Nach uns die Sintflut Starkregen und Gräben dicht – Bürgern drohen Konsequenzen
Der Klimawandel bringt Starkregen, Gräben sind dicht, Straßen saufen ab: Im Rheiderland macht nun eine Gemeinde den Anfang und geht das unliebsame Problem an.
Rheiderland - Die Älteren wissen noch, wie sie sich um Gräben zu kümmern haben. Warum sie so wichtig sind. Jüngere und Zugezogene wüssten wohl nicht Bescheid, mutmaßt Jemgums Bürgermeister Hans-Peter Heikens. Oder sie denken, „nach uns die Sintflut. Im wahrsten Sinne“. Nach starkem Regen stehen derzeit ganze Straßenzüge in der Gemeinde unter Wasser. Dieses Problems will man sich nun annehmen. „Zugegeben für einen Bürgermeister ein unliebsames Thema, aber mit den Gräben geht es so nicht weiter“, sagt er.
Was und warum
Darum geht es: Bei Starkregen saufen einige Straßen im Rheiderland ab. Man sieht sich in Jemgum gezwungen, einen unpopulären Kurs einzuschlagen.
Vor allem interessant für: diejenigen, die auch bei Starkregen trockene Füße behalten wollen
Deshalb berichten wir: Um Gräben muss man sich kümmern. Gemeinde und Sielacht wollen zunächst informieren, bevor es Konsequenzen geben soll. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Das ist das Problem
Anstatt die Gräben sauberzuhalten, lasse man sie zuwuchern, pflanze viel zu nah etwa Hecken oder werfe Grünschnitt hinein. „Mit jedem Jahr, das vergeht, bekommen wir die Auswirkungen des Klimawandels härter zu spüren. Unter anderem durch Starkregen“, sagt Bürgermeister Heikens. Die Mengen an Oberflächenwasser, die hinunterkommen, sollten eigentlich durch Gräben abgeleitet werden. Allerdings brauche es ein gewisses Maß an Pflege, damit das klappt. „Dafür sind die Bürgerinnen und Bürger zuständig“, erklärt er. Das bliebe aus – aus Unwissenheit oder Unachtsamkeit. „Wir unterstellen niemandem eine böse Absicht.“
Könne das Wasser bei Starkregen nicht in Gräben fließen, stehe es auf den Straßen: „Dort sind die Schächte für Hausabwässer. Dort fließt das Regenwasser durch Lüftungslöcher hinein und wir müssen es für teures Geld im Abwassersystem mitpumpen“, erklärt Heikens. Die Rechnung dafür trügen am Ende über Abwassergebühren alle Bürger – auch die mit vorbildlichen Gräben.
Das sagt die Sielacht
Trockenperioden und Starkregen wechseln sich ab: Im Rheiderland arbeitet man an einem Weg, das Wasser zu bewahren, wenn es regnet. Um dann davon zu zehren, wenn es zu trocken ist. Die Gräben sind eines der Probleme, die es derzeit noch zu lösen gilt, erklärt Willem Berlin, Obersielrichter der Rheider Deichacht. Sie sind nicht nur wichtig, damit das Wasser nicht auf den Straßen steht, sondern auch dafür, dass es ins richtige System gelangt. „Die kleinen Gräben sind viel zu schnell überlastet, wenn sie nicht gepflegt werden“, sagt er.
„Das Wasser fließt aus Wohngebieten derzeit fast zu 100 Prozent schließlich über die größeren Gewässer und Gräben, um die wir uns kümmern, dann in die Ems. Wir müssen es pumpen und damit ist es als wertvolles Süßwasser verloren.“ Das Wasser rase so ungenutzt geradezu aus dem Kreislauf heraus, anstatt über kleine Gräben und die Erde zu versickern. Ein weiterer Grund dafür: Zu viel Versiegelung durch Bebauung oder beispielsweise Schottergärten.
Die Gewässer zweiter Ordnung (u.a. größere Gräben und Sieltiefs) gehören zu denen, um die sich die Sielacht kümmert, die dritter Ordnung (u.a. kleine Grüppen und Gräben) sind in der Verantwortung der Bürger. Auch die kleineren Gräben gehören zu dem System, das nötig ist, um Vorräte zu speichern, das Wasser zu wahren.
Gerade in Siedlungen und Baugebieten seien die Gräben oft so angelegt, beziehungsweise nah bebaut, dass es eben Handarbeit erfordere. „Wenn ich sehe, dass junge Leute zweimal die Woche ins Fitnessstudio gehen, aber nicht einmal im Jahr eine Schaufel in die Hand nehmen und den Graben säubern können, das kann ich nicht verstehen“, sagt Willem Berlin. „Manche bauen Gartenhäuschen auf Stelzen in die Gräben. Wir haben schon die dollsten Sachen gesehen.“
Das sind die Konsequenzen
Das Problem erstreckt sich über das gesamte Rheiderland, nicht nur über Jemgum. „Bingum, Weener, Bunde: Schon jetzt wissen wir, bei welchen Gräben wir jedes Jahr wieder hinterher müssen“, sagt Stefan Michels, Geschäftsführer der Rheider Deichacht. Allerdings gehe man das Problem in Jemgum jetzt an. Es gehe zunächst darum, weiter darauf aufmerksam zu machen, wie unerlässlich es ist, Gräben zu pflegen.
Schließlich gibt es eine gemeinsame Grabenschau von Sielacht und Gemeinde – im Oktober. Nur von Oktober bis in den Februar darf man an die Gräben ran, die auch Lebensräume für Pflanzen und Tiere sind. Die Sielacht fertigt von der Schau ein Protokoll an und gibt es an den Landkreis Leer als zuständige Behörde weiter. „Diese erklärt nochmal, welche Verordnung es gibt und welche Pflichten. Schreibt also die Anwohner an, wenn sie tätig werden müssen“, erklärt Christiane Dorenbos von der Gemeinde Jemgum. Dabei wird es eine Frist geben, innerhalb derer man ran muss. Wenn nichts passiert, werde eine Fachfirma übernehmen und die Kosten werden den Anwohnern in Rechnung gestellt.