesen und habe selber nicht aktiv werden können.

Was und warum

Darum geht es: Die CDU macht dem Landkreis schwere Vorwürfe. Er habe die Politik erst nach neun Monaten über die schlechten Ergebnisse einer Überprüfung der Seniorenwohnanlage Heisfelde informiert.

Vor allem interessant für: Heimbewohner und deren Angehörigen, ehemalige und aktive Pflegekräfte

Deshalb berichten wir: Wir haben uns gefragt, warum weder die Kreisverwaltung noch die Politik verhindern konnte, dass auch nach einem Jahr noch gravierende Pflege-Mängel in der Seniorenwohnanlage Heisfelde gibt.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Auch Tammo Lenger von der Gruppe SPD/Grüne/Linke kritisiert das Vorgehen der Kreisverwaltung, betont aber, dass die Informationen schon im Dezember vorgelegen hätten. „Auch das ist viel zu spät. Wir haben deutliche Worte gefunden“, sagt er. Das sei auf offene Ohren gestoßen, es habe eine Entschuldigung der zuständigen Dezernentin gegeben.

Bewohner zahlen Investitionskosten

Die Überprüfung des Seniorenheims durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen und durch den Landkreis, der sowohl Träger der Einrichtung als auch als Heimaufsicht ihr Kontrolleur ist, hatte schwerwiegende Pflegemängel zu Tage gebracht. Der Landkreis hat die Probleme bestätigt, auch dass es seit geraumer Zeit einen Aufnahmestopp gibt und statt der möglichen 98 Bewohner derzeit nur 53 erlaubt seien. Damit habe man auch auf den baulichen Zustand des Gebäudes reagiert, das unter anderem noch Doppelzimmer mit gemeinsamen Bad habe, so Kreissprecher Philipp Koenen. Es herrsche ein großer Investitionsstau. Der sei auch einem zweimaligen Wechsel an der Heimspitze geschuldet. Durch den seien die Pläne nicht konsequent verfolgt worden. Nach Bekanntwerden der Pflege-Missstände liege das Augenmerk zunächst auf deren Abstellung. Jeder Bewohner zahlt pro Monat 427 Euro Investitionskosten. Das sei üblich, betont Koenen. Das Geld werde im Nachhinein für getätigte Ausgaben eingesetzt, die die Heimleitung belegen müsse. Bei den Prüfungen vor dem Mai 2022 seien keine Mängel festgestellt worden.

Warum hat die Politik nicht wenigstens ab Februar Alarm geschlagen und die Öffentlichkeit mobilisiert? Das Thema sei ausschließlich im Kreisausschuss thematisiert worden, sagt Oldigs-Nannen. Der tage grundsätzlich nichtöffentlich, die Mitglieder dürften aus den Sitzungen nichts nach außen tragen. Zuletzt tagte der Ausschuss übrigens am Mittwoch. „Auch uns hat geschockt, dass nach einem Jahr noch keine durchschlagende Verbesserung eingetreten ist“, sagt Lenger. Die Situation habe sich zwar in einigen Bereichen entspannt, dafür seien neue Baustellen zutage getreten. Deutlich machen das die Ergebnisse einer neuen Überprüfung vom Juni. Die konnten die Politiker einsehen, öffentlich zugänglich sind sie aber noch nicht.

Finanzielles Defizit

Hätten die Hausärzte, die die Bewohner der Seniorenwohnanlage betreuen, die Missstände nicht bemerken und dann Alarm schlagen müssen? Wenn den Medizinern vor Ort gravierende Probleme auffielen, könnten sie selbstverständlich die Heimaufsicht, also den Landkreis informieren, sagt Mareike Grebe, Hausärztin aus Hesel und stellvertretende Bezirksvorsitzende des Hausärzteverbands. Zuerst versuche man in der Regel, das Problem aber mit der Heimleitung zu lösen. Sie selber habe noch nie die Heimaufsicht einer Einrichtung benachrichtigen müssen.

Man sei nun auf einem guten Weg, sagt Lenger, nachdem der Landkreis dem Kreisausschuss seine Lösungsstrategie vorgetragen hat. Einzelheiten dürfe er aber nicht sagen. „Es wird eine deutliche Verbesserung eintreten, auch wenn das vielleicht noch einige Monate dauern wird“, ist er überzeugt. Derzeit gibt es alledings keine Pflegedienstleitung. Die habe gekündigt, so Koenen. Als Interims-Lösung helfe seit Mittwoch eine qualifizierte Mitarbeiterin der Kreisverwaltung aus. Die Stelle sei ausgeschrieben worden. Nach Informationen der Redaktion fehlt aktuell auch die Heimleitung. Das bestätigte Koenen nicht.

Neben der Situation im Heim dürfte dem Landkreis auch die finanzielle Situation der Einrichtung Sorgen machen. Im März hatte der Kreistag den Wirtschaftsplan für das laufende Jahr verabschiedet. Damals ging man von einem Minus von 419.000 Euro aus – bei einer Belegung mit 73 Bewohnern. Nun sind es aber 20 weniger, das Defizit dürfte entsprechend höher ausfallen. „Mir ist nicht bewusst, dass wir in der jüngeren Vergangenheit größere Summen zuschießen mussten“, sagt Oldigs-Nannen. Die Einrichtung habe sich im Großen und Ganzen selber getragen.

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