Schwerin  Was soll das sein – dieser „Osten“?

Michael Seidel
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Von Michael Seidel
| 06.08.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ostdeutschland scheint vielen Deutschen (auch im Osten) noch immer als Problemzone. Foto: Imago
Ostdeutschland scheint vielen Deutschen (auch im Osten) noch immer als Problemzone. Foto: Imago
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Ostdeutschland scheint vielen Deutschen (auch im Osten) noch immer als Problemzone. Dabei geht aus dieser Himmelsrichtung viel Innovatives für den Rest der Republik aus, wenn man bereit ist, differenziert zu schauen.

Ich bin es leid, gewissermaßen als „Quotenossi“ in meiner Branche den Ost-Erklärer zu mimen. Deshalb flüchte ich zuletzt gerne mal in fast vergessene Ossiwitze: „Im Osten geht die Sonne auf“, witzelte der geübte Zwischen-den-Zeilen-Leser meiner Generation. „Im Westen geht sie unter!“ Verstehen Sie? Aufbruch im Osten – im Westen eher Untergang. Bätsch!

Jeder DDR-Bürger wusste, dass die These das Gegenteil der Wahrheit war, aber so vermochte man, sich selbstironisch ein wenig Selbstwert zuzuschreiben, weil der wissenschaftliche Kommunismus schließlich die finale und zwingend gesetzmäßige und höchste Entwicklungsstufe der Menschheit sein würde – und der westliche Kapitalismus „faulend, absterbend und parasitär“.

Nun, Lenin gehört heute nicht mehr zu Pflichtlektüre. Gott sei Dank. In der Unibibliothek schlief ich regelmäßig darüber ein. Aus unbefangener Perspektive lese ich ihn heute gelegentlich mit Interesse. Und staune, wie sehr mancher seiner Thesen auf die heutige Zeit passen.

So könnte man etwa die Analyse der früheren Top-Beraterin der US-Regierung und vehementen Russland-Kritikerin, Fiona Hill, lesen: „Der Widerstand der Länder des Globalen Südens gegen die Solidaritätsappelle der USA und Europas zur Ukraine ist eine offene Rebellion. Es ist eine Meuterei gegen das, was sie als den kollektiven Westen ansehen, der den internationalen Diskurs dominiert und seine Probleme allen anderen aufzwingt, während er ihre Forderungen hinsichtlich der Kompensationen für den Klimawandel, der wirtschaftlichen Entwicklung und des Schuldenerlasses beiseiteschiebt.“

Der postkoloniale globale Verteilungskampf um die Rohstoffe der Zukunft wirkt wie ein Beleg für die Leninsche These. Die Frage ist allerdings, ob all das zwangsläufig auf den Zerfall des westlichen Lebensmodells hinausläuft, oder ob die freiheitlich-demokratischen Gesellschaften am Ende doch jene sind, die durch permanente Selbstkorrektur am ehesten in der Lage sind, sich selbst und die Welt zu retten.

Die verschiedenen ostdeutschen Generationen und Landsmannschaften können zu solchen Selbstkorrekturen eine Menge beitragen – wenn sie denn gelassen werden. Denn sie sind in höchst unterschiedlicher Weise durch die Transformationserfahrungen der zurückliegenden Jahrzehnte geprägt.

Netzwerkinitiativen wie Wir sind der Osten beispielsweise oder „3te Generation Ost“ machen Menschen in und aus Ostdeutschland sichtbar, die die Zukunft positiv gestalten. Sie zeigen Macher, die Herausforderungen anpacken. Fast ein Viertel der hier Geborenen hat ja Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung verlassen, „im Westen“ oder gar im Ausland gelebt, Erfahrungen, Wissen und Fähigkeiten gesammelt.

Andererseits leben viele im Westen Geborene seit nun drei Jahrzehnten im Osten. Zählen die jetzt als Ostdeutsche oder nicht? Verstehen diese Menschen noch Sowjet-Witze wie „Freunde kannst du dir aussuchen – ’nen großen Bruder musst du nehmen, wie er ist“? Es gibt nicht nur „Russland-Versteher“ oder nur „Anti-Amerikaner“ – der Osten ist viel differenzierter, als er üblicherweise gesehen wird. Es wäre Zeit, auch im innerdeutschen Verhältnis die Diskurshoheit des „kollektiven Westens“ abzulegen.

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