Osnabrück Sinn für das Schöne: Woher kommt der Begriff Augenweide?
Klicken, scrollen, liken - digitale Medien erziehen zur Wahrnehmung im Sekundentakt. Sollte man nicht wieder Zeit haben, etwa für die Augenweide? Woher kommt dieses feine, alte Wort?
Es hört sich wunderschön an und meint eine pure Erfreulichkeit: die Augenweide. Stand das Wort gerade deshalb im Wettbewerb „Schönstes bedrohtes Wort“ 2007 ganz oben auf der Liste? Die Rangliste wurde seinerzeit von dem wirklich herrlichen Begriff Kleinod angeführt.
Die Augenweide kann da aber unbedingt mithalten, auch deshalb, weil es in gleicher Weise mit Geduld und Hinwendung zu tun hat. Eine Augenweide erkennt man nicht im Sekundenbruchteil. Wer sie entdecken und vor allem auskosten will, sollte sich schon etwas länger Zeit nehmen.
Das Wort weckt schönste Assoziationen – etwa die, dass das Auge sich wie auf einer Weide ergehen darf. Daran ist ja auch etwas. Die Augenweide bezeichnet allgemein einen erfreulichen Anblick. Wer diesen Anblick genießen möchte, der schaut lange hin, lässt sein Auge verweilen.
Im Mittelhochdeutschen steht das Wort Weide nicht allein für das Terrain, sondern für Labsal oder Speise. Die Augenweide ist also etwas, dass das Auge und mit ihm die Seele nährt. Dichter des Mittelalters haben das Wort immer wieder in dieser Bedeutung benutzt. „Mines libes ougenweide / Dast diu liebu frowe min“, heißt es etwa bei Hesso von Reinach (1234-1276) aus dem Schweizer Aargau.
Was kann eine Augenweide sein? Eigentlich alles: Mann, Frau, Kind, eine schöne Landschaft, ein Kunstwerk. Der Begriff grenzt die Welt des Gemeinten nicht ein. Es geht mehr um den Modus als um das Objekt. Wer eine Augenweide wahrnimmt, nimmt sich Zeit, ist konzentriert, ganz bei der Sache – und mit der intensiven Wahrnehmung auch bei sich selbst.
Ist es ein Wunder, dass das Wort Augenweide nur noch selten benutzt wird? Viele Menschen bezeichnen die Zeit, in der sie leben, als schnelllebig. Für das digitale Zeitalter trifft das besonders zu. Digitale Medien favorisieren das rasche Hinschauen, das dazu befähigt, aus dem Überangebot des Sichtbaren schnell etwas herauszufiltern, das einem wichtig ist.
Ich bleibe gern bei der Augenweide und bei ihrem Bruder, dem Ohrenschmaus. Lieber den Blick verweilen lassen, als ständig zu scrollen – das ist meine Devise.