Paris  Innenstadt ohne Autos: Warum sich Paris gut zu Fuß erkunden lässt

Jonas Ernst Koch
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Von Jonas Ernst Koch
| 11.08.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Viele europäische Metropolen sind auf die Bedürfnisse von Autofahrern ausgerichtet. Nicht so Paris. Foto: NOTIMEX
Viele europäische Metropolen sind auf die Bedürfnisse von Autofahrern ausgerichtet. Nicht so Paris. Foto: NOTIMEX
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Viele europäische Metropolen sind auf die Bedürfnisse von Autofahrern ausgerichtet. Nicht so Paris: Zahlreiche Maßnahmen sollen den Fußgängern mehr Platz und Lebensqualität schenken. Das merkt man, wenn man die Stadt zu Fuß erkundet.

Als der Grundriss des heutigen Paris Mitte des 19. Jahrhunderts Form annahm, gab es noch keine SUVs oder Lastwagen. Während die charakteristischen einheitlichen Gebäude mit breiten Fassaden, hohen Fenstern und Balkonen entstanden, waren die meisten Bewohner der damals nach London größten Stadt Europas noch zu Fuß oder mit dem Pferdekarren unterwegs.

In vielen vergleichbaren Metropolen zwängen sich deshalb heute die Autos durch enge Straßen. Nicht so in Paris: Obwohl die Stadt dicht bebaut und die Straßen hier besonders eng sind, haben Fußgänger reichlich Platz.

Denn die Stadtverwaltung arbeitet fleißig daran, den Autoverkehr durch zahlreiche Maßnahmen aus Paris herauszudrängen und die Stadt für Fußgänger umzugestalten: Ab 2024 soll es zum Beispiel keine Diesel-Fahrzeuge in der Stadt mehr geben. Schon im Jahr 2002 wurden deshalb mehrere „Paris Respire“-Zonen eingerichtet, was so viel bedeutet wie „Paris atmet auf“. Etwa 50 Kilometer oder knapp zwei Prozent der Straßen sind bereits an Sonn- und Feiertagen für den Autoverkehr gesperrt.

Bei der neuen Prioritätensetzung kennt die Stadtverwaltung kein Pardon: Mit Beginn des ersten pandemiebedingten Corona-Lockdowns wurde ab Mai 2020 auch die Rue de Rivoli, eine der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt, für den Autoverkehr gesperrt. Ausnahmen gibt es nur für Busse, Taxen, Lieferwagen und Einsatzfahrzeuge.

Dadurch entstand eine der größten Fußgängerzonen Europas: Die Straße verbindet einige der berühmtesten Sehenswürdigkeiten, wie den Louvre, das Rathaus und den Place de la Concorde. Nun soll die Maßnahme dauerhaft bestehen bleiben.

Bürgermeisterin Anne Hidalgo hatte angekündigt, die legendäre Champs Élysées für insgesamt 250 Millionen Euro schrittweise zu einem „großen Garten“ umbauen, das nördliche Seine-Ufer ist seit 2016 für den Autoverkehr gesperrt und wurde in einen etwa zehn Hektar großen Park umgewandelt.

Doch vom Umbau der Stadt sollen nicht nur Touristen profitieren. Schon seit 2019 können Anwohner ihre Straßen zu „Oasen der Ruhe“ erklären lassen: Dann ist die Geschwindigkeit auf 20 km/h begrenzt und Parkplätze werden in Grünflächen oder Spielplätze umgewandelt. Zwei Jahre später kam eine besonders kuriose Regelung hinzu: Autos mit geradem Kennzeichen, die vor 2011 zugelassen wurden, dürfen auch nur an geraden Tagen in der Stadt fahren, und andersherum. Dadurch soll die Luftverschmutzung um bis zu 30 Prozent gesenkt werden.

Außerdem will die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo mehrere Zehntausende Parkplätze streichen und so Platz für Radwege, Bäume oder Terrassen schaffen. Viele Straßen wurden bereits in Halb-Fußgängerzonen umgewandelt: Unter anderem am Place de la République und den Plätzen vor der ehemaligen Bastille und dem Panthéon wurden Grünflächen, Sitzgelegenheiten, Brunnen und Kunstwerke geschaffen.

Damit wandelt sich eine der dreckigsten Metropolen Europas radikal: Die Stadt, die früher durch eine rekordverdächtige Luftverschmutzung und den Pendlerverkehr geprägt war, ist heute für Touristen und Fußgänger stressfrei erlebbar. Auch dort, wo der Autoverkehr noch rollt, sind die Bordsteine ausladend und in der Regel von Boutiquen, Antiquitätenläden, Cafés und Theatern gesäumt. Diese findet man auch in den zahlreichen Galerien aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Glasdächern, Mosaiken, Statuen und Kronleuchtern.

Wo Autos überhaupt noch fahren dürfen, sind die Straßen meist einspurig und seit Kurzem gilt in der ganzen Stadt abgesehen von der Ringautobahn ein grundsätzliches Tempolimit von 30 km/h. Mittlerweile durchziehen sogar mehr als 500 Kilometer Wanderweg die Innenstadt – vorbei an Parks, historischen Gärten, Wälder und historische Stadtviertel.

Touristen (und Einwohner) können die Stadt so bequem erkunden – ohne bei einem Straßenwechsel Angst um das eigene Leben haben zu müssen. Auch deshalb gibt es in Paris an jeder Ecke kleine Stände und Straßenkünstler, die die Stadt mit Leben füllen.

Eine Anreise mit dem Auto empfiehlt sich folglich nicht: Während Fußgänger weitgehend unbehelligt unterwegs sein können, sind Pariser Autofahrer im Dauerstress. Wer in Paris wohnt, weiß: Mit dem Auto sollte man die Ringautobahn möglichst nicht verlassen. Wegen der engen und einspurigen Straßen kommt der Verkehr kaum voran und für ein Parkticket müssen Touristen über Nacht innerstädtisch fast 50 Euro berappen.

Aber ist Paris wegen der wenigen Autos auch besonders lebenswert? Im Städte-Ranking der Lebensqualität, den die britischen Wirtschaftszeitung „The Economist“ jährlich berechnet, landet Paris weit abgeschlagen hinter europäischen Metropolen wie Kopenhagen, Zürich, Genf oder Frankfurt am Main. Der viele Müll, die grassierende Armut und das Rattenproblem können die Begeisterung der Touristen aber nicht bremsen: Nur Barcelona ist unter Touristen weltweit beliebter.

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