Osnabrück/München  Felix Magath: Die meisten Spieler sind unter mir als Trainer besser geworden

Malte Goltsche
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Von Malte Goltsche
| 17.08.2023 05:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Übt Kritik an der Bundesliga: Felix Magath. Foto: dpa/Andreas Gora
Übt Kritik an der Bundesliga: Felix Magath. Foto: dpa/Andreas Gora
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Seit Felix Magath im Mai 2022 Hertha BSC in der Bundesliga hielt, ist er ohne Job. Nun wurde die Bundesliga-Legende 70 Jahre alt und veröffentlichte eine Biografie. Ein Interview über seine Karriere, die anstehende Bundesliga-Saison und den Zusammenhang zwischen Druck und Leistung.

Frage: Herr Magath, Sie wurden mehrfach entlassen, manchmal sind Sie aus freien Stücken gegangen. Ist der Trainerjob ein undankbarer?

Antwort: Manchmal schon. Denn wenn es für die Mannschaft gut läuft, oder ein Spieler gut spielt, wird der Anteil des Trainerteams daran in der Öffentlichkeit eher mal vernachlässigt. Spielt die Mannschaft schlecht, ist es meist der Trainer, der kritisiert wird. Ich war zum Beispiel in Frankfurt sehr erfolgreich. Ich habe den Verein in einem chaotischen Zustand übernommen, sportlich waren wir weit abgeschlagen. Wir haben es geschafft in der Liga zu bleiben, ein halbes Jahr später waren wir im Mittelfeld der Tabelle. Und trotzdem hat man mich entlassen. Danach bin ich dann zum VfB Stuttgart gewechselt, der damals auf einem Abstiegsplatz stand. Am Ende ist Stuttgart in der Liga geblieben und Frankfurt abgestiegen. Das ist eigentlich Wahnsinn, aber so etwas wird in der Langzeitbetrachtung kaum registriert. Unabhängig von teilweise fehlender Wertschätzung den Trainern gegenüber ist es aber ein wunderbarer Beruf. Es gibt kaum etwas Schöneres als eine Mannschaft zu entwickeln und erfolgreich zu sein.

Frage: In Ihrer kürzlich erschienenen Biografie beschreiben Sie Branko Zebec und Ernst Happel als die besten Trainer Ihrer Karriere. Was hat Sie so gut gemacht?

Antwort: Das Interessante ist, dass sie völlig verschieden waren. Branko Zebec hat extrem auf Disziplin und Struktur geachtet. Ernst Happel war einer, der aufs Spielen Wert gelegt hat, er wollte immer die Initiative und nach vorne spielen. 

Frage: Was haben Sie von Ihnen mitgenommen?

Antwort: Von Zebec habe ich sicher die Ideen, wie man aus schwächeren Mannschaften bessere machen kann. Von ihm habe ich gelernt, dass man mit intensiver Arbeit im Fußball viel erreichen kann. Im Gegensatz dazu habe ich von Happel gelernt, wie man Kreativität einsetzt, um die Offensive einer Mannschaft besser zu machen. Auch das habe ich versucht, in meine Aufgaben einfließen zu lassen, zum Beispiel in Wolfsburg. Da haben wir innerhalb von nicht einmal zwei Jahren aus einem Abstiegskandidaten einen Deutschen Meister gemacht.

Frage:  Zwei Schlagwörter in ihrem Buch sind „Druck“ und „Leistung“. „Leistung“ entsteht Ihrer Meinung nach durch „Druck“. Muss ein Trainer diesen ausüben?

Antwort: Der Druck ist sowieso da – egal, ob ich der Trainer bin oder ein anderer. Bei der WM der Frauen habe ich zuletzt gehört, wie groß der Druck war. Ich mache als Trainer keinen zusätzlichen Druck. Er gehört einfach zum Geschäft. Aber Menschen sind verschieden und gehen unterschiedlich damit um. Für Spieler, die nicht in der Lage sind, Druck auszuhalten, bin ich aus meiner Sicht genau der richtige Trainer. Weil ich versuche den Druck auf mich zu nehmen, indem ich klar formuliere, was ich von dem Spieler erwarte. Dadurch hat er die Möglichkeit, auf mich zu verweisen. Auch deshalb hatte ich mit meinen Mannschaften fast immer Erfolg. Wenn Sie schauen, wie erfolgreich ein Spieler insgesamt in seiner Karriere war und wie erfolgreich dieser Spieler mit mir als Trainer war, werden Sie feststellen, dass es viele Spieler gibt, die mit mir ihre beste Zeit hatten.

Frage: Es gibt die Geschichte, dass sie Spieler zum Gespräch gerufen haben und dann nichts sagten, sondern nur im Tee rührten. Stimmt sie?

Antwort: Es ist wie bei der stillen Post. Man redet mit einem und zehn Stationen später kommt etwas völlig Anderes heraus. Dadurch entstehen viele Geschichten und manchmal Missverständnisse. Ich bestelle niemanden zum Gespräch und lasse ihn dann eine Stunde sitzen und sage keinen Ton. Es kann sein, dass ich mit einem Spieler verabredet war und mir kurz zuvor eine wichtige Nachricht zugekommen ist. Dann war ich dann vielleicht etwas abgelenkt und beim Spieler könnte das falsch angekommen sein, aber mir war immer wichtig von einem Spieler unter vier Augen zu hören, wenn ihn etwas belastet und damit ein Stück von seiner Konzentration genommen hat.

Frage: Sie sind insgesamt sechsmal Deutscher Meister geworden, zweimal Pokalsieger und haben als Spieler zwei Europapokale geholt, jeweils mit Toren in den Finals. Das Tor von Athen im Finale des Europapokals der Landesmeister 1983 liegt nun 40 Jahre zurück. Sind Sie stolz darauf?

Antwort: Stolz ist für mich nicht der passende Ausdruck. Ich bin natürlich sehr zufrieden, dass ich diese Leistungen gebracht habe. Aber es waren auch Leistungen der Mannschaft und Leistungen, die ich von mir auch erwartet habe. Dafür habe ich trainiert und gespielt. Ich bin also weniger stolz, sondern glücklich, dass ich in Athen dieses Tor für meine Mannschaft geschossen habe. Bei dem Schuss war auch Glück dabei – wenngleich bei mir die Wahrscheinlichkeit wohl größer war, den Ball so zu treffen als bei anderen (lacht). 

Frage: Gibt es etwas, was Sie bereuen?

Antwort: Eigentlich nicht. Als ich mich für das Buch mit meiner Karriere beschäftigt habe, ist mir erst bewusst geworden, wie voll so ein Leben im Fußball ist. Jedes Wochenende geht es um irgendwas. Sie haben ja meine Erfolge aufgezählt. Dass ich aber noch in zwei Europapokal-Finals und in zwei WM-Finals gespielt habe und diese allesamt verloren habe, das haben Sie nicht aufgezählt. Das waren für mich aber genauso wichtige und große Ereignisse. Denn die Niederlagen gehören auch mit dazu. 

Frage: Vermissen Sie den täglichen Rummel? Ist Ihnen langweilig ohne Job?

Antwort: Mit Langeweile kann ich nicht dienen. Ich habe ja zwei Mal drei Kinder, was mein Privatleben interessant macht. Darüber hinaus kann ich mich auch selbst sehr gut beschäftigen. Ich schaue nach wie vor viel Fußball, bin in den Stadien und beschäftige mich mit der Börse. Gesundheitlich geht es mir sehr gut und ich bin fit.

Frage: Sie sind vor drei Wochen 70 Jahre alt geworden. Offiziell beendet ist Ihre Karriere nicht…

Antwort: Ich bin jederzeit bereit, wenn ich die Möglichkeit bekommen sollte und ich Lust auf diese Herausforderung habe. Der Punkt ist der, dass ich mich nicht mit allen Dingen, die heute als modern dargestellt werde, identifizieren kann. Ich habe meine Arbeitsweise zwar angepasst, aber ich werde sie nicht völlig verändern, denn damit war ich sehr erfolgreich.

Frage: Angenommen, im März 2024 kommt ein Bundesligist in Abstiegsnot auf Sie zu. Was muss passieren, damit Sie zusagen?

Antwort: Ich traue mir auch zu, eine Mannschaft in der 4. Liga zu übernehmen und erfolgreich zu sein. Ich hätte aber auch keine Berührungsängste mit einem Champions-League-Teilnehmer zu arbeiten. Was vorhanden sein muss, ist die Chance, dass ich dort so arbeiten kann, wie ich es für richtig halte. Dann werde ich auch erfolgreich sein. 

Frage: Blicken wir auf die Bundesliga. Im vergangenen Jahr hat Bayern seinen elften Titel in Serie eingefahren. Ärgert Sie die Dominanz?

Antwort: Ich hätte Ihnen diese Frage gerne vor 30 Jahren beantwortet, weil schon da abzusehen war, wie es sich entwickelt. In der Bundesliga findet kein Wettbewerb mehr statt, weil der FC Bayern eben viel mehr Geld hat als jeder andere Club. Es gibt zwei Wege, wie man erfolgreich sein kann. Entweder man investiert mehr Geld oder man arbeitet mehr. Bei einigen Clubs hat man leider einen Weg eingeschlagen, der nicht mehr über den unbedingten Willen zur Arbeit geht. Ein Sportler sollte dafür trainieren, noch besser zu werden. Da sehen wir in fast allen Sportarten. Im Fußball sieht es aber so aus, dass kaum einer so viel arbeiten will, um wirklich an die Spitze zu kommen 2009 mit Wolfsburg hat die Mannschaft bewiesen, dass man mit Arbeit, Willen und Spaß etwas Großes erreichen kann. Aber an der nächsten Meisterschaft der Bayern wird wohl kein Weg vorbeiführen. 

Frage: Sehen sie noch andere Möglichkeiten, die Liga ausgeglichener zu gestalten? Die Aufhebung  der 50+1-Regel etwa?

Antwort: Vor 30, 40 Jahren hätte man die Gelegenheit dazu gehabt. Heute gibt es nur noch die Möglichkeit, die 50+1-Regel aufzuheben und die Liga für Investoren freizumachen. Da wiederum wird bei den Fans nicht gern gesehen. Aber wenn wir mit dem deutschen Fußball international mithalten wollen – über Bayern hinaus – dann führt daran kaum ein Weg vorbei. Das Allerwichtigste dabei wäre allerdings, dass diejenigen, denen die Mittel dann zur Verfügung stehen, genug Sachverstand haben, um diese auch richtig einsetzen. 

Frage: Wie blicken Sie auf die Vereinsführung? Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben wieder das Sagen. Nagelsmann, Kahn und Salihamidzic mussten gehen.

Antwort: Es ist interessant, dass es jetzt die Alten wieder richten sollten, obwohl sie ja teilweise auch vorher schon an Entscheidungen mitgewirkt hatten. Aus meiner Sicht war das letzte Jahr von der WM im Winter geprägt – ein Ereignis, das es zuvor nie gab. Es gab keine Erfahrungswerte, wie damit umzugehen ist. Der Trainer von Bayern München hatte deswegen die schwierigste Situation, weil die Bayern die meisten Spieler für diese WM abgestellt haben.. Und die schienen in der Rückrunde nicht richtig fit und haben nicht mehr zu ihrem Spiel gefunden. Ich glaube aber, dass sie trotz der Niederlage gegen Leipzig auf einem besseren Stand sind und es jetzt wieder anders wird und Bayern die Liga dominiert. 

Frage: Warum schafft Borussia Dortmund es nicht – fehlt dort die Leistungskultur, die Sie stets propagieren?

Antwort: Ich sehe insgesamt bei vielen Clubs der Liga kein absolutes Anspruchsdenken. Zu viele sind mit ihrer Situation zufrieden. Man hat nicht den Eindruck, als wäre irgendwo der Anspruch, den Bayern wirklich gefährlich zu werden. Borussia Dortmund hat es in der Endphase der letzten Saison versucht aber die letzte Überzeugung hat aus meiner Sicht gefehlt. Was Bayern auszeichnet, dieses „Mia san Mia“, diese Überzeugung sehe ich bei keinem anderen Club . 

Frage:  Gibt es Trainer in Deutschland, die Sie begeistern?

Antwort: Offensichtlich ist es so, dass Urs Fischer in Berlin sehr gut arbeitet, bei Christian Streich in Freiburg ebenso. Frank Schmidt in Heidenheim macht eine hervorragende Arbeit, da bin ich gespannt, wie sie in der Bundesliga ankommen werden. Auch Xabi Alonso scheint mit Leverkusen auf dem richtigen Weg zu sein.

Frage: Schauen wir noch auf die 2. Bundesliga: Der HSV ist solide gestartet und scheint gerade in der Offensive herausragend besetzt. Klappt es in diesem Jahr endlich mit dem Aufstieg?

Antwort: Ja, ich glaube, dass der HSV in diesem Jahr aufsteigt. Denn sie haben auch in dieser Saison mit die beste Mannschaft der Liga. 

Frage: Verfolgen Sie die Karriere von Amir Shapourzadeh, der mit dem VfL Osnabrück als Sportdirektor aufgestiegen ist und mit dem Sie unter dem Flyeralarm-Dach in Österreich immerhin ein paar Monate arbeiteten?

Antwort: Natürlich habe ich gesehen, dass er nun in Osnabrück arbeitet. Ich habe den VfL aber nicht speziell verfolgt. Der Aufstieg am letzten Spieltag bezeugt, dass er dort gute Arbeit leistet. Denn in Osnabrück in der 2. Liga zu spielen, ist nicht selbstverständlich. Auch wenn das Stadion eine ganz besondere Atmosphäre hat und die Bremer Brücke ihren Anteil am Erfolg der Mannschaft hat. 

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