Hamburg Versuchter Mord: Wollten Geldautomatensprenger in Melle Polizisten töten?
Allein in Niedersachsen sitzen derzeit 15 mutmaßliche Automatensprenger in Untersuchungshaft. Gegen drei beginnt am Mittwoch der Prozess. Den „Plofkrakern” aus den Niederlanden wird unter anderem versuchter Mord an Polizisten vorgeworfen.
Es ist noch ganz früh am Morgen des 22. Februar dieses Jahres, als eine Detonation Gesmold erschüttert. Der Geldautomat der Volksbank in dem Ortsteil der Stadt Melle in Niedersachsen ist in die Luft geflogen. Ein Audi rast davon, an Bord: drei junge Männer aus den Niederlanden - sogenannte Plofkraker.
Eine Überwachungskamera an einem Nachbarhaus filmt Sprengung und Flucht:
Gut eine Stunde lang liefern sie sich eine halsbrecherische Verfolgungsjagd mit der Polizei über Autobahnen und Bundesstraßen. Mit mehr als 200 Stundenkilometern brettert der Audi zeitweise durch die Nacht. Von der Rückbank aus sollen die Täter versucht haben, die Polizei mit einem Laserpointer zu blenden.
Im Bereich der Ortschaft Wettrup auf der Bundesstraße 402 haben Beamte einen sogenannten Stop-Stick ausgelegt. Der Audi fährt über das Nagelbrett, die Reifen verlieren Luft. Der Motor läuft noch, als das Trio aus dem Fahrzeug springt und versucht, zu Fuß zu fliehen. Der Audi rollt in den Straßengraben.
Weit kommen zwei der Männer nicht. Sie werden auf einem Acker festgenommen. Nach dem Dritten wird stundenlang mit Suchhunden, Drohnen und Hubschraubern gefahndet, am Nachmittag nimmt die Polizei auch ihn fest.
Seitdem sitzt das Trio in Untersuchungshaft. Am Mittwoch beginnt vor dem Landgericht Osnabrück der Prozess vor einer Jugendkammer. Die Ermittler haben nicht nur keinen Zweifel daran, dass die 18, 20 und 23 Jahre alten Niederländer den Geldautomaten in Gesmold in die Luft gejagt haben.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen auch versuchten Mord vor: Die Angeklagten hätten durch den Einsatz des Laserpointers in Kauf genommen, dass ihre Verfolger einen schweren Unfall bauen und sterben. Im Falle einer Verurteilung drohen mehrjährige Haftstrafen.
Tatsächlich verunglückte im Verlauf der Verfolgungsjagd ein Streifenwagen. Der Laserpointer war dafür aber wohl nicht ursächlich. Auch das ist ein Grund, warum Anwalt Arne Lietmann zum Vorwurf des versuchten Mordes sagt: „Das sehe ich sehr kritisch. Mir erschließt sich der Vorwurf überhaupt nicht.“ Lietmann verteidigt einen der Angeklagten.
Der Fall ist spektakulär, aber er ist nicht einzigartig. Hunderte Geldautomaten werden Jahr für Jahr in Deutschland gesprengt, Niedersachsen ist neben Nordrhein-Westfalen besonders betroffen. Meistens gelingt den Tätern die Flucht – aber eben nicht immer.
Am Landgericht Osnabrück läuft derzeit ein weiterer Prozess gegen niederländische Automatensprenger. Auch hier kam ein Laserpointer auf der Flucht zum Einsatz. Einen Mordversuch klagte die Staatsanwaltschaft hier aber nicht an.
Zwei weitere Verfahren seien zudem an dem Landgericht anhängig, aber noch nicht terminiert, teilt Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer mit. „Aktuell wurde zudem eine Anklage zum Landgericht Oldenburg gegen vier Angeklagte fertiggestellt.”
Retemeyer ist Sprecher der Staatsanwaltschaft in Osnabrück. Die Ermittlungs- und Anklagebehörde bearbeitet schwerpunktmäßig Automatensprengungen für ganz Niedersachsen.
15 mutmaßliche Plofkraker sitzen laut Sprecher Retemeyer derzeit in Niedersachsen in Untersuchungshaft, darunter die drei Männer, die ab Mittwoch in Osnabrück vor Gericht stehen.
„Ein weiteres Verfahren vor dem Landgericht Braunschweig gegen drei Angeklagte ist erst vor Kurzem mit Urteil vom 27.07.2023 beendet worden.” Drei Niederländer wurden schuldig gesprochen, einen Geldautomaten im Harz in die Luft gejagt zu haben.
Bei ihrer Flucht in Richtung Niederlande bauten sie einen Unfall und versteckten sich zunächst in einer Garage. Als die Besitzerin ihr Auto holen wollte, nahmen die Männer sie als Geisel und flüchteten weiter, bis der Polizei der Zugriff gelang. Die Männer wurden zu drei Jahren und sechs Monaten, drei Jahren und neun Monaten sowie vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafen sind bereits rechtskräftig.
Gemein haben Täter und Tatverdächtige ihre Herkunft. „Wir gehen davon aus, dass nahezu alle Sprengungen durch eine Tätergruppe begangen werden, die aus dem Bereich Utrecht stammt”, sagt Staatsanwalt Alexander Retemeyer.
Die niederländische Großstadt gilt als Hochburg der Plofkraker. Auch zwei der drei Angeklagten aus dem Gesmolder Verfahren stammen hier her. Niederländische Sicherheitskreise schätzen, dass der Szene mehrere 100 Personen angehören – reichlich Ersatz also für die 15 inhaftierten Verdächtigen in Niedersachsen.
Ob das Verfahren ab Mittwoch Einblicke in die Szene liefern wird? Anwalt Lietmann kündigt an, dass sich sein Mandant im Laufe des Verfahrens äußern werde. Zu Zeitpunkt oder Inhalt könne er sich aber noch nicht äußern.
Fest steht: Das kriminelle Geschäft lohnt sich: Oft fliehen die Täter mit fünf- bis sechsstelligen Summen. Nicht so im Fall des Gesmolder Geldautomaten: Sie kamen trotz Sprengung nicht an die erhoffte Beute heran und flohen ohne Bargeld.
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