„Ganz viel läuft über Tiktok“  Kuriose Trends in Fehntjer Automaten – kennen Sie schon alle?

| | 09.08.2023 17:56 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Florian Tepasse zeigt eine Tüte der beliebten Takis-Chips. Foto: Hellmers
Florian Tepasse zeigt eine Tüte der beliebten Takis-Chips. Foto: Hellmers
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Darf es etwas ausgefallener sein? Süßigkeiten aus den USA und anderen Ländern liegen bei jungen Menschen im Oberledingerland im Trend. Was ist dran, an scharfen Chips und Bohnen mit Toter-Fisch-Geschmack?

Rhauderfehn - Ein einzelner Chip, der so scharf ist, dass er auf der Verpackung einen Warnhinweis hat, ist nur ein Beispiel für den aktuellen Trend mit internationalen Süßigkeiten. Und der Trend mit teuren Schokobons aus Dubai und Fanta mit Bananen-Geschmack aus fernen Ländern hat das Oberledingerland erreicht. Zu bekommen sind diese Süßigkeiten nicht nur im Internet, sondern auch in den Automaten-Geschäften.

„Je schwerer das aufzutreiben ist, desto größer das Interesse“, sagt Florian Tepasse, der zwei Automaten vor der Fahrschule von Holger Buskohl beim Schulzentrum betreibt. In Rhaude betreibt Landwirt Dirk Engel mit seiner Frau Katja Steinkühler ebenfalls einen Automaten-Kiosk. Steinkühler sagt: „Da geht es auch um Internettrends. Ganz viel läuft über Tiktok.“ Das heißt: Wenn bekannte Influencer in den sozialen Medien ausgefallene Süßigkeiten präsentieren, dann fahren viele junge Leute darauf ab. Die wohl größte Auswahl von internationalen Süßigkeiten bietet Tobias Ganske in seinem Automatenkiosk am Untenende an. Mittlerweile würden gut 60 Prozent der dort angebotenen Süßwaren internationale Spezialitäten sein. Bei der Eröffnung im Frühjahr seien es noch 15 Prozent gewesen.

Tobias Ganske betreibt einen Automatenkiosk am Untenende. Foto: Archiv/Hellmers
Tobias Ganske betreibt einen Automatenkiosk am Untenende. Foto: Archiv/Hellmers

Woher kommen die Produkte?

Von einigen Waren, die er in seinem Geschäft anbietet, habe er erst vor Kurzem das erste Mal gehört, sagt Ganske, und fügt hinzu: „Meine Tochter kennt Produkte, die ich gar nicht kannte.“ Die Trends würden auf Tiktok entstehen. Was die Influencer dort essen, sei oft bei jungen Leuten begehrt. Dort hole auch sie sich Anregungen für neue Produkte, sagt Steinkühler. Eine weitere Inspiration sei eine WhatsApp-Gruppe mit anderen Automatenbetreibern. Dort werde berichtet, was wo gut laufe. Manche Anregungen nehme sie im Rhaudomaten auf. Eingekauft werde über Großhändler.

Wie ausgefallen darf es denn sein?

Das Topprodukt in seinem Automatenkiosk seien Takis-Chips, sagt Tobias Ganske. Die gibt es übrigens in allen drei Betrieben. Dabei handelt es sich um einen Chipshersteller aus Mexiko. „Das sind scharfe Chips“, sagt Ganske. Die Maischips gibt es in verschiedenen Sorten. Eine nennt sich Fuego und wirbt mit Chili und Limette. Eine weitere nennt sich Blue Heat – und die sind, so heißt es in der Beschreibung, blau und scharf. „Die Kids fliegen darauf“, sagt der Unternehmer.

Zu den ausgefallenen Produkten, die Ganske anbietet, zählen Schokobons aus Dubai. „Ich habe die noch gar nicht selbst probiert“, sagt er. Die sollen aber schon cremiger als die in Deutschland bekannte Variante sein. Die haben es aber preislich in sich: „17 Stück kosten 13 Euro.“ Ein Grund für den hohen Preis sei der Transport. Die müssten aus Dubai per Kühlschiff nach Deutschland gebracht werden. Ebenfalls gefragt seien Produkte der Marke Hershey. Dabei handelt es sich um den weltgrößten Schokoladen-Hersteller mit Sitz im US-Bundesstaat Pennsylvania. Ganske bietet von dieser Marke hauptsächlich Kekse an. Die sind etwas süßer, sagt er. Ansonsten gibt es noch scharfe Gurken, genannt Hot Mamma oder Produkte ähnlich wie die bekannten Jelly Beans. Das sind bohnenförmige Süßigkeiten ähnlich wie TicTac – nur in zahlreichen unterschiedlichen Geschmacksrichtungen wie Popcorn, Schokolade oder Melone. In dem Automaten an der 1. Südwieke gibt es davon sogar eine „Ekel-Variante“ in Geschmacksrichtungen wie toter Fisch, vergammelte Eier oder stinkende Socken.

Exotische Getränke sind in den Automaten begehrt.
Exotische Getränke sind in den Automaten begehrt.

Geht das auch mit Getränken?

Bei den ausgefallenen Lebensmitteln geht es aber nicht nur um Süßigkeiten. Auch Getränke zählen dazu – und dabei handelt es sich oft auch um eigentlich auch hierzulande ganz bekannte Marken. Bei Tepasse an der 1. Südwieke gibt es beispielsweise mehrere verschiedene Sorten der Limonaden-Marke Fanta. Die Geschmacksrichtungen sind Pfirsich, Grapefruit, Erdbeeren und ähnliche. „Die kommen alle aus den USA“, sagt der Burlager. Selbst die aus den Vereinigten Staaten importierte Sorte Orange schmecke ein wenig süßer. Außer Fanta gibt es in den Automaten oft noch eine Auswahl des Energy-Drinks Redbull und der Limonaden-Marken Warheads und Calypso.

Katja Steinkühler befühlt den Automaten in Rhaude mit Takis. Foto: Engel
Katja Steinkühler befühlt den Automaten in Rhaude mit Takis. Foto: Engel

Auch Deutsche Influencer setzen Trends

Kürzlich hat der deutsche Youtube-Star Montana Black seinen eigenen Energy-Drink mit dem Namen Gönrgy auf den Markt geworfen. Laut Werbung steht das „G für Gönnen“, und die Getränke sind kalorienfrei. Derzeit gibt es das Getränk noch nicht in jedem Supermarkt. Laut Webseite sollen die drei Geschmacksrichtungen demnächst auch bei Edeka und Famila erhältlich sein. Doch zu Beginn ist das Getränk zumindest in der beworbenen First Edition – Englisch für erste Auflage – rar. Und begehrt, wie die Automatenbetreiber sagen. „Wir kriegen Nachrichten auf Instagram und Whats-App, ob wir noch Dosen haben“, berichtet Katja Steinkühler vom Rhaudomaten. Ähnlich berichtet auch Tepasse. Die Kunden würden selbst aus Papenburg rund 20 Kilometer Anreise im Kauf nehmen, um die begehrten Dosen zu bekommen. Statt der bei Rewe veranschlagten 1,49 Euro würden in Rhaude nun 3,50 Euro gezahlt.

Was sagen die Kunden?

Besonders die Neugierde treibe ihn und seine Freunde häufiger in einen der Automatenkioske. „Da werden Süßigkeiten verkauft, die es hier nicht so gibt“, berichtet der elfjährige Juno Scherzer. Einige Artikel würde er aus dem Internet, etwa durch YouTube-Videos, kennen. Pauschal könne man sagen, dass „alle amerikanischen Süßigkeiten, die ich probiert habe, viel süßer sind.“ Und die Takis-Chips seien – wie bereits beschrieben – sehr scharf.

Der vermutlich schärfste Chip der Welt

Die Verpackung enthält nur einen einzigen Chip – und der kostet bei vielen Anbietern mehr als zehn Euro. Die Rede ist von der Hot Chip Challenge. Die rote Packung, die eine feuerspeiende Peperoni zeigt, gibt es in den beiden Automaten an der 1. Südwieke und am Untenende. Und sie ist ein Internettrend. Der Mais-Tortilla-Chip wird mit den „schärfsten Chilis der Welt“ beworben. Laut Auszeichnung hat der Chip einen Scoville-Wert 1,8 bis 2,2 Millionen. Zum Vergleich: Eine normale Peperoni liegt zwischen 100 und 500. „Das Produkt ist nicht geeignet für Kinder, schwangere und stillende Frauen“, heißt es auf der Webseite. Tepasse erklärt, jemand der sich einen einzelnen Chip für mehr als zehn Euro kauft, würde sich zuvor informiert haben. Außerdem warne ja die Verpackung und der Umstand, dass der Chip mit einem Handschuh geliefert würde. Im Trend liegt die Hot-Chip-Challenge, weil sich viele Influencer und Sozial-Media-Nutzer beim Essen des Chip filmen. Das bewirbt auch die Hot-Chip-Webseite: „Die Popularität wird auch durch die Challenge-Videos auf Youtube bestätigt, die zusammen mehr als 20 Millionen Views haben!“ Wie passt das zum Taschengeld? Eine kleine Tüte Chips für sechs oder mehr Euro aus dem Automaten – da muss mancher schon zwei Mal überlegen. Doch bei den internationalen Süßigkeiten gelten vor allem junge Leute als Zielgruppe – insbesondere Schüler, die häufig Taschengeld als Einkommen haben. „Wir teilen uns das oft mit zwei oder drei Leuten“, sagt Juno Scherzer. Entweder würde sich jeder ein Teil kaufen und dann würde geteilt, oder alle schmeißen zusammen.

Scharfe Chips liegen derzeit voll im Trend – insbesondere die Hot-Chip-Challenge (Mitte). Foto: Hellmers
Scharfe Chips liegen derzeit voll im Trend – insbesondere die Hot-Chip-Challenge (Mitte). Foto: Hellmers

Ist das noch gesund?

„Die Sachen schmecken viel intensiver“, sagt Tepasse. Er und die anderen Automatenbetreiber weisen darauf hin, dass davon auch weniger gegessen werde. Ein Grund sei der vergleichsweise hohe Preis der importierten Artikel. Übrigens jedes in Deutschland verkaufte Produkt müsse auch ein deutsches Label mit den Inhaltsstoffen haben.

Wie die drei Betreiber erklären, müssen sie jeden Riegel und Co. einzeln auszeichnen. Tepasse erläutert, dass es darauf spezialisierte Kanzleien gibt, bei denen die Produktauszeichnungen erworben werden können. Manche Großhändler bieten ihre Waren sogar gleich ausgezeichnet an.

Was sagen Ernährungsberater?

Der Fitness-Trainer Mirko Malec, der auch Ernährungsberatungen anbietet, erklärt, im Vergleich zu den hiesigen Produkten „tut sich nicht viel“. Grundsätzlich seien ohnehin stark verarbeitete Produkte nicht zu empfehlen. Das gelte nicht nur für Süßwaren, sondern allgemein für Lebensmittel. Allerdings betont Malec, dass wie in fast allen Lebensmittelfragen die Menge entscheidend sei. Wenn also mal Süßes – oder eben Scharfes aus einem Automaten gegessen werde, sei es okay. „Das wird zum Problem, wenn auch zu Hause noch zu viel davon gegessen werde.“ Der Körper würde auf Schärfe und Süßes ohnehin sofort reagieren.

Ähnlich sieht es auch Hannah-Deike Schwaldat. Sie ist Geschäftsführerin im Physio Aktiv in Rhauderfehn und bietet dort ebenfalls Ernährungsberatung an. „Gesund sind Lebensmittel, die unverarbeitet sind“, sagt sie – und das sind keine Süßigkeiten. Wenn in Maßen so etwas gegessen werde, sei das aber okay: „Die Menge macht das Gift.“ Beide sind sich einig: Je weniger Lebensmittel verarbeitet sind, desto besser.

Kritisch sieht sie die extrem scharfen Chips – dabei sei Scharfes grundsätzlich gesund. „Aber wenn etwas so scharf ist, dass es Schmerzen bereitet, kann ich mir nicht vorstellen, dass es gesund ist.“ Dadurch können die Magen-Schleimhäute gereizt werden und sogar zu Durchfällen führen. „Eltern sollten ihre Kinder aufklären.“

Wie ist das mit den Energydrinks?

Ebenfalls warnt Schwaldat vor Energy-Drinks. Die würden zumeist aus viel Zucker und Koffein bestehen. „Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sollten Kinder und Jugendliche täglich nicht mehr als drei Milligramm (mg) Koffein pro Kilogramm (kg) Körpergewicht zu sich nehmen“, heißt es dazu etwa in einer Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung von 2019. Darin wird vorgerechnet: Zwei Dosen mit 250 Milliliter und 80 Milligramm Koffein sind für einen jungen Menschen mit 50 Kilogramm Körpergewicht bereits zu viel.

Abschließend heißt es in der Stellungnahme, dass moderate Mengen bei jungen Erwachsenen okay seien, aber zu viel Energydrinks zu Herzklopfen, Kurzatmigkeit und andere Beschwerden führen können. Aber: „Befragungen zum Trinkverhalten belegen, dass zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zu bestimmten Gelegenheiten übermäßig hohe Mengen an Energy Drinks von einem Liter und mehr konsumieren.“

Wie verlässlich ist das Angebot?

Da mit speziellen und raren Lebensmitteln gehandelt werde, könne sich das Angebot regelmäßig ändern. Das sagen alle drei Anbieter aus Rhauderfehn unabhängig voneinander. Außerdem würden sie versuchen, neue Trends möglichst schnell mit in die Produktauswahl aufzunehmen.

Und die Supermärkte?

Beim E-Center in Rhauderfehn gibt es seit kurzer Zeit ebenfalls Chips der Marke Takis, exotische Fanta und andere exotische Süßwaren.

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