Hamburg Trump plädiert auf „nicht schuldig“ – Amerika steht vor einer Zerreißprobe
Donald Trumps erster Gerichtstermin im April hatte ein globales Medienspektakel zur Folge. Die neuerliche Anklage gegen den Ex-US-Präsidenten wurde in Europa nun eher Trump-müde zur Kenntnis genommen. Unser Kommentator meint: zu Unrecht.
Donald Trump ist nach Washington D.C. zurückgekehrt – allerdings ist der Anlass wenig rühmlich. Der 45. Präsident der USA soll persönlich für den Sturm auf das Kapitol verantwortlich sein und ist deshalb vorgeladen worden. Sollte Trump für schuldig befunden werden, würde im historischen Vergleich selbst Richard Nixons Watergate-Affäre dagegen verblassen.
Die Anklage könnte brisanter nicht sein, weil Trump durchaus Chancen hat, nach den Wahlen 2024 ins Weiße Haus zurückzukehren. Seine Hauptgegner Ron DeSantis und Ex-Vize Mike Pence liegen im Rennen um die Nominierung der Republikaner abgeschlagen hinter ihm. Bis zum Votum wird noch ein Jahr vergehen. In parteiübergreifenden Umfragen liegt Trump mit Amtsinhaber Joe Biden zurzeit fast gleichauf.
In den Augen seiner Fans ist Trump ein Märtyrer, den das „Establishment“ mit unfairen Mitteln aus dem Verkehr ziehen will, weil sie kein politisches Mittel gegen ihn fänden. Trump selbst spricht gerne von einer Hexenjagd. Mehr als die Hälfte der Republikaner glaubt bis heute an die Lüge von der „gestohlenen“ Wahl, die nicht mal einer von Trump in Auftrag gegebenen Untersuchung standhielt.
Die Justiz hat es indessen versäumt, auf diese verfassungsfeindlichen Narrative schnell zu reagieren. Stattdessen bietet sich Trump die Gelegenheit, den Nimbus des Unbesiegbaren wieder heraufzubeschwören. Sollte der 77-Jährige in weniger schwerwiegenden Anklagepunkten schuldig gesprochen werden, könnte der Oberste Gerichtshof im Falle seines Wahlsiegs sogar darüber entscheiden, ob das Amt Vorrang gegenüber der Strafe hat.
Bei allem Verständnis für langwierige juristische Abläufe hätte Trump viel früher angeklagt werden müssen, um Klarheit zu schaffen. Mitten im Wahlkampf wird der Prozess nun für das zerstrittene Land zur Zerreißprobe – und für Trump zur Bühne.