Blumen statt Kies Schotter soll von Gräbern in Remels verschwinden
Schotter oder Kiesel bedecken nicht nur Vorgärten, sondern auch Gräber. Die Kirchengemeinde Remels möchte stattdessen lieber Pflanzen sehen. Sie macht vor, wie das geht.
Remels - Dicke, weiße Kiesel wechseln sich in einem Streifenmuster mit dunklem, scharfkantigem Gestein ab. In einem kleinen Dreieck in der Ecke wachsen noch ein paar Begonien. So sollen neue Grabstellen auf den Friedhöfen der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde künftig steinfrei bleiben. Pastorin Marion Steinhorst-Coordes erklärt, warum das so ist.
Was und warum
Darum geht es: Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Remels will die „Verschotterung“ von Gräbern zurückdrängen.
Vor allem interessant für: Menschen, die eine Grabstelle auf einem kirchlichen Friedhof in Remels pflegen oder sich dort beisetzen lassen wollen
Deshalb berichten wir: Die Kirchengemeinde war mit dem Projekt für Biodiversität auf Friedhöfen auf uns zu gekommen Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de
Die Kirchengemeinde arbeitet nämlich daran, dass die Friedhöfe nicht nur Orte der Trauer und Erinnerung sind, sondern auch ein Ort für biologische Artenvielfalt. Dazu hat sich die Gemeinde um die Teilnahme am Projekt BiCK (Biodiversität auf kirchlichen Flächen) beworben und wurde angenommen. Gleichzeitig gibt es eine neue Friedhofsordnung, sagt Steinhorst-Coordes – dafür sei es Zeit gewesen.
Friedhofskultur ist im Wandel
Denn die Kultur auf dem Friedhof und bei der Grabpflege hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Das sieht man auf den ersten Blick: Zwischen den Grabstellen gibt es große Lücken. Noch vor wenigen Jahren wurde eine Fläche zum Kanal hin als Erweiterung geplant. „Die werden wir wohl nicht mehr brauchen“, glaubt Frauke Jelden, Vorsitzende des Kirchenvorstands. Denn die Zeit großer Familiengräber sei vorbei, stellt Pastorin Steinhorst-Coordes fest.
Stattdessen erfreue sich eine andere Bestattungsform großer Beliebtheit: die halbanonyme Urnenbeisetzung. „Sicherlich 40 Prozent aller Beerdigungen sind heute Urnenbestattungen“, schätzt Steinhorst-Coordes. Tendenz steigend. An der Nordseite des Friedhofs liegen diese halbanonymen Urnenfelder. Die vielen Tafeln mit den Namen von Verstorbenen zeigen, dass diese Felder schon gut belegt sind. „Das erste haben wir vor nicht mal zehn Jahren angelegt“, sagt Jelden.
Unter dicker Folie lebt nichts
Der Grund dafür ist wohl nicht zuletzt, dass diese Gräberform zwar einen Platz bietet, an dem man den verstorbenen Angehörigen aufsuchen kann, aber man andererseits nicht mehr jede Woche eine Grabstelle pflegen muss. „Wir haben hier keinen guten Boden“, sagt Frauke Jelden. Blumen wie Begonien oder Rosen müsse man bei großer Hitze ständig wässern. Aber viele Angehörige haben dafür entweder zu wenig Zeit, sie sind zu alt geworden oder sie leben zu weit entfernt. Deshalb wählten bisher viele eine dicke Steinschicht mit untergelegter Folie als vermeintlich pflegeleichte Alternative.
Aber ebenso wie in den berüchtigten Schottergärten behindern auch Schottergräber die biologische Vielfalt. Auf manchen Grabstellen lugt unter den Steinen dicke schwarze Folie hervor – es könnte sich um Teichfolie oder Siloplane handeln. Beides lässt weder Luft noch Wasser durch. Darunter lebt nichts mehr. Damit soll nun Schluss sein. „Es gibt noch Bestandsschutz für die Grabstellen, die jetzt so angelegt sind“, sagt die Pastorin. Aber wenn die Belegung ausläuft, müssen die Steine samt Folie auf eigene Kosten beseitigt werden.
Mustergrab zeigt, wie es pflegeleicht geht
Wer ein Grab neu anlegt, muss künftig auf die Steine verzichten. Das sieht die neue Friedhofsordnung vor. Dass eine Bepflanzung trotzdem pflegeleicht sein kann, führt die Kirchengemeinde direkt auf dem Friedhof vor: Es gibt ein Mustergrab, das mit bodendeckenden Stauden und Gräsern bepflanzt ist, die wenig Pflege erfordern. Natürlich muss man gelegentlich aufgeschlagene Wildkräuter entfernen – aber das muss man beim Schottergrab genauso. Eigentlich wachsen die Pflanzen auf dem Mustergrab so dicht, dass dazwischen wenig anderes eine Chance hat. Es sieht gut aus, aber das ist nicht alles.
Denn mit der Aufnahme in das Programm für Biodiversität hat sich die Kirchengemeinde dafür entschieden, der Natur eine Chance zu geben. „Wir haben eine Gartengestalterin engagiert, die für uns bereits Bepflanzungen angelegt hat“, sagt Frauke Jelden. Vor der Kapelle etwa wurden alte, immergrüne Sträucher entfernt und durch Blütenstauden ersetzt. Für Hecken wird nun keine Thuja mehr verwendet, sondern heimische Hainbuche. Aus dem Projekt stehen der Gemeinde 4500 Euro Fördermittel zur Verfügung.
Sargbestattung im Schatten der Bäume
Hohe Bäume säumen den Friedhof und einige Wege. Hier gibt es eine weitere Bestattungsform, die „baumnahe Beisetzung“. Die Plaketten mit den Namen werden an einem „Baum“ aus Edelstahl angebracht, die Urnenfelder liegen im Schatten der echten Bäume. „Das wollen wir jetzt auch für eine Sargbestattung anbieten“, sagt Marion Steinhorst-Coordes. Auf der gegenüberliegenden Seite des Friedhofes wurde dafür bereits eine Fläche unter Bäumen ausgewählt. „Es sind die ersten Gräber, die nicht mehr geostet sind“, sagt sie.
Projekt BiCK in Kürze
Mit dem „BiodiversitätsCheck in Kirchengemeinden“ (BiCK) setzt sich die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers für mehr biologische Vielfalt auf kirchlichen Flächen, darunter Friedhöfen, ein. „Biologische Vielfalt ist die Grundlage des Lebens, von der Ernährung über die Gesundheit bis hin zu den Lösungen für den Klimaschutz", heißt es auf der Internetseite zu dem Verbundprojekt mehrerer Landeskirchen. Es wird finanziert mit Fördermitteln von rund 3,58 Millionen Euro vom Bundesumweltministerium und dem Bundesamt für Naturschutz. In diesem Jahr werden innerhalb der Landeskirche Hannovers etwa 20 Kirchengemeinden gefördert. Dazu gehört neben Remels auch die Kirchengemeinde Loga. Weil die biologische Vielfalt durch Faktoren wie intensive Landnutzung, schädliche Stoffen in Boden, Wasser und Luft, das Auftreten invasiver Arten und die Klimakrise unter Druck gerät, möchte die Landeskirche mit der Aktion die Lebensgrundlage für alle auf der Erde sichern.
Auch das eine Änderung in der Friedhofskultur: Nach christlicher Tradition werden Tote eigentlich so beigesetzt, dass sie bei ihrer Auferstehung gen Osten blicken würden. Somit ist das Grab west-östlich ausgerichtet, der Sarg liegt mit der Kopfseite nach Westen. „Aber darauf legen immer weniger Menschen Wert“, sagt die Pastorin. Manche wüssten wohl nicht einmal mehr von der Tradition. Deshalb wird diese bei den baumnahen Sargbestattung aufgegeben. Weiterhin muss aber für jeden Toten ein Schild mit dem Namen angebracht werden. „Es ist ein kirchlicher Friedhof“, unterstreicht Steinhorst-Coordes, ganz anonyme Beisetzungen seien ausgeschlossen.
Aktionstage zum Mitmachen geplant
Die neue Bepflanzung soll zum Beispiel durch Nistkästen ergänzt werden. Dazu plant die Kirchengemeinde zwei Veranstaltungen: Am 28. Oktober sollen Blumenzwiebeln und Stauden gepflanzt werden. Am 25. November folgt ein Aktionstag, bei dem neue Bäume gepflanzt und Nistkästen aufgehängt werden sollen. Wer Lust hat, dabei mitzuhelfen, ist willkommen, sagt Frauke Jelden.