Berlin Sinken die Energiepreise in Norddeutschland? Präsident der Bundesnetzagentur macht Hoffnung
Steht Deutschland vor der Deindustrialisierung, weil Energie ohne russisches Gas und Atomstrom zu teuer bleiben wird? Nein, sagt Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, und benennt die notwendigen Schritte, um das Ruder herumzureißen.
Als Russland vor einem Jahr den Gashahn zudrehte, hatte Klaus Müller als Präsident der Bundesnetzagentur einen der stressigsten Jobs überhaupt. Der „Herr der Netze“ hätte entscheiden müssen, wer vom Gas abgeklemmt wird, wenn es nicht länger für alle reicht. Es kam zum Glück anders. Aber trotz gut gefüllter Speicher bestehen auch für diesen Winter noch „Restrisiken“, sagt der 52-jährige Grüne im Interview mit unserer Redaktion, dazu zähle ein neuer Anschlag auf Pipelines.
Damit die energieintensiven Branchen das „rettende Ufer“ erreichen, plädiert der Behördenpräsident für einen befristeten Industriestrompreis, wie ihn Wirtschaftsminister Robert Habeck vorgeschlagen hat.
Und er kündigt eine Strompreisreform mit „fairen Netzentgelten“ an, sodass der Strom in den Nordländern mit viel Windkraft billiger wird. Für die Offshore-Industrie in Küstennähe sieht er rosige Zeiten aufziehen. Hier werde es zu einer Reindustrialisierung statt zur Deindustrialisierung kommen, ein regelrechter Boom stehe bevor.
Frage: Herr Müller, nach den kühlen Wochen könnte man einen klirrend kalten Winter befürchten. Würde das Gas dann trotzdem reichen, oder droht bei langem Frost noch einmal eine Mangellage wie im letzten Winter?
Antwort: Wir haben den ersten Winter ohne russisches Pipeline-Gas gut überstanden und wertvolle Erfahrungen gesammelt. Industrie und Haushalte verbrauchen weniger und wir müssen weniger Gas an andere Länder durchleiten. Die Speicher sind zu fast 90 Prozent gefüllt und wir haben stabile andere Bezugsquellen. Für eine vollständige Entwarnung wäre es trotzdem verfrüht. Es bleiben Restrisiken. Dazu zählt ein sehr kalter Winter in Europa. Russlands Präsident Wladimir Putin könnte auch den Gashahn für Südosteuropa zudrehen. Zuletzt bleiben Anschläge auf Pipelines als Horrorszenario.
Frage: Also doch noch mal zittern?
Antwort: Wir werden jedenfalls abermals zum Sparen und achtsamen Umgang mit Gas aufrufen, wenn die Heizsaison naht.
Frage: Ein Eindruck, der sich festgesetzt hat: Ohne das billige russische Gas sei die energieintensive Industrie nicht im Land zu halten. Ist der Wettbewerbsvorteil unwiederbringlich verloren?
Antwort: Das sehr preiswerte russische Gas hat einiges an wirtschaftliche Tätigkeit erst ermöglicht. Und auch wenn es sehr viele findige Betriebe gibt, die von Gas auf Strom oder andere Substitute umstellen können, so gilt das wahrscheinlich nicht für jeden. Wir sind jetzt viel stärker vom Weltmarktpreis für Gas abhängig. Viele Industrieunternehmen meistern die Herausforderungen durch Effizienz, Technologie und Innovation.
Frage: Für andere Unternehmen kommt der Ausbau der erneuerbaren Energien zu spät?
Antwort: Es gibt Branchen wie Chemie, die Gas als Rohstoff benötigen. Ihnen hilft die Energiewende nur begrenzt. Wer mit Strom auskommt, profitiert streckenweise schon jetzt. Die Strompreise sinken auf null und teils sogar ins Minus, wenn reichlich Sonne scheint oder der Wind kräftig weht. Sobald wir mit überschüssigem Strom Wasserstoff produzieren und diesen weiterleiten, bekommen wir das noch ungelöste Speicherproblem besser in den Griff. Und wir müssen natürlich die Stromnetze schneller ausbauen. Aber dabei sind wir auf dem richtigen Weg.
Frage: Solange können viele Unternehmen nicht warten.
Antwort: Stimmt. Und deswegen begrüße ich, dass die Politik verschiedene Varianten diskutiert, um bedrängten Branchen ans rettende Ufer zu helfen. Wir wollen dauerhaft zu so niedrigen und stabilen Energiepreisen kommen, dass auch energieintensive Unternehmen in Deutschland international wettbewerbsfähig bleiben. Dafür müssen allerdings zahlreiche Voraussetzungen erfüllt werden.
Frage: Welche?
Antwort: Der Ausbau von Wind-, Solar- und Biomasseanlagen samt der Netze muss deutlich beschleunigt werden. Das heißt, die Hürden für Genehmigung und Bau müssen weiter gesenkt werden, dazu müssen auch der Denkmal- und Naturschutz beitragen. Und wir brauchen von der kommunalen Behörde über die Länder bis zur Bundesebene noch mehr Tempo, denn das rechnet sich in Cent und Euro. Wegen fehlender Stromnetze entstehen seit Jahren Milliarden Euro an völlig unsinnigen Kosten für Bürger und Unternehmen. Im Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze liegt wohl die größte Herausforderung. Bei der Errichtung neuer, auf Wasserstoff umstellbarer Gaskraftwerke und des Wasserstoff-Kernnetzes sehe ich die entscheidenden Weichen gestellt.
Frage: All das ist wirklich in wenigen Jahren zu schaffen?
Antwort: Wir werden im kommenden Frühjahr einen verbindlichen Pfad für den Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes vereinbart haben. Und für die so händeringend benötigten Kraftwerke werden bald die Ausschreibungen kommen. Die EU hat gerade grünes Licht für die Kraftwerksstrategie von Wirtschaftsminister Robert Habeck gegeben. Das war die schwierigste Hürde. Hinzu kommt die am Mittwoch vom Kabinett vereinbarte Förderung durch den Klima- und Transformationsfonds. Das sind die drei Hauptfaktoren, um die Investitionshemmung der Wirtschaft zu lösen. Und all das macht mich zuversichtlich, dass es gelingen kann, unsere Industrie in wenigen Jahren mit genug klimaneutraler Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen zu versorgen und eine Deindustrialisierung zu verhindern. Mir sagen viele Unternehmen: Wir schaffen das!
Frage: Wie lange werden die Bürger in den Landkreisen, die viel in Netze und erneuerbare Energien investieren, noch durch hohe Netznutzungsgebühren bestraft?
Antwort: In der Tat werden Regionen, die besonders auf Windkraft setzen, finanziell besonders stark belastet. Ich treffe keinen Energieminister in den Bundesländern, der dieses historisch gewachsene System noch gutheißt. Schließlich sind auch Regionen in Süddeutschland betroffen, in denen viele Windräder aufgestellt und ans Netz angeschlossen werden.
Frage: Dann können die Bürger im Norden hoffen?
Antwort: Im Bundestag liegt ein Gesetzentwurf, der die Bundesnetzagentur autorisieren würde, faire Netzentgelte einzuführen. Sobald das Gesetz verabschiedet ist, werden wir einen Vorschlag für die Reform machen. Mein Eindruck ist, dass die Energieminister aller Bundesländer dahinter stehen. Denn es liegt auf der Hand, dass wir den Erneuerbaren-Ausbau belohnen sollten. Ich kann den Frust vieler Bürger und Regionen darüber gut verstehen.
Frage: Für den Windkraft-Ausbau vor den Küsten haben Sie gerade vier Offshore-Gebiete für astronomische 12,6 Milliarden Euro an BP und Total versteigert. Die Öl-Multis konnten mittelständische Unternehmen locker ausbooten. Viele finden das problematisch…
Antwort: Zunächst: Die enorm hohen Auktionserlöse haben wir nicht erwartet, sie belegen aber das hohe Interesse an der Offshore-Windkraft. Wir betrachten die Dynamik nicht als Problem, sondern als große Chance. Nicht nur, dass es ohne staatliche Subventionen vorangeht: Abzüglich von 10 Prozent für Meeresnaturschutz und die Förderung einer umweltschonenden Fischerei wird das ganze Geld in die Netzanschlüsse gesteckt. Was sonst Industrie und Bürger hätten allein finanzieren müssen, das wird jetzt zu einem großen Teil von den Offshore-Unternehmen mit geschultert. Das ist also eine substanzielle Entlastung. Und mit Blick auf die Diskussion zu Beginn: Die Hoffnung auf günstigen Industriestrom gründet ganz erheblich auf den Offshore-Windparks vor den Küsten.
Frage: Warum sollten die Betreiber nicht versuchen, die immensen Auktionskosten durch hohe Strompreise wieder reinzuholen?
Antwort: Weil sie es nicht können. Die ersteigerten Flächen sind nicht groß genug, als dass der dort erzeugte Strom im Vergleich zur Gesamtmenge den Preis nachhaltig beeinflussen könnte. Der Strommarkt bestimmt den Preis für alle. Da muss sich der Offshore-Wind einreihen.
Frage: Dann sehen Sie keinerlei Anlass, die Auktionskriterien zu ändern und etwa eine Obergrenze für Gebote festzulegen?
Antwort: Es gäbe womöglich an der ein oder anderen Stelle Optimierungsmöglichkeiten, aber Änderungen wären Aufgabe des Gesetzgebers, nicht der Bundesnetzagentur. Grundsätzlich hat sich das Auktionsmodell bewährt. Im Übrigen erwarten wir, dass die Versteigerungen eine Investitionswelle auslösen werden. Denn die Betreiber können nicht alles selbst herstellen, sondern werden Kabel, Konverterstationen, Planungen und vieles mehr bei Zulieferern bestellen.
Frage: Fehlt es nicht schon jetzt quasi an allem, sodass die Ausbau-Ziele in Gefahr sind?
Antwort: Solche Warnungen sind legitim, denn ein Restrisiko bleibt allen Beschleunigungen zum Trotz. Man kann es auch anders beschreiben: Der Investitionsbedarf ist enorm und wird weiter steigen, denn es werden ja noch weitere Offshore-Flächen versteigert, die alle bebaut und angeschlossen werden. Auch die Windkraft an Land wird vorangetrieben. Das wird zu großer Planungssicherheit führen, sodass Zulieferer ihre Produktionskapazitäten deutlich steigern können. Ich sehe gerade viele Weichenstellungen für den Wiederaufbau von Produktionsanlagen, von denen es früher schon mal deutlich mehr gegeben hat.
Frage: Dann stehen wir vor einer Reindustrialisierung statt vor einer Deindustrialisierung?
Antwort: Für die Windkraft-Branche gilt das definitiv. Und hier wächst gerade ein starker europäischer Markt, denn auch in den Niederlanden, in Belgien oder Polen bauen sie ihre Offshore-Kapazitäten kräftig aus. Und der europäische Markt kann sich von seinen Bedingungen absolut messen lassen mit dem, was wir in den USA oder Asien sehen.