Kolumne „Artikel 1, GG“  Erben kann auch eine große Last sein

Canan Topçu
|
Eine Kolumne von Canan Topçu
| 16.08.2023 07:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
Canan Topçu
Artikel teilen:

Das Erben eine Last sein kann, bemerkt unsere Kolumnistin, als ein guter Freund von ihr sein Elternhaus ausräumt. An vielen Gegenständen hängen Erinnerungen.

Die Mutter meines lieben Freundes Helge ist vor einem Jahr gestorben, sein Vater schon einige Zeit zuvor. Seit Anfang August räumt er mit seinem Bruder zusammen das Haus aus. Helges Eltern haben nichts weggeschmissen; egal, ob es gebraucht wurde oder nicht, alles wurde akkurat abgelegt – in Schränken, Schubladen, Kisten und Aktenordnern. Porzellan aus Meisen, Limoges, Keramikgeschirr aus England… allein neun unterschiedliche Tafelservice hatte die Mutter im Laufe ihres Lebens, dass mit Mitte 80 endete, zugelegt. Hinzukommen all die Sammelteller, die an den Wänden hingen, und etliche andere Statussymbole.

Helge und sein Bruder sind über 50 und haben alles, was sie brauchen; sie wollen nur Weniges aus dem Elternhaus behalten; ein paar Gegenstände und Kleinmöbel, mit denen besondere Erinnerungen verbunden sind. Was verschenkt werden kann, verschenken sie; was verkauft werden kann, verkaufen sie. Nur: Kaum jemand hat Interesse an Eichenmöbeln, die aus der Mode sind, an Pelzen und und und; heute ist das Geschirr und vieles andere aus dem Haus, für das seine Eltern einst sehr viel Geld ausgegeben haben, nichts mehr wert, wie Helge feststellten musste.

Das Auflösen von Helges Elternhauses brachte uns dazu, übers Vererben zu philosophieren. Durch die Migration nach Deutschland und Remigration meiner Eltern in die Türkei gibt es kaum Erinnerungsstücke aus meiner Kindheit, und Statussymbole haben meine Eltern uns drei Schwestern auch nicht hinterlassen.

Helge macht die Erfahrung, dass Erben auch eine sehr große Last sein kann; da ist zum einen das schlechte Gewissen beim Weggeben und Wegwerfen, zum anderen der Schmerz, der einen überfällt bei Erinnerungen an schöne und unschöne Erlebnisse, die mit all den Gegenständen im Elternhaus verbunden ist. Unser Gespräch mündete in der Frage, was wir an zeitlos Brauchbarem und Nützlichen vererben werden. Eine Antwort fanden wir nicht.

Ähnliche Artikel