Seniorenhaus Hesel Nach Convivo-Pleite unternimmt Leiterin einen mutigen Schritt
Wie geht es weiter? Diese Frage stellte sich Frauke Winter als Leiterin des Seniorenhauses Hesel. Ihr Arbeitgeber war insolvent. Sie fasste einen Entschluss.
Hesel - Noch kein halbes Jahr war Frauke Winter als Leiterin des Seniorenhauses Hesel im Amt, als ihr Arbeitgeber, der Wohn- und Pflegeheimbetreiber Convivo, im Januar Insolvenz anmeldete. Jetzt gibt sie bekannt, dass die Seniorenpflegeeinrichtung einen neuen Betreiber hat, nämlich: Frauke Winter, mit ihrem Lebensgefährten Stephan Klene. Das Haus hat zudem einen neuen Namen: Leben am Wald.
Was und warum
Darum geht es: Nach der Convivo-Insolvenz musste ein neuer Betreiber für das Seniorenhaus in Hesel gefunden werden. Es gibt eine ungewöhnliche Lösung.
Vor allem interessant für: Menschen, die Pflege brauchen oder pflegebedürftige Angehörige haben
Deshalb berichten wir: Die Leiterin Frauke Winter hatte sich mit der Neuigkeit an unsere Redaktion gewendet. Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de
Wie in insgesamt 40 Pflegeeinrichtungen von Convivo im Nordwesten hing die Zukunft des Seniorenhauses Hesel in der Schwebe. „Es hätte auch passieren können, dass dieses Haus leer steht“, sagt Winter, die nun mit Klene die Geschäftsführung innehat. Dabei sei das Konzept der Einrichtung gut und bewährt, es gebe einen Stamm von motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Deshalb habe sie „die Gunst der Stunde genutzt“, und ein eigenes Angebot eingereicht.
Schon neue Mitarbeiter eingestellt
Vom Insolvenzverwalter bekamen Winter und Klene den Zuschlag. Ob es andere Bewerber gab, wissen sie nicht und das spiele für sie auch keine Rolle. Sie blicken nach vorne und haben bereits Pläne. Schon während der Insolvenzphase habe sie neue Pflegekräfte eingestellt und außerdem vier Auszubildende. „Wir haben noch weitere Bewerbungen vorliegen“, sagt Winter. Stephan Klene, der für die Haustechnik zuständig ist, empfindet die Gemeinschaft in der Einrichtung Leben am Wald wie „eine riesengroße Familie“. Das Haus hat eine eigene Wäscherei und Küche.
Die Insolvenzphase hatte zu Einschnitten geführt. Anders als bei den Mitarbeitenden durften keine neuen Bewohner aufgenommen werden. Nachdem sie die Übernahme offiziell zum 1. Mai bekanntgeben durfte, können nun auch wieder pflegebedürftige Menschen aufgenommen werden. Das Seniorenhaus Hesel ist seit vielen Jahren für seinen behüteten Demenzbereich bekannt. Dieses Konzept mit speziellen Teams aus verschiedenen Fachrichtungen soll fortgesetzt werden, kündigt Winter an.
Kurzzeitpflege und ein neues Angebot
Von 77 Plätzen seien derzeit 56 belegt. Neben einer vollstationären Pflege hat Leben am Wald eine aufbauende Kurzzeitpflegeabteilung. Für Menschen, die zum Beispiel nach einem Klinikaufenthalt zunächst Pflege brauchen, bevor sie wieder in ihr Haus zurückkönnen, oder deren pflegende Angehörige eine Auszeit brauchen, können für eine bestimmte Zeit dort aufgenommen werden.
Ein neues Angebot: Senioren von außerhalb können am Mittagessen in der Einrichtung teilnehmen. Für 7,50 Euro gibt es eine vollständige Mahlzeit. „Es gibt sicherlich viele Ältere, die nicht mehr für sich kochen können. Denen bieten wir eine Alternative zum Essen auf Rädern“, sagt Winter. Dafür wird um Anmeldung gebeten. Damit könne das Haus demonstrieren, dass es keine abgeschottete Welt ist. Noch immer hänge Pflegeheimen oft ein düsterer Ruf an.
„Es ist keine abgeschottete Welt“
Aber dem sei nicht so, sagt Winter. Damit ihre Mitarbeitenden gerne zur Arbeit kommen, bemühe sie sich, individuell zugeschnittene Arbeitszeiten anzubieten, zum Beispiel für Pflegekräfte, die Kinder haben. „Wir möchten, dass sie weiter arbeiten können“, sagt Winter. Es sei deshalb erlaubt, die Kinder am Wochenende zur Arbeit mitzubringen. Wenn die Pflegekräfte sich wohlfühlten, wirke sich das für die Bewohner positiv aus, sagt die Geschäftsführerin.
Für sie ist mit der Übernahme des Hauses ein Rollenwechsel passiert. „Der größte Unterschied ist, dass ich jetzt die volle Verantwortung für das Haus habe.“ Sie habe schon vorher als Heimleitung Entscheidungen treffen müssen, jedoch sei sie nun selbst Arbeitgeber. Für die Übernahme hat das Paar zunächst eine UG (Unternehmergesellschaft) gegründet. Bei dieser Unterform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) kann die Gründung auch mit niedrigere Stammkapital erfolgen. „Es musste schnell gehen“, erklärt Winter.
Viele Convivo-Einrichtungen sind gerettet
Ohne die Hilfe ihrer Rechtsanwälte und Steuerberater sowie der Heimaufsicht des Landkreises Leer, die ihr alle mit Rat und Hilfe zur Seite gestanden haben, hätte sie den Schritt zur Unternehmensgründung nicht so ohne weiteres machen können, sagt Winter. Die UG soll später in eine GmbH übergehen. Winter und Klene sind Pächter der Einrichtung, wie es vorher die Convivo war. Deren Spuren sollen nun verschwinden: „Wir haben ein neues Logo vorbereitet.“
Die Convivo-Gruppe hatte im Januar Insolvenz angemeldet. Davon waren 77 Pflegeeinrichtungen und -heime in Deutschland betroffen, davon 40 im Nordwesten. Dazu gehört der Neubau eines Heimes in Leer auf dem ehemaligen MZO-Gelände. Für dieses war zuletzt ein neuer Betreiber im Gespräch, es wurde jedoch noch kein Name genannt. Für 68 Einrichtungen wurde bereits eine Nachfolgelösung gefunden. Gegen vier Geschäftsführer der Convivo-Gruppe ermittelt die Staatsanwaltschaft Bremen wegen Insolvenzverschleppung.
Erstes Gebäude auf Leeraner MZO-Gelände ist so gut wie fertig
Wie geht es in den Convivo-Seniorenheimen weiter?
Insolvenzen in der Pflege – Heimbetreiber unter Druck